"Barton Fink" ist ein Coen-Film. Und mit Sicherheit einer der sehenswertesten der beiden Brüder, mit dem sie die Hollywood-Maschinerie elegant und clever ohrfeigen, das innere Zerwürfnis des gelähmten Autors an die Oberfläche transportieren und zuweilen sogar noch ihrem eigenartig genialen Humor treu bleiben.
Barton Fink heißt der talentierte Autor vom Broadway. Der Erfolg ist da und schon lockt Hollywood. Zwar ist es nicht der unbedingte Wille Bartons, nach einigem Drängen allerdings kommt er den Lockrufen schließlich doch nach. Barton bleibt bescheiden; er selbst bezeichnet sich als Autor der "Kleinen Leute" und so wohnt er fortan in einer Absteige, in einem schäbigen Hotel, in dem außer ihm kaum eine Menschenseele anzutreffen ist, wo die Flure sich schaurig in die Länge ziehen, die Innenausstattung eine verlorene Tristesse ausstrahlt und die feuchte Tapete sich wegen der enormen Hitze von den Wänden löst.
Die Inszenierung könnte schlichter nicht sein. Und doch ist sie unheimlich effektiv und bahnt für den Zuschauer den Weg, damit dieser aus seinen empathischen Fähigkeiten schöpfen kann und die Einsamkeit des Fink'schen Individuums spürt, das unbeholfen vor seiner Schreibmaschine und dem weißen Blatt Papier sitzt und unfähig scheint, ein simples Ringerfilm-Drehbuch für den äußerst geschwätzigen und ebenso wundervoll überzeichneten Studioboss Lipnick aufs Papier zu bringen. Seine einzige Bezugsperson findet sich im Nebenzimmer. Einst klopfte es an die Tür. Es war Charlie, von John Goodman ausgezeichnet gespielt, der den Kontakt zu Barton suchte, als dieser sich wegen des durch ihn verursachten Lärms beim Hotel beschwerte.
Aus aufgezwungenen Gesprächen entwickelt sich poetischer wie metaphorischer Intellektualismus. Barton blüht zum ersten Mal auf, wird enthusiastisch, gar heroisch. Obwohl gerade der erste Eindruck von Charlie das Bild eines etwas seltsamen und wirren Mannes entwirft, wird dieser zur sympathischen Nebenfigur und willkommenen Abwechslung des bisher gänzlich auf seinen Hauptcharakter zugeschnittenen Werkes. Nach anfänglichen, in der gängigen Behutsamkeit entstandenen Spannungsdefiziten gewinnt das Werk der Coens nun einen weiteren Magneten.
Dezent war das Verrückte bisher existent; so etwa in der Figur des verklärten William P. Mayhew, dem "besten lebenden Schriftsteller", wie Barton ihn betitelt, der ein Leben als Alkoholiker fristet. Doch als eines Tages eine Leiche an Bartons Seite liegt, entsteht allmählich eine diabolische Atmosphäre. Obwohl der erste Anblick des toten Körpers Charlies Magen in rege Aktivität versetzt, kommt er seinem Freund zu Hilfe und entsorgt die Leiche, während die Perplexität Barton noch immer fest in ihrer Gewalt hat. Als Charlie bald darauf seine angekündigte Dienstreise antritt und seinem Zimmernachbarn als Freundschaftsbeweis einen Karton, dessen Inhalt ihm viel bedeute, hinterlässt, sieht sich Barton erneut der Einsamkeit ausgesetzt. Das Drehbuch wartet noch immer auf ihn. Tatsächlich stellt er es rechtzeitig fertig und ist sogar davon überzeugt, das Werk seines Lebens geschrieben zu haben. Doch für Hollywood ist es zu tiefsinnig. Stattdessen soll das Schema F bedient werden, Kleingeist und Action fordert die Traumfabrik, nicht intellektuellen Tiefgang.
In subtiler Weise wird Hollywood mit dem weißen Handschuh geohrfeigt und die auf Materialismus ausgerichtete Apparatur für den Zuschauer veranschaulicht. Kunst findet in der Geldschmiede nur selten Platz. Für diesen ehrlichen Blick hinter die Fassade des Hollywood’schen Eldorados möchte man die Coens umarmen. Ihr "Barton Fink" ist in jedem Sinne unkonventionell, verlangt dem Zuschauer Reife und tiefer greifende Gedankengänge ab und bietet sowohl stoische Ruhe als auch erhabenen, schwarzen Humor. Und wo zunächst Isolationsgefühle, blockierte Kreativität, Freundschaftswerdung, Philosophie und Anflüge von Poesie aufeinanderprallen, öffnen sich später auch noch surreale Abgründe. Der Schluss lässt Barton dann im Sande sitzen, vor ihm das Meer und eine anziehende Dame, neben ihm der Karton - groß genug, um einen menschlichen Kopf zu beherbergen.