Review

Mit seinem neuen Film hat Alex de la Iglesia dem Kapitalismus die Komödie inszeniert, die er verdient. Zynisch. Bluttriefend. Keine Helden.


La Comunidad -Allein unter Nachbarn



„Wie du dich an den Koffer klammerst. Als wäre deine Seele drin. Du bist wie wir. Wie wir alle!“


Die geläuterte Wohnungsmaklerin Julia balanciert am Abgrund. Zu allem Überfluss muss sie auch noch den riesigen Koffer schleppen. Ihre Träume, ihr neues Leben, das wiegt schwer. Sie ahnt noch nicht, dass sie für Monopoly Geld mit ihrem Leben spielt. Das weiss in diesem fulminant inszenierten Finale nur der Zuschauer. Und der gutherzige Darth Vader, der sie alle hinters Licht geführt hat. Die Jagd auf den Koffer mit dem Geld ist gnadenlos, die Nachbarn zerfleischen sich gegenseitig und bei der Hatz auf Julia, der Schlampe, die mit dem Geld davon will, auf das sie 20 Jahre gewartet haben. Seit der Alte aus der obersten Etage die 300 Millionen Peseten im Toto gewonnen hat. Sie haben gewartet, auf das er endlich verreckt. Die Jahre haben sie zusammengeschweisst. Julia war nie willkommen.

Unter all ihrer (mitunter schon grandios) bluttriefenden Geschmacklosigkeit, waren und sind die Filme des Alex de la Iglesia, immer auch als Komödien lesbar. Man muss den seltsamen Humor des Spaniers nicht unbedingt teilen, die grotesken Images, die seine niederträchtigen Zerrspiegel vom Umfeld des Betrachters reflektieren, sind dem Alltagsempfinden mitunter so entfremdet, dass man sich selbst biegen und strecken muss, um der dargebotenen Vision noch folgen zu können. An „Accion Mutante“, „Day of the Beast“ oder „Perdita Durango“ zu scheitern, muss dennoch nicht ein geißelnden Selbstzweifeln münden, denn zur Gänze geglückt waren Iglesias Werke tatsächlich nie. „La Communidad - Allein unter Nachbarn“, eine unterhaltsame, intelligente und ganz und gar bösartige Komödie ist nun mit Abstand sein bestes Werk. Obwohl dem französischen Jeunet-Klassiker „Delicatessen“ im Aufbau alles andere als unähnlich, wird die beissende Kapitalismuskritik bei Iglesia nicht so offensichtlich in die Handlung integriert, sie ist dennoch destillierbar, tropft ätzend aus fast jeder Szene und stellt den grundsätzlichen Tenor des Films.
Geld ist das integrative Moment dieser Communidad, dieser Gemeinschaft. Die Perspektive auf Reichtum oder zumindest ein durch Geld erkauftes besseres Leben, hält die Gemeinschaft zusammen, lässt sie sich vor Neuem verschliessen und paralysiert sie in sturem Warten auf den versprochenen Schatz. Den intelligentesten, gleichzeitig aber auch gierigsten und heuchlerischsten Vertretern der Hausgemeinschaft gelingt über das Geld die Stiftung von Identität, die Inszenierung einer gewissensbetäubenden, moralersetzenden Sozialvision und sogar die Rechtfertigung von Mord. Die Konsequenz ist die Selbstzerfleischung dieser Gesellschaft. Und auch Julia, die Neue, die in dieser Gemeinschaft nicht willkommen ist, die ihr antagonistisch gegenübersteht, ist natürlich genauso durch das Geld korrumpiert wie alle. „Wie wir alle“. Im Grunde ist ihre auch deren Vision. Und natürlich ist es ihre Seele in diesem schweren Koffer, mit dem sie am Abgrund balanciert.
Nimrod

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