Das Night Shyamalan mit "The Sixth Sense" gleich so erfolgreich wurde, hat seinem nachfolgenden Oeuvre eher geschadet. Die überraschende Auflösung am Ende von "The Sixth Sense" wurde zum Maßstab für seine Filme. Das hatte zur Folge, daß immer wieder aufs Neue etwas besonders Überraschendes von ihm erwartet wird und daß er damit ein Publikum angesprochen hatte, daß für die tatsächlichen Qualitäten seiner Filme kein Gespür hat.
Denn Night Shyamalan erzählt vor allem kleine Geschichten. Geschichten mit wenig handelnden Personen in einem überschaubaren räumlichen Bereich. Und er erzählt von Beziehungen - von ganz alltäglichen Beziehungen wie von Mutter und Sohn in "The Sixth Sense" oder denen einer dörflichen Gemeinschaft in seinem letzten Film "The Village". Durch die Verbindung dieser "normalen" Begebenheiten mit einer übersinnlich, geheimnisvollen "Gegenwelt" schafft er einen Mikrokosmos, der die Abläufe darin beschleunigt und so seziert, daß sie völlig offensichtlich werden - geradezu unnatürlich bewußt.
Auch in "Ein Mädchen aus dem Wasser" ist das Ambiente Normalität pur. Ein Appartement-Wohnhaus mit typischen Bewohnern ,mit den üblichen Problemen des Zusammenlebens und den täglichen Defekten. Um die kümmert sich Hausmeister Heep (Paul Giamatti) mit stoischer Ruhe. Ob er eine Birne auswechselt, einen WC-Spülkasten repariert oder den zu der Anlage gehörenden Swimming-Pool reinigt - immer geht er seiner Pflicht nach ,um sich dann abends allein in sein Hausmeisterhäuschen zurück zu ziehen. Zu seinen Aufgaben gehört natürlich auch die Einweisung eines neuen Bewohners, diesmal in Person des Filmkritikers Harry Farber ,der eher einen mürrischen Eindruck hinterläßt.
Das hier nicht alles so durchschnittlich ist, wie von mir beschrieben, erkennt man schon an der Architektur des Hauses, die sehr transparent ist und so wirkt, als würden hier sämtliche Bewohner eng zusammen leben. Aber so ist es natürlich nicht .Im Gegenteil ,hier gibt es einige sperrige Charaktere, die sich einem harmonischen Miteinander entziehen. Bei Night Shyamalan sind diese sehr engen Lebenswelten immer ein kleines Abbild der Menschheit. Ihn interessiert gar nicht, was draußen vor sich geht, da für ihn alle wesentlichen Abläufe innerhalb des von ihm gewählten Raumes stattfinden und so geht es hier auch um nicht weniger, als um die Rettung der Menschheit.
Als Hausmeister Heep das Wasserwesen Story (Bryce Dallas Howard) im Swimmingpool "erwischt" und dieses zu ihm in sein Häuschen kommt, erhält die eigentliche Geschichte die bei Night Shyamalan typische zweite Ebene des Unerklärlichen und Geheimnisvollen.. Story ist gekommen, um einen Bewohner des Wohnkomplexes zu "erleuchten" , damit dieser eine wichtige Aufgabe für die Menschheit erfüllt - außerdem wird sie dadurch von ihrer Aufgabe "befreit". Allerdings gibt es böse Mächte in Gestalt eines Art Riesenwolfes, der sie bei dieser Aufgabe hindern und töten will.
Jetzt hätte man an Hand dieser Konstellation einen Film über Skepsis und Mißtrauen drehen können, der kritisch die Verhaltensweisen der Menschen hinterfragt hätte, die nicht in der Lage sind über ihren Schatten zu springen. Aber Night Shyamalan denkt gar nicht daran. Als wäre es das Normalste der Welt, beginnt Heep sofort nachzuforschen, welcher denn der Auserwählte ist, der erleuchtet werden soll. Nicht nur das - auch jeder andere Bewohner des Hauses - selbst der skeptischste Typ - nimmt sofort seine Rolle an, obwohl es sich dabei um Aufgaben wie "Der Heiler", "Die Gilde" oder " Der Beschützer" handelt - also typische Rollen aus dem esoterisch verbrämten Fantasybereich.
