Einige Boxer werden im gehobenen Alter besser, beispielsweise George Foreman, andere sollten nach Jahren Abstinenz besser keinen Comebackversuch starten, man denke an Axel Schulz.
Nachdem man den populärsten Boxer der Filmgeschichte bereits nach einem luschigen Straßenkampf in „Rocky V“ anno 1990 in Rente wanken sah, kehrt er nun eindrucksvoll in den Ring zurück. Stallone will es mit seinen 60 Jahren noch mal wissen und konzentriert sich dabei sehr auf die Wurzeln seiner Heldenfigur, „Back to the roots“.
So ist „Rocky IV“ über weite Teile auch eher ein Milieudrama, welches stark an den ersten Teil von 1976 erinnert, erst im letzten Drittel steht das Boxen wieder im Vordergrund.
Rocky hat mittlerweile mit dem Boxen abgeschlossen, seine Frau Adrian starb vor einigen Jahren an Krebs, was er bis heute nicht so recht verschmerzen konnte. Sein Restaurant, das er nach seiner Frau benannte, läuft mehr schlecht als recht und auch das Verhältnis zu seinem Sohn ist distanziert.
Nur die (rein platonische) Beziehung zu Nachbarin Marie und die Freundschaft zu deren Sohn Steps motivieren ihn. Bis eines Tages ein computersimulierter Kampf zwischen Rocky und dem amtierenden Weltmeister Mason Dixon im Fernsehen läuft, bei dem Rocky als Sieger hervorgeht. Beide Männer sehen sich gezwungen, die virtuelle Szenerie in der Realität auszutragen.
Stallone macht es dem Fan leicht, schnell wieder einen Zugang zu seiner Figur zu finden.
Bereits in den ersten Sekunden, wenn die bekannte Fanfare von Komponist Bill Conti erklingt, Rocky gemeinsam mit Schwager Paulie Adrians Grab besucht und die leicht heruntergekommene Kulisse Philadelphias in blassblaue Farbfilter getaucht wird.
Rocky ist wieder da, wo er angefangen hat, jedoch schwelgt er, manchmal auch wehmütig, in Erinnerungen, etwa, wenn er seinen Restaurantbesuchern vom Kampf gegen Apollo Creed berichtet. Dazu kommen kurze Flashbacks aus seiner glücklichen Zeit mit Adrian, wohlvertraute Bilder und Gesichter.
Jedoch fehlt dem Geschehen lange Zeit der notwendige Drive, auch wenn es Freude bereitet, einigen zynischen Szenen Paulies beizuwohnen („What an ugly dog!“ als er Rockys neuen Hund Punchy entdeckt).
Zwischenmenschlichkeit steht im Vordergrund und eckt zuweilen haarscharf an die Grenze zum totalen Pathos.
Wenn das Boxkomitee Probleme mit der Boxlizenz macht, findet Rocky noch ebenso die passenden Worte, wie für das angekratzte Ego seines Sohnes, denn die Leute sehen ihn und denken dabei sogleich an seinen legendären Vater. Aber nach einer beherzten Ansprache kann auch das unser Held so geradebiegen, dass Sohnemann anschließend beim Training und im Ring nicht mehr von seiner Seite weicht.
Etwas zurückhaltender und genau deshalb auch wesentlich feinfühliger, wird Rockys Beziehung zu Marie geschildert, die bereits einen kleinen Auftritt im ersten Teil hatte.
Es ist keine schnulzige Liebesbeziehung, sondern eine zarte Annäherung und zugleich eine soziale Hilfestellung, denn Marie wohnt im letzten Drittel eines abbruchreifen Hauses.
Sie ist es letztlich auch, die Rocky aufmuntert, noch einmal in den Ring zu steigen.
Und dann folgt endlich das, worauf der Rocky-Fan gewartet hat: Trainingseinheiten und der Hauptkampf.
Das Training erinnert in seinem Szenenaufbau stark an die Vorbereitungen zum Kampf gegen Ivan Drago, gelungene Wechselschnitte zwischen Held und Gegner.
Auch hier heißt es „Back to the roots“, wenn Rocky Gewichte stemmt oder durch die Straßen seiner Heimat läuft, während Trainer und Freund Duke (den man ebenfalls aus vorherigen Teilen kennt) ihn unnachgiebig anfeuert und einiges abverlangt.
Insgesamt sind die Trainingsszenen leider etwas kurz ausgefallen.
Der Kampf, der in Las Vegas steigt, bildet selbstverständlich den Höhepunkt des Streifens.
Um ein wenig Authentizität in die Szenerie zu bringen, wurde sogar der bekannte Ringsprecher Michael Buffer engagiert und Mike Tyson darf dem amtierenden Weltmeister noch ein paar Worte mit auf den Weg geben.
Der Fight ist auf zehn Runden angesetzt, alles Weitere wird natürlich nicht verraten.
Die Choreographie dessen ist okay, die Schnitte kommen schnell und zackig, nur die Kamera ist teilweise nicht so ganz auf der Höhe des Geschehens.
Zudem fehlt der Auseinandersetzung die emotionale Wucht wie der gegen einen wirklich fiesen Gegner, denn die Figur Dixons ist ein recht oberflächlich charakterisierter Durchschnittsboxer.
Aber über allem steht das Wiedersehen mit Stallone in der Rolle einer seiner liebsten Figuren, die er mit Herzblut überzeugend verkörpert. Er ist wieder der Underdog, der den cholerischen Paulie beruhigen muss, weil der einmal mehr seinen Job verloren hat.
Der immer die passenden Worte findet, um auf seine Mitmenschen einzugehen, wenn auch manchmal etwas zu gutmenschlich.
Natürlich ist Stallone nicht mehr so frisch wie vor 16 Jahren und man hat ein wenig den Eindruck, dass das Botox im Gesicht hat noch nicht den richtigen Platz gefunden hat, doch körperlich ist der Mann durchtrainiert wie eh und je, nur nicht mehr so schnell im Ring.
In Sachen Glaubwürdigkeit ist die Darstellung seiner Figur, allen Unkenrufen zum Trotz, nachvollziehbar ausgefallen, obgleich die Reihe nun endgültig beendet sein sollte.
Denn ein „Rocky XII – Entscheidung am Tropf“ sollte er sich und den Fans ersparen.
Dieser Film hingegen ist ein zuweilen nostalgisch anmutendes Wiedersehen eines Kämpfers mit Herz, welches sich Fans vorheriger Teile nicht entgehen lassen sollten.
Trotz einiger Startschwierigkeiten und kleinerer Längen im Mittelteil ein ansehnlicher und unterhaltsamer Rocky Balboa.
7,5 von 10