Review

Ein überaus düsteres Bild einer problembehafteten Schülerschaft zeichnet der Australier Thalluri mit seinem Leinwanddebüt „2:37“.
Düster, weil die sechs im Vordergrund stehenden Figuren alle ein Motiv zum Freitod liefern.
Düster, weil zu fast keiner Zeit ein Lichtblick innerhalb dieser Schicksale auszumachen ist.
Und düster, weil man als Zuschauer mit der geballten Ladung Pessimismus konfrontiert wird, die zum Ende nur einen Ausweg kennt: Den Selbstmord. Die Antwort auf das makabere Spiel, wer denn nun der oder die Tote zu Beginn der Handlung ist.

Denn damit steigt „2:37“ ein, zu genau diesem Zeitpunkt hat sich jemand in einer High School das Leben genommen. Hinter einer verschlossenen Tür, das Blut sickert unter ihr durch, eine Schülerin und ein Lehrer alarmieren den Hausmeister, die Tür wird aufgebrochen und in knapp 90 Minuten werden wir die Identität der toten Person kennen.

Das Geschehen springt zurück zum Beginn dieses scheinbar durchschnittlichen Schultages und man widmet sich episodenweise sechs Figuren, die allesamt für diese Tat in Frage kämen.
Bruder und Schwester, die offenbar mehr teilen, als das gemeinsame Dach über dem Kopf, ein körperbetonter Schönling und Sportler, der den äußeren Schein wahrt, um ein Geheimnis zu behüten, dessen bulimiekranke Freundin, die sich ein ganz normales Hausfrauendasein wünscht, ein Homosexueller, der nach seinem Coming Out nur gedemütigt wird und ein Hinkender, der aufgrund zweier Harnröhren unter Inkontinenz leidet.

Das volle, von Klischees überhäufte Randfiguren-Programm und dieses wird an nur diesem einen Schultag entlarvt?
Unglaubwürdig, plakativ und furchtbar konstruiert, - so wirkt die Konstellation auf den ersten Blick und zugegeben, speziell den unkontrollierten Pinkler hätte es in dieser Eindimensionalität nicht bedurft.
Doch anders hätte das makabere Ratespiel um den Selbstmörder nicht funktioniert, auch wenn man sich zwischenzeitlich eine Figur mit positivem Erlebnis wünscht, - diese hätte letztendlich ja weniger Gründe für einen Freitod.

In der Tat treibt die Reihe von Enthüllungen die Spannungsschraube in die Höhe, denn im Verlauf übertreffen sich die jeweils negativen Schicksale. Wobei Regisseur Thalluri geschickt mit dem Szenenablauf spielt, indem er zunächst zwei Protagonisten aus einem Blickwinkel zeigt und danach den gleichen Umstand noch einmal, - jedoch aus der Sichtweise einer dritten Person, die entweder vorher nicht im Bild war oder versteckt innerhalb der Szenerie lauschte.
Dabei kommen viele Szenen oft mit sehr wenigen Schnitten aus, was besonders positiv bei einer der letzten Einstellungen auffällt, kurz vor dem Selbstmord.

Dabei schreckt Thalluri auch vor expliziten Bildern nicht zurück, die teilweise sehr verstörende Auswirkungen haben. Ob ein simpler Faustschlag auf die Nase oder eine schmerzhaft anzusehende Vergewaltigungsszene, - man hat stets das Gefühl einer authentischen Situation beizuwohnen, was der finalen Darstellung des Selbstmordes einen schaurig abstoßenden Höhepunkt beschert. Selten hat man jemanden so intensiv aus dem Leben scheiden sehen und dabei steht besonders das Motiv des Opfers unglaublich stark im Vordergrund.
Im ersten Moment ist man aufgrund genau dieser Person völlig überrascht, doch lässt man die Situation des Opfers ein wenig sacken, bietet dieses letztlich vielleicht das plausibelste Motiv von allen.

Was ich als Manko dieses Streifens ansehe, sind die im Doku-Stil gehaltenen schwarzweiß Passagen, in denen sich die potentiellen Kandidaten einem nicht sichtbaren Interviewpartner offenbaren.
Hier werden einerseits zu viele Details ausgeplaudert und zum anderen fallen diese zu richtungweisend für die Ermittlung des Selbstmordopfers aus.
Als Intro für eine Vorstellung der Figuren ist das okay, doch es verrät im Verlauf zuviel, ist außerdem nicht immer ganz glaubwürdig, wenn jemand pikante Einzelheiten aus seiner Kindheit ausplaudert.

Doch es bleibt eine starke Vorstellung, nicht zuletzt aufgrund der nahezu unbekannten Jungmimen, die hier allesamt mit Herzblut bei der Sache sind.
Jedem nimmt man die entsprechende Rolle ab, da wirkt nichts künstlich oder gestellt, vor allem Teresa Palmer bleibt einem mit ihrer unglaublich intensiven Darstellung als Melody positiv in Erinnerung.
Überhaupt, Melody, kaum etwas eignet sich hier besser zur Untermalung als das versteckte Main-Theme „Clair de lune“ von Debussy, was sich neben Hüllkurvenflächen, sowie zarten Pianoklängen als echtes, symbolträchtiges Klanghighlight erweist.

Vielleicht wird Thalluris Erstling auf massive Kritik stoßen, von wegen Dramaturgie auf Kosten kaum charakterisierter Figuren und Trittbrettfahrer in Sachen Gus van Sants „Elephant“.
Doch ich sehe hier das ambitionierte und durchaus intelligente Werk eines Debütanten, das mit Erfolg auf makabere Spannung setzt und mit überaus authentischen Momenten punktet.
8 von 10

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