So, für die Jüngeren unter uns müssen wir wohl mal ein bisschen was erläutern. Es gab mal Zeiten, da wurden sogenannte Western gedreht; die hießen so, weil die meist westlich (links !) von New York spielten, da lebten früher Leute, die nannte man Indianer, weil die mit Indien nichts zu tun hatten. Und weil die ihr Land dreisterweise nicht freiwillig rausrückten, nahm man es ihnen mit dem Schießprügel weg, und das war so spannend, da konnte man viele tolle Filme draus machen. Und weil man gerade dabei war, machte man auch Filme über gute Weiße, die ein paar böse Weiße umlegten, weil die ihnen das Land wegnehmen wollten, das eigentlich den Indianern gehörte. Irgendwann fiel das Irgendjemandem auf, und dann waren die Weißen nicht mehr ganz so gut und die Indianer nicht mehr ganz so böse; aber da war die ganz tolle Zeit für Western fast schon vorbei. Und genau dann machten die Europäer auch mit, das nannte man Italo-Western, weil die mit amerikanischen Darstellern in Spanien gedreht wurden, und darin legten dann die Bösen die Nochböseren um. Aber irgendwann wollte das auch keiner mehr sehen, und der Western verschwand. Oder fast, denn ungefähr alle 7 Jahre kommt mal einer auf die Idee, man müsse das mal wieder machen, und wenn da viele gute Indianer und Büffel mitspielen, gibt es auch mal reichlich Oscars, aber in den meisten Fällen müssen die Platzanweiser in den Kinos eine Einsamkeitsbewältigungstherapie machen. Gerade ist mal wieder Zeit für so was, und zwei Fahrkarten haben wir schon geschossen - "Die Ermordung ..." hatte ungefähr so viele Kinozuschauer wie Worte im Titel, und der hier mit dem malerischen, aber sinnfreien Namen "Seraphim Falls" hat in etwa so viel Geld eingespielt wie Herr Zumwinkel in der Mittagspause verdient.
Bei der Ursachenforschung bin ich gerne behilflich - so recht kann ich mich nicht erinnern, mich mal in einem Western jemals so gelangweilt zu haben, und ich gehöre einer Generation an, für die das Genre noch alltäglich war, zumindest im TV. Ein Mann (Neeson) jagt einen anderen (Brosnan), warum, erfährt man erst spät, und viel mehr passiert auch nicht. Nun hat es aus solchen Jagdkonstellationen schon ganz ordentliche Streifen gegeben, keine Klassiker, aber irgendwie ganz manierlich. Nur hatten die doch etwas mehr zu bieten als immer wieder die gleichen Einstellungen von zwei Typen; der eine stöhnt oder flucht die meiste Zeit und stolpert mit Leidensmine durch die zugegeben ansehnliche Landschaft, und der andere traktiert seine blassen Goons mit markigen Sprüchen (und schlimmerem). Ungefähr eine halbe Stunde hält einen die Frage wach, was denn der arme Pierce getan haben könnte, um das alles zu verdienen. Aber irgendwie will da einfach nichts passieren auf dem Schirm, und wer wie ich mit dem klassischen Western, Sheriffs, Reitern in weiter Landschaft und Schießereien aufgewachsen ist, ist schnell an der Geduldsgrenze angelangt. Zumal Brosnan im verzweifelten Kampf mit dem Post-Bond-Syndrom (ja nicht gut aussehen) permanent an und über die Grenzen seiner schauspielerischen Möglichkeiten gerät.
Nun sei einem altehrwürdigen Genre eine gewisse anfängliche Langsamkeit gegönnt, Open Range funktionierte ähnlich und ganz gut, aber irgendwann müssen Tempo und Spannung einfach mal anziehen. Doch hier passiert das Gegenteil, das Ganze wird zunehmend zu einem genauso öden wie wunderlichen Panoptikum, irgendwo zwischen absurdem Freilufttheater und kompletter Regieverweigerung. Action gibt es keine, die kurzen Gewaltausbrüche, wenn Brosnan einige seiner Verfolger entsorgt, sind so hirnrissig, dass sie realiter nie funktionieren könnten (z.B. die Sache mit dem Messer aus dem Baum), warum er immer wieder den viel besser bewaffneten Verfolgern vor deren Flinten entkommt, bleibt unerfindlich. Und wenn unsere zwei Jungs dann endlich mal auf andere Figuren treffen, ein paar Eisenbahnbauer etwa, die lust- und sinnlos auf ihren Schienen rumklopfen, fragt man sich schlagartig "Was bitte soll das ?". Das Restpersonal ist Staffage, namenlose Komparsen ohne dramaturgischen Sinn und Zweck in einem geringfügig erweiterten Zweipersonenstück. Dass die Auflösung des Rachegrundes den Gut-Böse-Verlauf teilweise auf den Kopf stellt, will ich dem Streifen mal als einen seiner wenigen Pluspunkte anrechnen. Aber spätestens im letzten Drittel, wenn aus "Leiden im Schnee" "Leiden in der Wüste" wird, droht die Niederlage im persönlichen Duell gegen den Schlaf. Und das Finale mit einer offenkundig rollentechnisch (und auch sonst) völlig ausgetrockneten Anjelica Houston ist nur noch grotesk.
Nee Jungs, so wird das nix mit dem x-ten Western-Comeback. Eine Verfolgungsjagd im Schneckentempo, das völlige Fehlen von Action, Handlung oder Spannung, zumindest ein überforderter Schauspieler und ein TV-Regisseur zwischen Experimentier- und Lernphase vergeigen es hier so gründlich, dass das nächste Genrerevival vermutlich erst im Jahr 2020 stattfinden wird. Außer der Todeszug kommt mit mehr Tempo und Erfolg daher.