High Schools sind die Hölle, das wissen wir alle, seit dem letzten Amoklauf. Oder dem vorletzten.
Und wenn wir neben den ganzen schlechten Furz-und-Piss-Komödien auch einige gute High School-Filme gesehen haben, wie z.B. den thematisch sehr ordentlichen „Breakfast Club“, dann wissen wir es auch aus dem Kino.
Mit „2:37“ hat ein Regisseur eine offenbar persönliche Tragödie verarbeitet, indem er den Selbstmord eines Schülers an den Beginn eines Films gestellt hat, um dann die Uhr auf den entsprechenden Morgen zurückzudrehen, damit man die Schicksale von sechs Schülern und Schülerinnen dieser Schule verfolgen kann, in dokumentarischem Verfolgungsstil, zeitlich überlappend, aus verschiedenen Blickwinkeln und letztendlich durch Interviews ergänzt.
Würde Form über Inhalt gehen, wäre das schon mal ein guter Ansatz – nicht allein, weil am Ende das Ratespiel, wer denn nun der/die Tote ist, eine relativ überraschende Wende nimmt, weil ein bisher eher als Randfigur auftretender Charakter schließlich ein schlimmes Ende nimmt.
Die Aussage, daß das Nichtbeachten die schlimmste Strafe ist für den Einsamen, die Unsichtbarkeit, das Unbemerkt- und damit Ungewolltsein, das ist sicherlich ein wahres Wort für so manchen Schüler.
Und dennoch: der Film funktioniert überhaupt nicht.
Zum einen kann man den fokussierten Figuren die final festgestellte Ignoranz nicht mal vorwerfen, da sie scheinbar allesamt schlimmere Probleme haben, als das faktische Opfer am Ende.
Und das wiederum ist die größte Schwäche des Films, denn die Figurenzeichnung ist geradezu die Neutronenbombe unter den Teenage-Angst-Filmen.
Da kommt wirklich alles zusammen, was in Larry Clarks letzten Filmen (Kids, Bully, Ken Park) noch keinen Platz hatte oder von Gus van Sant zufällig vergessen wurde: Inzest mit anschließender Schwängerung, selbstinduzierter Erfolgsdruck, versteckte Homosexualität, ausgelebte Homosexualität, die in Haß umschlägt, leidige Behinderungen, Anorexie (Magersucht) und was nicht alles noch. Möglicherweise vögelt der Chemielehrer auch noch die Küchenhilfe und es war nur nicht im Bild.
In „2:37: wird alles dermaßen gedrängt und geproppt präsentiert, als hätten die Macher sämtlicher Soapoperas nur einen Film Zeit, um den Skandalstoff von vier Staffeln abzuarbeiten, das Aufkommen an Skandalen und Macken ist geradezu monströs – und in seiner Gedrängtheit purste Kolportage, sensationsgeiles Aufgezähle, das leider nur selten und dann zu spät (in der Inzestszene) wirkliche Emotionen provoziert.
Dazu kommt ein wenig überraschendes Drehbuch, hat man erst mal begriffen, wie boulevardesk hier Stimmung auf sensationsgeil, egal wie unwahrscheinlich, gemacht wird, ist jede Wendung vorausberechenbar, da der verantwortliche Personenkreis schmal bleibt.
Dazu noch ein paar logische Löcher (eine inoperable doppelte Harnröhre, keine verläßlichen Gummihosen; Hinken weil Schuherhöhungen unbekannt sind (was sie nicht sind, der Rezensent hat selbst welche getragen und das vor über 20 Jahren)?) die nicht eben treffend wirken.
Der semidokumentarische Stil ist ferner dazu angetan, die Vereinsamung der Seelen derart zu zeigen, daß man ihnen minutenlang still folgt, während die Delinquenten durch die Schule schleichen. Die Gefahr ist groß, bei solchen dramaturgischen Durststrecken ohne Zweck, das Publikum an die Ungeduld zu verlieren.
Noch dazu gab es schon überzeugendere, weil natürlichere Darsteller für Schulfilme, hier werden tolle Sätze ganz packend aufgesagt, da wird’s dann aber Unterhaltungsfilm pur, Drama gewollt.
Und am Ende den Selbstmord, so wie er offenbar tatsächlich geschehen, in minutenlanger Agonie den Zuschauern um die Ohren zu fetzen, eine nicht enden wollende Jaulorgie, während das Blut aus den Pulsadern dringt, das ist dann nur noch ein leiser Teppichknaller statt einem Moralfeuerwerk, zu ermattet sitzt man nach diesem Dauerbeschuß an Unglaublichem schon im Sessel und wartet nur noch, daß es vorbei ist.
Intim ist hier nichts, gestelzt schon eher.
Dennoch: der semidokumentarische Stil macht diesen halbgaren Versuch einer persönlichen Verarbeitung eines durchaus wichtigen und realistischen Themas vermutlich bald zum Hit von Ober- und Unterstufendiskussionen, in denen sich die Haupt-, Realschüler und Gymnasiasten allerdings mehr an der Bildzeitungsseligkeit aufgeilen werden, anstatt der ursprünglichen Botschaft;auch wenn es, und das ist schon mal ganz schlecht, als finale Morallektion auch dem Dümmsten auffallen muß, denn sie wird ja brav vor der Kamera schon in Worte gefaßt.
Die wenige gelungenen und erschütternden Szenen gehen dabei leider fast unter.
Die guten Absichten möchte ich den Machern nicht absprechen, die Wahl der Mittel bleibt leider bescheiden.
„2:37“ ist eine als Michael Moore-Fake aufgerüschte Variante der „Abschlußklasse“ und wird vermutlich von all jenen als subtil und wichtig angesehen, die sich bei jeder Popstarsstaffel (oder einem ähnlichen Format) über den Verfall des Geschmacks so vortrefflich aufregen können, weil sie ja insgeheim jede Folge dieser Armutsausscheidung schauen.
Den Übrigen, die es mangels Auswahl vielleicht nicht besser wissen, lege ich dann doch lieber Filme ans Herz, die sich mit einem Thema, dann aber richtig befassen, wie z.B. der oscarnominierte „Evil“ der kontroverse "Ken Park" oder der sowohl realistisch wie auch intim gezeichnete „Fucking Amal/Raus aus Amal“.
Einen Film wie "2:37" hat dieses Genre herzlich wenig verdient. (3,5/10)