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Der Autor Barton Fink (mit Eraserhead-Frisur und fieser Brille: John Turturro) hat am Broadway einen ersten Erfolg geschrieben - und wird prompt nach Hollywood gerufen. Hier soll er für einen exzentrischen Filmmogul ein Drehbuch schreiben. Aber die plumpe Aufgabe, eine Ringer-Story für Wallace Beery zu kreieren, verstärkt Finks ohnehin vorhandene Zweifel am Kommerzsystem des Filmemachens. Auch sein scheinbar freundlicher, wenn auch etwas aufdringlicher Zimmernachbar Charlie (John Goodman) hält ihn vom Arbeiten ab. Nach und nach versinkt Fink im Wahnsinn einer Schreibblockade und des bizarren Systems Hollywood...

Schon mit einem ihrer frühen Werke haben die Coen-Brüder ein faszinierendes Stück surrealer Filmkunst geschaffen, das den Zuschauer mit immer wieder absurden Wendungen und verblüffend bösen Überraschungen fesselt. Nach einem ruhigen Anfangsteil erweist sich „Barton Fink" als grandios erzählter Genre-Mix: Intellektuelles Künstler-Drama, groteske Hollywood-Satire, schrille Komödie, schließlich sogar Fantasy- und Horrorelemente vermischen sich hier zu einem bizarren Rausch, der gegen Ende nicht mehr zwischen Wahnvorstellung und Realität zu unterscheiden vermag. Verstärkt wird das durch zahlreiche Anspielungen und visuelle Referenzen: Neben Finks Frisur, die sicher nicht zufällig an David Lynchs berühmtes Erstlingswerk denken lässt, könnten die in düsteres Licht getauchten Gänge des Hotels, in dem Fink absteigt, direkt aus dem Overlook Hotel stammen. Und die gesamte Anlage der Figur Finks, seine Schwierigkeiten mit sozialen Verbindungen, sein hilfloses Treiben zwischen immer seltsameren Figuren lässt durchaus an prototypische Charaktere aus Kafkas Geschichten denken.

Dazu passt auch, dass Fink sich für den genauen Beobachter als nicht annähernd so reine Sympathiefigur entpuppt, wie man es anfangs glauben mag. In den Szenen mit dem Versicherungsvertreter Charlie etwa zeigt sich immer wieder, dass er gar nicht wirklich an den Geschichten der „einfachen Leute" interessiert ist, weil er viel zu sehr damit beschäftigt bleibt, sich selbst für sein Schreiben über die „einfachen Leute" zu loben. In Finks Figur entblößt sich die Heuchelei intellektueller Schriftsteller, die glauben, aufgrund ihrer Schreibkraft die Welt verstehen zu können, aber trotzdem stets außerhalb der realen Probleme realer Menschen bleiben. Dass sich der nette Charlie im diabolischen Finale schließlich als perverser Mörder (oder gar Satan selbst?) entpuppt, hat in dieser Hinsicht auch metaphorischen Charakter: Er verkörpert die Wut und Hilflosigkeit der „einfachen Leute", die sich von Künstlern wie Fink durchaus zu Recht ausgenutzt und missverstanden fühlen.

Diese clevere, vielschichtige und vor allem vieldeutige Geschichte bricht bis zum Schluss immer wieder mit Erzählkonventionen. Was ist in dem Paket, das Fink von Charlie erhält? Was ist mit der hübschen Audrey passiert, die tot in seinem Bett liegt? Vieles bleibt hier offen oder nur angedeutet, was den Spannungsbogen ebenso in die Höhe treibt wie die enorm starken Bilder. Beleuchtung, Setting, leise-bedrohlicher Soundtrack - die formale Inszenierung verleiht „Barton Fink" sehr schnell eine subtil beängstigende Atmosphäre, die in manchen Momenten und Kamerafahrten (etwa in den Abfluss eines Waschbeckens hinein) direkt an David Lynch erinnert. Bis hin zum furiosen Finale, dessen Realitätsbezug konsequent offen bleibt, verstärkt das ein immer bizarreres Gefühl, nicht mehr richtig in der Realität verankert zu sein.

Dank starker Darsteller (vor allem John Goodman liefert eine der besten Leistungen seiner Karriere), intensiver Bilder und einer fiebrig-faszinierenden Story, die zwischen Wahn und Wirklichkeit oszilliert, fesselt „Barton Fink" durchgehend auf hohem Niveau und gehört sowohl formal als auch inhaltlich zu den komplexesten und klügsten Werken der Coen-Brüder. Ein surreales Meisterstück!

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