Mit „Clerk II“ inszenierte Kevin Smith im letzten Jahr die direkte Fortsetzung zu dem Debüt, für das man ihn einst zum Sprecher einer Generation berief. Dieser Ruhm war ihm eher Fluch als Segen – weder dem Regisseur und Autoren noch seinen Schauspielern sollte es gelingen, sich wirklich von den Topoi des Überraschungshits zu emanzipieren. Das Sequel scheint nun gleichwohl Konzession und Katharsis – eventuell ging es Smith gar darum, den Ring, der ihn länger als eine Dekade knechtete, vom Finger zu streifen. Dass er ihn aber wirklich den Feuern des Schicksalsberges überantwortet, darf als unwahrscheinlich gelten.
Kevin Smiths „Clerks II“
Nebenjobs lebenslänglich
von Nimrod
Der Anfang war billig. Für ein Taschengeld hatte Kevin Smith vor fast anderthalb Jahrzehnten sein formidables Debüt „Clerks“ inszeniert. Das Bild war grobkörniges Schwarzweiß, der Cast die Kumpels von der Straßenecke und die Story das gemeine Leben aus nerdigem Dummquatschen, Filme glotzen, leichten Drogen und dem Traum von Farbe. Lange bevor die schlauen Feuilletons das Thema für sich entdeckten, hatte Smith seiner Generation bereits ein Denkmal gesetzt. Zwischen den Regalen und dem Tresen des Convenience Stores, in dem sich fast die ganze Handlung abspielte, verlor sich die Generation P – p wie in prekär, aber das braucht man ja nun wirklich nicht mehr zu erklären. Ihr Leben ist ein Nebenjob, auf ewiglich, eine Sackgasse – meinen die, die draußen sind. Kevin Smith wurde, als der Kult um „Clerks“ noch hohe Wellen schlug, von Hollywood zum neuen Wunderkind erkoren – einer, der seine Generation augenscheinlich gut verstand und ihr fortan die passenden Komödien drehen sollte ... und genau das, ganz genau das, hat er seitdem getan: immer und immer wieder schob er den gleichen Film. „Mallrats“, „Chasing Amy“, „Dogma“ und „Jay und Silent Bob Strike Back“ bezogen sich ausdrücklich aufeinander, durchschossen den abgesteckten Nerd-Kosmos immer wilder und opferten die Figuren zunehmend dem Gaudi. „Mallrats“ und „Chasing Amy“ waren großartige, wenn auch nicht sehr erfolgreiche Werke, „Jay und Silent Bob“ hingegen nur noch spätpubertäres Kasperletheater. Kevin Smith, so offenbarte es sich immer eklatanter, war nicht auf dem Weg, sondern von Anbeginn in einer Sackgasse, ganz solidarisch mit seinen Figuren – nun traf er die Wand. „Jersey Girl“ aus dem Jahre 2004, seine erste ganz konkrete Avance an den Mainstream, kann man als die Konsequenz dieser Kollision abtun – nicht der Durchbruch, auf keinen Fall, Smith rutschte damit lediglich seine Wand hinunter.
Gerüchte, dass Smith schon schwer dabei wäre, eine echte, direkte Fortsetzung zu „Clerks“ zu konzipieren, hatte es immer gegeben, seit dem immensen Aufhebens um sein Debüt. Nach dem Flop mit „Jersey Girl“ klangen sie glaubwürdiger denn je. Schließlich gab es die ersten Teaser. Die hohen Erwartungen waren entlarvend für den Regisseur und sein Publikum zugleich – das vorgeblich Temporäre als ewiger, unausweichlicher samsarischer Zyklus, zwangsläufig selbstgenügsam und idealisiert in den kryptischen Weihen popkulturellen Trivialwissens. Zu diesen Riten und Codes hat Kevin Smith in „Clerks II“ gewaltig addiert. Denn freilich sieht es nur für den Uninitiierten so aus, als hätte sich die Welt seiner Protagonisten Dante (Brian O'Halloran) und Randal (Jeff Anderson) kein Stück bewegt, als wären diese Typen ganz genau die selben wie vor vielen Jahren – von ein paar mehr Falten abgesehen (Und die neuen Uniformen zählen nicht wirklich, die haben sie nur widerwillig angezogen, nachdem ihnen Convenience Store und Videothek abgefackelt sind). Tatsächlich aber hat sich der Kosmos, in dem die beiden leben, ganz gewaltig aufgebläht – die Sphären der Chaträume und Online-Games, das Wissen um die stete Verfügbarkeit der abseitigsten Dienstleistungen, Peter Jacksons cinemaskopische Perspektiven auf Mittelerde, das alles und noch viel mehr wurde hineingesaugt. Wie zwangsläufig führen diese Neuerungen zu heftigen Grabenkämpfen ... und den unterhaltsamsten Augenblicken der Films: der aufgeregte Disput von Jüngern der „Herr der Ringe“- und der„Star Wars“-Trilogie – es gibt selbstverständlich immer noch nur eine „Star Wars“-Trilogie! - wurde in den den Fan-Foren genau so heftig weiterdiskutiert, die Vergewaltigung eines Esels während Dantes Junggesellen-Party auch ... ja, unerhört das, dass Dante heiraten will. Und darauf baut der eigentliche dramaturgische Konflikt des wie gewohnt eher handlungsarmen, und sich an überwiegend dezidiert geschmacklosen Pointen durch seine skurrile Gesamtheit hangelnden „Clerks II“: Dante meint, dass es nun an der Zeit wäre, seinen Buddies den Rücken zuzukehren und fortzuziehen – nach Florida und in ein echtes Spießbürgerleben. Alle, die Nerds hinterm Tresen, Kevin Smith, der Nerd über dem Drehbuch, und selbstverständlich auch die Nerds in ihren Kinosesseln wissen, dass er so nicht glücklich werden kann, dass dieser Fehler irgendwie abgewendet werden muss.
„Clerks II“ ist so zeitgemäß wie das Original. Das Reich der „Clerks“ existiert fort, parallel zum Leben der Anderen, als eine in sich geschlossene Welt, ein Bollwerk. Just because they serve you ... doesn't mean they like you, Teil zwei. Immer noch. Für diese Welt und diese Generation skriptet Kevin Smith die Argumente, mit denen sie sich einer immer aufdringlicheren Realität erwehren kann. Ob es nun nicht wirklich langsam an der Zeit wäre, für einen richtigen Job, so deuten sich die Blicke, so hängt es über den Worten der Menschen, die sich vor dem Tresen aufbauen, um Cheeseburger mit Pommes zu bestellen ... Menschen, die sich ungemein wichtig dabei vorkommen, Menschen, die mit dem Schlüssel für ihren BMW klappernd das Sparmenü ordern und meinen es geschafft zu haben. Auch in „Clerks II“ sind die scheinbar Unterlegenen nicht lediglich die sympathischeren Menschen, sie sind auch die, die immer das letzte Wort zu haben ... selbst dann, wenn sie, vor allem der unbedarft rassistische und sexistische Sprüche klopfende Randal, manchmal besser ihre Klappe hielten.