Der Mörder ist immer die Bauchrednerpuppe
Der neuste Streich der „Saw“ Macher James Wan und Leigh Whannell untermauert meine Theorie, dass die Beiden an einer ausgeprägten Puppenphobie leiden müssen. Anders kann ich mir ihre Affinität für gruselige, immer im Zusammenhang mit Mord und Todschlag eingesetzte, Puppen nicht erklären. Was bei „Saw“ noch ein netter Nebenaspekt als Überbringer von Jigsaws Botschaften war, ist bei „Dead Silence“ in das Handlungszentrum gerückt.
Die Grundgeschichte von „Dead Silence“ dreht sich nämlich um eine Bauchrednerin die 101 Bauchrednerpuppen ihr Eigen nennt, 1941, nachdem ein Junge spurlos verschwunden ist, verstirbt und seit diesem Augenblick, unterstützt von ihren Kindern durch das Kaff Ravens Fair spukt.
Ausgangspunkt der Geschichte ist aber die Gegenwart. Jamie Ashen und seine Freundin Lisa erhalten ein absenderloses Paket mit einer Bauchrednerpuppe. Als Lisa kurz darauf unter mysteriösen Umständen ums Leben kommt macht sich Jamie, verfolgt von einem Polizisten (Donnie Wahlberg), auf die Suche nach dem Grund ihres Todes und kehrt im Zuge dessen in seinen Heimatort (richtig: Ravens Fair) zurück. Dort trifft er nicht nur auf seinen verhassten Vater, dessen neue blutjunge Frau und einen abstrusen Totengräber sondern stößt auch noch auf das Geheimnis, das hinter den zahlreichen Morden rund um Ravens Fair steckt.
Lasst die Spiele beginnen.
Zugegeben. Die Idee einer irren alten Schachtel, die sich rächen will und daher aus ihrem Grab steigt, um ihre Peiniger und deren Sprösslinge zu bestrafen ist nicht wirklich neu. Sie ist aber kurzweilig, atmosphärisch und spannend umgesetzt.
Die Schauspieler sind, bis auf Donnie Wahlberg (durfte auch in „Saw 2“ und „Saw 3“ den Bullen mimen) unbekannt und agieren nicht gerade auf Oscarniveau – wobei das sicherlich auch niemand, der sich einen Film mit dem Titel „Dead Silence“ und einer Puppe am DVD Cover freiwillig ansieht, erwartet hat.
Die durch völlige Stille angekündigten Ankunftsszenen des Bösen respektive der alten Hexe sind extrem fesselnd, glaubhaft und nervenzerreißend spannend umgesetzt und gehen unter die Haut - Ein wahrer Fingernägelvernichter sozusagen. Vor allem die Puppen der alten Frau strahlen eine Bedrohung aus, die so manchem „The Ring“ Geistermädchen das Herz in die Hose rutschen und Chuckie wie einen Anfänger dastehen lassen.
Leider steht der Ausrufung des Films zu einem wegweisenden Horrorwerk, der doch sehr stereotypische Ablauf der Handlung im Weg. Auch ein minderbegabter Horrorkenner kann mindestens 60% der Aktionen und Reaktionen aller Figuren präzise vorhersagen. Das mindert die aufgebaute Spannung und das Interesse an der Auflösung, im Laufe der Zeit, doch sehr deutlich.
Das Finale des Films ist wiederum gut umgesetzt und bietet einen unerwarteten und brutalen, aber nicht ganz schlüssigen Schlusstwist. An dieser Stelle hätte ich dem alternativen Ende, das auf der DVD als Extra beiliegt, den Vorzug gegeben, da es etwas logischer und noch böser ist.
Die, die Endszene begleitende Musik, erinnert entfernt an das Ende von „Saw“ und bietet den idealen Soundteppich für die aufkeimende Erkenntnis des Hauptcharakters. Ganz im Allgemeinen ist die Filmmusik mehr als nur gelungen und trägt den Film über weite Strecken sogar von alleine voran.
Die Special Effects (vor allem während der tödlichen Stille) sind passend in den Handlungsablauf integriert worden und werden nicht über die Maße beansprucht. Anhand der gelungenen und makellosen (und damit teuren) Effekte erkennt man sehr deutlich, wie weit James Wan und Leigh Whannell seit ihrem Erstlingswerk im Ansehen von Hollywoods Studiobossen gestiegen sind.
Der Brutalitätsgrad von „Dead Silence“ wird nie zum Selbstzweck, da sich die beiden Macher vordergründig auf den Aufbau der Atmosphäre konzentriert haben. Trotzdem dürfen wieder einige Liter Kunstblut vergossen und ein paar makabre Todesarten gezeigt werden.
Lobenswert ist auch die Rückbesinnung auf eine alte Horroridee - den Puppenhorror. Denn einen reinen Puppenhorrorfilm zu drehen und dem verwöhnten Publikum vorzusetzen, ist eine angenehme, fast schon antiquierte, Abwechslung zum üblichen Slasher- und Foltereinheitsbrei. Leider ist die Idee hinter „Dead Silence“ beim Publikum auf wenig Gegenliebe gestoßen, weswegen der Film (im Kino) weltweit auch lediglich seine Kosten (knapp 25 Millionen Dollar) wieder eingespielt hat.
Fazit
„Dead Silence“ ist ein überdurchschnittlich spannender, gut umgesetzter und angenehm antiquierter Horrorfilm der „Saw“ Macher, der sich über die gesamte Laufzeit fesselnd präsentiert. Abzüge gibt es jedoch für die (teilweise unnötig leicht) vorhersehbaren Handlungen und etliche Horrorklischees. Alles in allem Mainstreamhorror mit guten Ansätzen.
Nachsatz
Bleibt nur zu hoffen, dass „Dead Silence“, sollte er auf DVD erfolgreich sein und eine Fortsetzung nach sich ziehen, nicht wie "Saw" zu einer kruder Splatterreihe, mit einigen Hochs aber noch mehr Tiefs, verkommt.