So, nun, das ist er also, der ultimativ letzte Rocky Film, wieder einmal. Erst mal ein längeres Vorwort einer Person, die Rocky (den ersten und bis zum Krankenhausaufenthalt Adrians auch Rocky 2) abgöttisch liebt.
Als ich das erste Mal von diesem Film hörte, hielt ich es für einen schlechten Witz, da mit Rocky 5 ja wirklich alles zu diesem Charakter gesagt worden war, das es nicht nur zu wissen gab, sondern sogar darüber hinaus. Nach den Teilen 3 und 4, welche ja wirklich den Begriff erfolgreicher Trash der 80er mit definieren sollten, hatte man mit Teil 5 ein dezentes, nicht sonderlich aufregendes Ende gefunden, mit dem alle sehr gut leben konnten, und womit Rocky seinen eigentlich schon spätestens mit Ende des zweiten Teils wohl verdienten Abgang von der großen Filmbühne hinter sich gebracht hatte.
Aber nein, die Anzeichen verdichteten sich, dies würde das definitiv letzte Wort Sylvester Stallones zu seinem Alter Ego Rocky sein. Ohne große Vorbehalte ließ ich mich im Folgenden von den Gerüchten berieseln. Ich konnte mir ja nicht vorstellen, was jetzt noch auf Rocky zukommen könnte, war ja wirklich alles zu ihm gesagt worden, durfte er doch schon im fünften Teil aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr boxen.
Und dann kamen die ersten Bilder im Netz in den Umlauf: Rocky wieder im Ring!!!
Von da an hatte dieser Film für mich verschissen: Er würde augenscheinlich alles, was Rocky im ersten und ansatzweise auch im zweiten Teil gewesen war, mit Dreck besudeln.
Stallone würde nur um sein alterndes Ego noch einmal aufzupushen Rocky nun gänzlich der Lächerlichkeit preis geben.
Von nun an richtete ich mich darauf ein, einen Film, der sogar den superlächerlichen Rocky 4 in den Schatten stellen würde, als einer der gaaanz gaaaanz wenigen im Kino zu bewundern.
Denn ich war genauso davon überzeugt, dass er floppen würde, und zwar zu recht, denn dieser Film konnte einfach nur schlecht sein...
Aber weit gefehlt, er floppte nicht, und wurde auch noch zu meiner Überraschung überwiegend positiv aufgenommen.
All das bewog mich dazu, erstmals Skepsis dahingehend zu bekommen, ob ich diesen Film tatsächlich schauen wollte, denn ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass dieser Film funktionieren konnte.
Nun zum Film selbst:
Wieder einmal schreibt Stallone sowohl das Drehbuch (sämtliche Teile hat er selbst geschrieben), führt Regie (Teile 2-4 und nun dieser) und spielt natürlich die Hauptrolle (wie immer).
Die Geschichte spielt in der Gegenwart, Adrian ist tot, Rocky führt ein Restaurant, versucht sich in seinem Leben durchzuschlagen, hat sich mit seinem Sohnemann, welchem nie gelang aus Rockys Schatten zu treten, entfremdet.
Ganz langsam knüpft er zarte Bande mit einer Bekannten und irgend etwas in ihm brennt darauf, es noch einmal zu wissen, ein letztes Mal, bevor er nicht mehr in der Lage dazu in der Lage ist.
Tatsächlich bekommt Rocky schließlich dann einen Schaukampf gegen den amtierenden unumschränkten Schwergewichtsweltmeister, dessen Popularität auf dem Nullpunkt ist, weil niemand es mit ihm aufnehmen kann, wo Rocky dann noch einmal sein ganzes Können aufwartet.
Tolle Geschichte, hört sich genauso scheiße an, wie ich es erwartet habe. Die Frage, ob Rocky nun endlich im Ring stirbt (damit diese Filmfigur endlich auch ihre Ruhe findet) oder nicht, stellt man sich ja schon seit vielen Teilen, so auch hier.
Aber seltsamerweise hofft man hier erstmals seit langer Zeit wieder auf ein Happy End.