Diese Storykonstruktion hat Night Shyamalan viel Kritik eingebracht, inklusive dem Fakt, ausgerechnet selbst die Rolle des zu "Erleuchtenden" zu spielen. Dabei wird übersehen ,daß der Film sehr komisch ist ,ohne dabei auf irgendeinen vordergründigen Witz zu setzen. So macht es zum Einen Spaß dabei zuzusehen, wie ständig versucht wird, heraus zu bekommen, wer denn nun welche Rolle inne hat und wenn zum Anderen dabei eine Kiffertruppe, die sonst ketterauchend dem Hausmeister das Leben schwer macht, sofort ernsthaft ihre Rolle als "Gilde" annimmt, dann ist das einfach wunderbar skurril.
Genauso hat auch Night Shyamalans Rolle nichts selbst beweihräucherndes, wie oft behauptet wird, denn er wirkt die ganze Zeit so, als wenn er dringend erleuchtet werden müßte, so fragend und naiv ist sein Gesichtsausdruck. Auch der Fakt, den Filmkritiker als einen bornierten Menschen darzustellen, der sich als Einziger nicht in die Gemeinschaft einordnet und deshalb gnadenlos geopfert wird, entbehrt nicht einer gewissen Komik.
Night Shyamalan gelingt eine wunderbar liebenswerte Atmosphäre, die mit einem Augenzwinkern die verschiedensten Menschen zusammenführt und dazu bringt, eine völlig unrealistische märchenhafte Aufgabe zu übernehmen. Natürlich stecken dahinter sehr idealistische Beweggründe, die uns verdeutlichen sollen, daß wir unsere ureigenste Aufgabe erkennen und zu uns selber finden sollen. Aber hier wirkt das nicht penetrant oder besserwisserisch, sondern spielerisch und dazu in schönen Bildern atmosphärisch dicht umgesetzt.
Die größte Schwäche des Films liegt dann leider ausgerechnet in den wenigen horrorartigen Szenen, die an frühere Filme erinnern. Natürlich ist die Bedrohung wichtig, denn sie begründet letztendlich den gruppendynamischen Prozess der Bewohner, aber sie ist zu real dargestellt. Hier hätte ein schemenhaft, bedrohliches Szenario besser gepaßt, es hätte den unwirklichen, märchenhaften Charakter noch betont.
Fazit : Sehr eigenständiger ,ungewöhnlicher Film , der ein bißchen wie ein Kinderfilm für Erwachsene wirkt, dabei aber wie bei Night Shyalaman üblich komplett durch gestaltet ist Er erzählt in einem ruhigen aber immer abwechslungsreichen Tempo, wie sich die völlig normalen Einwohner eines Appartement-Wohnhauses zu einer Aufgabe zusammenfinden, die ihnen durch eine Wassernymphe vorgegeben wird.
Diese Konstellation aus vernunftbegabten Stadtmenschen und einer märchenhaften Aufgabe erzeugt eine Vielzahl komischer Situationen gerade dadurch, daß keiner dieser Aufgabe auch nur eine Sekunde mit Skepsis begegnet ,sondern sich alle mit kindlichem Eifer voll einbringen. Night Shyalamans Intentionen sind offensichtlich, werden aber durch das Szenario spielerisch, geschmackvoll und nie kitschig dargestellt - auch deshalb ,weil sämtliche Schauspieler zurückhaltend agieren.
Er verzichtet auch fast vollständig auf Horrorelemente und auf irgendwelche überraschenden Wendungen, so daß diese durch frühere Filme entstandenen Erwartungshaltungen nicht erfüllt werden. Es wird noch einige Zeit dauern bis dieses atmosphärisch dichte, witzige und liebenswerte Märchen seine verdiente Anerkennung bekommt (8/10).