Experimente mit der Bondformel führten nur im Falle von „Lizenz zum Töten“ zu einem wirklich herausragenden Ergebnis, während die anderen Versuche wie „Der Mann mit dem goldenen Colt“ und „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ scheiterten.
So zeigt schon die Pre-Credit Sequenz den Superagenten James Bond (George Lazenby) nicht bei einem Auftrag, sondern wie er Teresa Di Vincenzo (Diana Rigg), die Tochter des Gangsterbosses Marc Ange Draco (Gabriele Ferzetti), vorm Ertrinken rettet und sich nachher mit zwei Schlägern prügelt. Die Kampfszene ist für damalige Verhältnisse recht spektakulär, zeigt aber auch, dass dieser Bond weniger dem Trend zur Gigantomanie folgt, sondern wieder bodenständiger daherkommt.
Neu ist allerdings, dass Bond sich ernsthaft in Theresa verliebt, doch ganz ohne Auftrag geht es nicht, also muss noch Erzschurke und SPECTRE-Chef Ernst Stavro Blofeld (Telly Savalas) dingfest gemacht werden – egal ob die Chefetage da zustimmt. Das hat beinahe Bonds Rausschmiss zur Folge sowie eine Szene, in der noch mal auf frühere Abenteuer der Doppelnull angespielt wird. Ein netter In-Joke, der ganz klar zu den Stärken des sechsten Bondfilms gehört.
Doch eher toleriert als wirklich beauftragt darf Bond dann doch nach Blofeld suchen, der in einer Schweizer Privatklinik hockt. Hier soll auch ein Ahnenforscher belegen, dass er adeliges Blut in sich hat. Bond tauscht die Identität mit dem Mann und begibt sich in die Höhle des Löwen…
„Im Geheimdienst ihrer Majestät“ ist nichts für den Actionfan, denn abgesehen von ein paar Miniprügeleien ist geschlagene 90 Minuten actionseitig nichts los, ehe es dann zur ersten großen Verfolgungsjagd auf Skiern geht. In der Folgezeit reiht sich dafür Hatz an Hatz, per Ski oder Auto, und allesamt sind sie wirklich toll inszeniert. Auch die Erstürmung des Hauptquartiers am Ende ist ein wirklich gelungenes Shoot-Out; lediglich die finale Jagd mit den Bobs wirkt aufgrund mäßiger Rückprojektionen (welche von jenen in den Vorgängern ganz easy überboten werden) wenig aufregend. So ist die Action an sich nicht schlecht, nur schlecht verteilt.
Leider langweilt „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ anfangs wirklich extrem, denn Bonds Aufenthalt in der Klinik bietet absolut nichts. Bond rennt mit Kilt und Rüschenhemd herum als habe er sich auf dem Rückweg vom Christopher Street Day in die Schweiz verirrt. OK, seine Tarnidentität ist schwul und das sorgt für einige Witzchen, wenn er Bond mit den sonst weiblichen Patientinnen schäkert, aber aufregend ist dies trotzdem. Glaubwürdig noch weniger, wenn unser angeblich ernsthaft verliebter Geheimagent trotzdem noch Damen im Akkord pimpert. Schlimmer noch: Bond ermittelt dafür kaum, die Handlung tritt nur noch auf der Stelle und wenn Bond dann herausfindet, dass Blofeld die Mädels einer Gedankenkontrolle unterzieht, dann wirkt das so, als sei dem Drehbuchautor die persönliche Jagd auf Blofeld zu wenig gewesen und er habe schnell noch ein brisante Verschwörung dazu geschreibselt.
Laune hingegen macht das alpine Szenario, denn hier darf sich jeder heimisch fühlen, der bei Filmen wie „Agenten sterben einsam“ und „Cliffhanger“ regelmäßig abfeiert. Endlose, schneebedeckte Hänge (Lawinengefahr inklusive), Bergdörfer, Eishöhlen usw. – der Schauplatz ist optisch eine echte Pracht. Der Humor hier ist etwas anders als unter Connery, leider auch weniger charmant, was zum Großteil daran liegt, dass Lazenby seinen Part nicht so gut wie Connery rüberbringen kann.
Lazenby ist sowieso eines der größten Mankos des Films, da er einfach das typische Model-im-Film-Klischee erfüllt: Er ist ein Kleiderständer ohne viel Ausstrahlung und Talent. Da hilft nur die wirkliche gute restliche Besetzung: Telly Savalas kann zwar nicht gegen Donald Pleasance anstinken, macht den Part aber solide und Ilse Steppat als seine rechte Hand ist ebenfalls überzeugend fies. Besonders gut ist jedoch Diana Rigg, die im Gegensatz zu früheren Bondgirls nicht nur schauspielerisches Talent, sondern Qualitäten als Ass-Kicker mitbringt.
Dank der Rahmenhandlung um Bonds romantische Ambitionen, sogar inklusive Heirat, darf Frau Rigg dann auch glänzen. Zudem stört die Rahmenhandlung trotz des überraschend düsteren Endes nicht, da sie nicht zuviel Raum einnimmt und sogar Platz für ein paar Scherze lässt (z.B. die Gespräche zwischen Draco und M auf der Feier).
So scheitert dieser ungewöhnliche Bond ironischerweise nicht an den veränderten Formel, sondern am anfänglich lahmen, uninteressanten Filmverlauf und dem fehlenden Charisma Lazenbys. Dabei macht der Film gegen Ende wirklich Laune und präsentiert ein paar erfrischend neue Ideen, doch leider ist „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ einer der schwächsten Bonds aufgrund der genannten Schwachpunkte.