„Bad Beat“
Call, Raise, Check, Small Blind, Dealer Button. Noch vor wenigen Jahren waren diese Begriffe nicht nur für den Durchschnittseuropäer, sondern auch für die meisten Nordamerikaner lediglich unverständliches Fachchinesisch. Wer heute nicht weiß was ein Straight Flush ist, lebt definitiv hinter dem Mond.
Keine Frage: Poker ist zur Zeit das Spiel. Ob im Fernsehen, auf dem Schulhof oder am Stammtisch. Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch Hollywood auf diesen Boom setzen würde. Spätestens seit dem phänomenalen Erfolg des letzen Bondfilms (Casino Royale, 2006), hat man auch in der Filmbranche erkannt, wie leindwandwirksam man eine Pokerpartie inszenieren kann. Das Poker-Duell zwischen 007 und seinem Widersacher Le Chiffre gehört zweifellos zu den spannendsten Szenen der letzen Kinojahre.
Das fand wohl auch Regisseur Curtis Hanson. Sowohl bei der Frischzellenkur für den Film Noir (L.A. Confidential, 1997) wie auch bei dem Hip-Hop-Drama 8 Mile (2002) hatte er bereits sein Gespür für aktuell funktionierende Stoffe bewiesen. Warum also nicht auf die neu entfachte Poker-Euphorie setzten?
Hanson hat zu diesem Zweck eine recht illustre Darstellerriege zusammengetrommelt. Das Quartett Eric Bana, Robert Duvall, Drew Barrymore und Robert Downey Jr. kann fraglos als (schauspielerisches) Spitzenblatt gelten. Abgerundet werden die viel versprechenden Rahmenbedingungen durch einen „Locationtrumpf“: den Originalschauplatz Las Vegas. Nicht nur dass das Flair des Zockerparadieses die ideale Kulisse für ein Drama um einen Profipokerspieler stellt - schließlich ist die Glitzermetropole Austragungsort der alljährlichen World Series of Poker -, auch der Erfolg von Steven Soderberghs Heist-Komödie Ocean´s 11 (2001) ist zu einem nicht unwesentlichen Teil eben dieser authentischen Atmosphäre geschuldet.
Kurz: Die Karten waren also durchaus zu Gunsten von Lucky You gemischt. Nur dass ein gutes Blatt eben nicht automatisch zum Sieg führt. Zu einem erfolgreichen Spiel gehört in der Regel eben auch eine intelligente Strategie, so wie für einen erfolgreichen Film im Normalfall ein gutes Drehbuch von großem Nutzen ist.
Glück im Spiel erzählt die Geschichte von Huck Cheever (Eric Bana). Der Profipokerspieler ist einer der besten seiner Zunft, bringt sich aber aufgrund seiner aggressiven Spielweise immer wieder um die Früchte seiner Arbeit. Würde er sich damit zufrieden geben die zahllosen Gelegenheitsspieler in Vegas abzuzocken, könnte er ein relativ geruhsames Leben führen. Aber Huck ist leidenschaftlicher Spieler bis hin zur Sucht. Das Geld ist, wie er selbst sagt, lediglich Indikator für den Erfolg. Folglich ist er auch dauerhaft pleite und hat allergrößte Schwierigkeiten die 10 000 $ Startgeld für die anstehende World Series of Poker zusammenzubringen.
In seiner „Not“ geht er schon mal auf aberwitzige Wetten ein, oder „borgt“ sich kurzerhand das Startkapital für die nächste Pokerrunde bei seiner neuen Freundin (Drew Barrymore). Sein Privatleben ist – kaum überraschend - ein ähnliches Auf- und Ab wie sein Berufsalltag. Das ohnehin zerrüttete Verhältnis zu seinem Vater L.C. (Robert Duvall) bekommt zusätzlichen Zündstoff, als beide bei der Finalrunde der inoffiziellen Pokerweltmeisterschaft aufeinander treffen. Dass L.C. auch noch als bester Pokerspieler von Vegas gilt (er gewann bereits zweimal die World Series), macht Hucks Situation nicht eben leichter.
Hanson entwickelt diese Geschichte routiniert und durchaus unterhaltsam. Er wird dabei von einem glänzend aufgelegten Eric Bana unterstützt, der seine ambivalente Figur glaubhaft und sympathisch verkörpert. Nur sonderlich dramatisch, oder gar spannungsgeladen ist das Ganze nicht geraten.
Ob inhaltliche Wendungen, Verlauf der zwischenmenschlichen Spannungen oder die charakterliche Entwicklung der Hauptfigur, über allem kreist stetig die Axt der Vorhersehbarkeit. So kündigt sich auch der bestenfalls sanfte Schlussclou bereits frühzeitig an. Am Ende ist keiner so richtig zufrieden. Für den Pokerfan wird insgesamt zu wenig gespielt, für den Freund romantischer Verwicklungen liegt der Focus wiederum zu sehr auf dem Pokerspiel und für den Liebhaber zwischenmenschlicher Dramen bleibt der Film zu oberflächlich. Obgleich ebenfalls kein Meisterwerk, hat da der themenverwandte (vermeintliche) Steve McQueen-Klassiker Cincinatti Kid (1965) etwas mehr Substanz.
Letztlich ist Glück im Spiel ein nettes Portrait eines Profispielers, das Dank Banas sympathischer Performance und des authentischen Las Vegas-Flairs bis zum Ende solide Unterhaltung bietet. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.
Fazit:
Mit dem Zockerdrama Lucky you bewies Regisseur Curtis Hanson kein allzu glückliches Händchen. Zwar fliegt er damit nicht vom Pokertisch, den Sieg hat er jedoch leichtfertig verschenkt. Für eine Charakterstudie zu oberflächlich, für einen Pokerthriller zu spannungsarm und für ein Liebesdrama zu seicht, sitzt Glück im Spiel gewissermaßen zwischen allen Stühlen. Trotz ansprechender Schauspielleistungen, einer stimmig eingefangenen Las Vegas-Atmosphäre und einer insgesamt recht unterhaltsam erzählten Geschichte, ist der Gesamteindruck lediglich gehobenes Mittelmaß.
Es bleibt dabei: Hanson ist ein Durchschnittsspieler, der zweimal Glück hatte. Nach Royal (L.A. Confidential) und Straight Flush (8 Mile) hätte Glück im Spiel sein dritter Streich werden können. Die Karten waren viel versprechend. Letztlich muss der Film allerdings als Bad Beat1 abgehakt werden.
(6/ 10 Punkten)
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1 Poker-Fachausdruck aus den Hold´em-Varianten, bei dem ein vermeintlich starkes Blatt überraschend verliert.