„Kiss me, Stupid!”
seit dem ich diese drei letzten Worte in Billy Wilder’s Film gehört habe (wenn auch etwas unschöner im Deutschen „Küss mich, Dummkopf“), seit dem empfinde ich sie als höhere Weihe, sozusagen als Steigerung des üblichen „Küss mich, Liebling!“
Das die Frauen uns Männer für ausgemachte Dummköpfe halten (wenn vielleicht auch nicht in jeder Hinsicht), sollte zum Allgemeingut eines jeden Beziehungsberaters gelten.
Nur, trotz dieses Bewußtseins versuchen die Frauen immer wieder, etwas daran zu ändern .
Wenn sie also zärtlich das „Küss mich“ mit der Bezeichnung „Dummkopf“ haucht, dann liegt in diesen Worten etwas von der Einsicht in die Unveränderlichkeit ,sozusagen eine liebende Akzeptanz....
Doch bis dahin ist es ein weiter Weg für Orville N.Spooner (Ray Walston). Er arbeitet in dem kleinen Kaff „Climax“ als Klavierlehrer und Organist der örtlichen Gemeinde. Gemeinsam mit seinem Freund Barney Millsap (Cliff Osmond), dem ortsansässigen Tankwart- und Autowerkstattbetreiber ,schreibt er ständig neue Lieder und Schlager, die sie bisher erfolglos an diverse Musikproduzenten verschickten.
Billy Wilder gelingt es innerhalb weniger Minuten das Konfliktpotential aufzubauen.
Verheiratet ist Orville mit der blonden und sehr attraktiven Mrs.Spooner (Felicia Farr), deren Verhalten eifersüchtigst von ihm kontrolliert wird. Hinter jeder Geste – und sei es nur ein Zettel, den sie dem Milchmann zusteckt – vermutet Orville einen Komplott, ihn zu betrügen. Im Grunde empfindet sich Orville als kompletter Versager, der eine solche Frau nicht verdient hat und ist mit dieser Unsicherheit auf dem besten Weg, diese Prophezeiung auch zu erfüllen....
Dem Gegenüber stellt zu Beginn Wilder gleich Dino auf die Bühne (sehr lässig Dean Martin als sein alter Ego), der vor lauter Frauengeschichten kaum weiß, um welche er sich zuerst kümmern soll.
Als Dino durch einen Zufall in „Climax“ landet, sieht darin Barney endlich die Chance seine und Orville’s Songs direkt an den Mann zu bringen. Er sorgt dafür ,daß Dino’s Wagen eine Panne hat und quartiert ihn kurzerhand in Orville’s trautes Heim ein.
Dort soll Orville dann bei Wein, Weib und Gesang Dino ihre besten Lieder vorspielen und ihn so zu einem Vertrag überreden. Nur, dem Frauenhelden Dino seine eigene Frau in den Rachen werfen ? – Dazu ist der eifersüchtige Orville nicht in der Lage.....
Doch Barney weiß Abhilfe – mit durchaus guten Kontakten versehen, organisiert er die attraktivste Prostituierte Polly (Kim Novak) aus dem nahegelegenen Nachtclub, die für eine Nacht die Rolle von Orville’s Ehefrau einnehmen und als solche als Opfer für Dino herhalten soll.
Doch so einfach geht der Plan nicht auf....
Die Qualität eines wirklich hervorragenden Films, erkennt man an den verschiedenen Ebenen, in denen er funktioniert.
Zuerst hat Wilder diesen Film seinem Lieblingsthema gewidmet, der beissenden Kritik an den puritanischen amerikanischen Verhältnissen. Der Film hat 1964 zu entsprechend starken Protesten geführt.
Wilder geißelt in seinem Film die Scheinmoral, die nach außen braves Eheleben darstellt ,die aber jederzeit für den Erfolg über den Haufen geschmissen wird. Dabei ist es gar nicht das spezielle Konstrukt, auf daß sich Orville einläßt, daß die Unmoral heraushebt, sondern eher die völlige Normalität mit der sich sämtliche Leute (witzigerweise außer Orville) mit Prostitution und Scheingeschäften beschäftigen.
Gerade in der Figur des Dino zeigt sich eine völlige Auflösung irgendwelcher moralischer Regeln. Dabei ist es gar nicht so sehr sein Wille, immer nachts eine Frau in seinem Bett haben zu wollen, sondern im Grunde die augenscheinliche Unfähigkeit, dafür auch etwas zu leisten (und sei es Charme und Witz).
Dean Martin spielt den Dino als völlig eingebildeten, schmierigen Typen. Er profitiert dabei völlig von seinem Starkult und der fast ans autistische grenzenden Einbildung, unwiderstehlich zu sein. Selbstverständlich hat er auch kein offenes Ohr für die durchaus fetzigen Songs, die ihm Orville vorspielt. Gleichzeitig wundert er sich natürlich auch keine Sekunde, daß Orville ihm so bereitwillig seine Frau zu Verfügung stellt....als wäre das irgendwie normal...
Gleichzeitig gelingt es Wilder mit der Figur von Polly (sehr liebenswert von Kim Nowak gespielt), daß in jeder Prostituierten eben auch die Frau für die Familie steckt und das die gern gewählte Trennung in anständig und unanständig so überhaupt nicht funktioniert.
Aus der heutigen Sicht wirkt diese Provokation natürlich kaum noch nachvollziehbar, aber unabhängig davon ist der Film völlig zeitlos, denn er befasst sich auch mit der Qualität innerer Konsequenz.
Gerade Orville beweist seine Qualität eben mit seiner inneren Haltung. Wilder war mit der Wahl von Ray Walston für diese Rolle äußerst unglücklich und wollte Jack Lemmon. Auch wenn ich mir Lemmon gut darin vorstellen könnte, so macht meiner Meinung nach gerade der sperrige und im ersten Moment unsymphatisch wirkende Walston eine besondere Qualität aus.
Für Jeden ist die Position, in der er sich befindet nachvollziehbar, denn man fragt sich ernsthaft, was seine Frau von diesem leicht verschrobenen Typen will. So kommt Lemmon nie rüber, der egal in welcher Rolle immer sofort symphatisch ist. Aber gerade durch Walston wirkt der Film am Anfang schwierig und schwer zugänglich und macht somit den stattfindenden Prozess deutlicher.
Denn es ergeht dem Zuschauer wie Orville’s eigener Frau, die im Laufe des Films erkennen müssen, daß gerade dieser Orville über die meiste moralische und charakterliche Qualität verfügt, was ihm verdient auch die letzten drei Worte einbringt...
Ein mit rasantem Tempo und Wortwitz versehenes verkanntes Meisterwerk (10/10)