„Menschenjagd“
Der Western ist sicherlich das amerikanischte aller Filmgenres. Vor allem in den 1940er, 50er und frühen 60er Jahren überschwemmte die Traumfabrik den Markt mit immer neuen Produktionen über die Pionierzeit und die Mythen umrankte Frontier-Erfahrung. Der teilweise immense Erfolg einiger Italowestern (v.a. Leones „Dollar-Trilogie“) leitete schließlich den filmischen Niedergang des Genres ein. Plötzlich waren ironische Brechung und ein teilweise sarkastischer Abgesang auf klassische Westernmythen populär. Zudem begann sich die Publikumsgunst mehr auf Action- (James Bond war hier der Trendsetter) und Science-Fictionstoffe zu verlagern. In der Folgezeit ist es daher auch sehr ruhig um den Western geworden. Es wurden kaum noch welche produziert, ein US-Einspiel jenseits der 100 Millionen $ gelang nur noch in absoluten Ausnahmefällen (Erbarmungslos, 1992).
Lange Zeit schien es, dass lediglich Clint Eastwood und Kevin Costner – wohl mehr aus nostalgischer Schwärmerei als aus marktstrategischen Gründen - die Fahne hochhielten. Erst in den letzen Jahren ist wieder ein verhaltener Anstieg zu beobachten. Zugkräftige Stars wie Brad Pitt (als Jesse James) oder Russel Crowe (Todeszug nach Yuma, 2007) schnallten sich den Colt um und schwangen sich aufs Pferd. Auch der aktuelle Genrebeitrag (Seraphim Falls) des TV-Serien Regisseurs David von Ancken (C.S.I.: NY, Numb3rs) hat zwei prominente Namen zu bieten: Liam Neeson (Schindlers Liste, 1993) und Ex-Bond Pierce Brosnan.
Seraphim Falls bietet klassischen Westernstoff: 1886. Ein verbitterter Mann heuert eine Bande zwielichtiger Söldner an, um eine alte Rechnung zu begleichen. Im Verlauf der (Menschen-)Jagd werden Jäger wie Gejagter bis an ihre Grenzen geführt. In der sengenden Wüstensonne kommt es schließlich zum finalen Pistolenduell.
Das klingt nicht sonderlich aufregend oder gar innovativ, hat man dieses Szenario doch schon in unzähligen Genrebeispielen serviert bekommen. Ob der Film deshalb in den USA mit nur 52 Kopien gestartet wurde und daher auch lediglich 420,000 $ einspielte? Mit seinem Kinodebut ist von Ancken jedenfalls trotz des vermeintlich „ausgelutschten“ Stoffes ein starker Film gelungen.
Ähnlich Kevin Costners Open Range (2003) lebt auch Seraphim Falls von großartigen Landschaftsaufnahmen - der Film bietet (verschneite) Gebirgspanoramen, staubige Steppen und ausgedörrte Wüsten - und einem charismatischen Hauptdarstellergespann (hier Costner / Duvall, dort Neeson / Brosnan). Wie Costner lässt sich von Ancken Zeit für die Erzählung seiner Geschichte und die Charakterisierung seiner Protagonisten. Keine schnellen Schnitte oder nervöse Handkameraszenen stören das Sehvergnügen. Der filmische Stil passt damit auch besser zur dargestellten Zeit, die wenig mit der Hektik und Unruhe der modernen Welt gemein hatte. Es dauert bis zur Hälfte des Films, bis man Carvers Beweggründe erfährt, den verfolgten Gideon (Brosnan) zur Strecke zu bringen. Es ist dabei ein geschickter Kniff des Regisseurs, den Gejagten bis zur Enthüllung seiner „Verbrechen“ zur Sympathiefigur aufgebaut zu haben.
Seraphim Falls besitzt nicht viele Actionszenen, die wenigen sind allerdings packend inszeniert und definieren sich durch eine gehörige Portion Brutalität. Anders als im klassischen Western wird hier dreckig, blutig und brutal gestorben. Schon die Anfangssequenz in den verschneiten Rocky Mountains gibt den Ton vor. Sowohl Gideons Selbstverarztung einer Schusswunde als auch die Ausschaltung eines seiner Verfolger bieten kompromisslose Gewaltdarstellungen. Stellvertretend für den Ton des Films, aber auch für Carvers Charakter steht dabei sein schwertähnliches Jagdmesser, das im Verlauf des Films mehrfach zum Einsatz kommt und eine nicht unwesentliche Rolle in der Schlusssequenz spielt.
Der Film ist episodenhaft aufgebaut und bietet typische Western-Settings wie -Situationen (vom Eisenbahnercamp mitsamt chinesischer Hilfsarbeiter, über puritanische Siedler bis hin zu Pferdedieben und Einsiedlern in Blockhütten). Dieser durchaus authentisch wirkende Zeitkolorit hilft allerdings nicht immer dem Erzählfluss. Vor dem Hintergrund einer Lauflänge von knapp zwei Stunden und dem Umstand, dass der Konflikt Gideon – Carver das zentrale Handlungsmoment darstellt, wäre die ein oder andere Kürzung dem Film (noch) besser zu Gesicht gestanden.
Neben den grandiosen Landschaftsaufnahmen, dem ruhigen Erzähltempo und historischer Authentizität überzeugt Seraphim Falls vor allem mit einem schauspielerisch glänzenden Psychoduell. Dass Liam Neeson auch zwielichtige Charaktere facettenreich darstellen kann, hat er häufig bewiesen. Die eigentliche Überraschung ist die starke Vorstellung Brosnans (für seine Rolle war eigentlich Richard Gere vorgesehen), der häufig als gelackter Geheimagent belächelt wird. Der übrige Cast (zahlreiche Serienschauspieler) verblasst dabei etwas, bietet aber durchweg solide Leistungen. Lediglich „Standardbösewicht“ Michael Wincott (14921992, Robin Hood-König der Diebe 1991) kann als einer von Carvers Söldnern ein paar Akzente setzen. In einer Minirolle – die allerdings entscheidend für das Filmende ist – kann man wieder einmal Ajelica Huston bewundern.
Fazit:
Seraphim Falls ist ein moderner Western nach klassischen Motiven. Es geht um Rache, Schuld und Vergebung. Vor einer grandiosen Naturkulisse inszeniert TV-Serien Regisseur David von Ancken ein packendes Psychoduell zweier stark aufspielender Starschauspieler (Pierce Brosnan und Liam Neeson). Das ruhige Erzähltempo kommt dem atmosphärischen Film entgegen. Die Actionszenen sind zwar spärlich, aber von blutiger Brutalität. Nicht zuletzt aufgrund des authentisch anmutenden Zeitkolorits ein stimmiger Genrebeitrag. Für Westernfans die Open Range oder Erbarmungslos mochten absolut empfehlenswert.
(8/10 Punkten)