Erstmals seit dem zweiten Teil ist Rocky wieder der absolute Underdog, wo man nicht weiß, ob er eine Chance hat (zugegeben im vieretn Teil hatte er ja eigentlich auch keine Chance, aber seien wir mal ehrlich: Zur Reagan Aera gegen den Sowjetboxer, als Rache für Apollo, wer gewinnt da wohl!).
Aber vor dem positiven erst mal zum Negativen an diesem Film:
1. Stallones Schauspiel ist vorbei, dieser Mann hätte soviel erreichen können schauspielerisch gesehen, wenn man sich seine frühen Filme mal anschaut, z.B. Rocky, Fist, Nachtfalken, Rambo. Aber mittlerweile ist es vorbei damit. Im Gegenteil zum ersten Teil, wo Stallones wütendes lebendiges Spiel den Film trug, läßt sich hier Stallone von Rocky durch den Film schleifen, mit Mühe erreicht Stallone die Ziellinie.
2. Stallones Drehbuch hat keinerlei neue Impulse, verstrickt sich in Logiklöchern und ist mehr als holprig. Stallones einst unumstrittenes Talent ehrliche authetische Geschichten von den Leuten unten zu erzählen, hat merklich gelitten in den letzten dreißig Jahren. Wen wunderts: Schließlich ist er seit drei Jahrzehnten nicht mehr in der Gosse gewesen.
Auch sonst scheint er nicht mehr in der Lage zu sein, zwischenmenschliche Geschichten zu erzählen. So betritt Rocky niemals die Wohnung von jemanden, immer unterhält er sich beiläufig in zwei Minuten über die wichtigsten Entscheidungen.
So ist das bei seinem Sohn, so ist es bei Marie, so ist es bei Paulie. Das liegt eindeutig daran, dass Stallone nicht mehr weiß, wie Rocky in der Wohnung zu agieren hat. Das war in den ersten beiden Teilen auch mal anders gewesen.
Rockys Charakter war früher rauh und herzlich, mittlerweile lebt er mehr von diesem Image als dass er durch sie lebt. Teilweise ist er nun großkotzig und erkauft sich die Zuneigung von leuten durch seinen Ruf, sein Restaurant oder andere gütliche Vergünstigungen (siehe wieder einmal Marie), wohingegen er früher durch seinen spröden Charme punktete (damals beispielsweise bei Adrian). Hier kann man ja noch argumentieren, dass der zahn der Zeit an Rockys Charakter genagt haben mag, aber mir gefällt das nicht.
Dann noch der fakt, das Rocky doch wieder boxen darf: Ich bitte euch, schon im fünften Teil hieß es, dass er nie wieder boxen dürfe. Wieso darf er es jetzt so plötzlich? und wo wir schon mal dabei sind: eigentlich hätte er schon nach dem zweiten Teil niemals wieder boxen dürfen: Nach den Prügeln, die er durch Appollo Creed bezogen hatte, wäre jder weitere Boxkampf Selbstmord gewesen, aber sei's drum.
Dann der unterschwellige Vater-Sohn-Konflikt, der nach einem müden Monolog Rockys plötzlich behoben ist, und wonach der Junge sein ganzes leben überdenkt: Mehr als nur schwach umgesetzt, hätte man mehr daraus machen können, und wurde auch schon mehr daraus gemacht, nämlich im fünften Teil, als der Junge noch ein Junge gewesen war.
Alles in allem hat der Film kaum Substanz für 90 Minuten, die er dann auch gerade so erreicht.
3. Stallones Körper ist irgendwie gelinde gesagt, sowohl leicht grotesk entstellt, als auch mittlerweile offensichtlich zu klein für einen Schwergewichtsboxer. Na ja, auch hier sei's drum.
Aber ist der Film denn tatsächlich eine Katastrophe?
Nein, er ist gut, mehr noch.
Dieser Film atmet den Atem des ersten (und in Auszügen des zweiten) Teils nach, er geht davon aus, dass der Zuschauer dieses Films die ersten Filme kennt und liebt .... und seien wir mal ehrlich, wer von uns tut das nicht, so oft wie die Filme im Fernsehen durchgenudelt wurden?
Und genau darauf baut er auf: Die ersten zwanzig Minuten sind eine einzige nostalgische Fahrt durch Rockys Vergangenheit, und man kann nicht umhin, als Rocky-Fan Gänsehaut oder gar Tränen in den Augen zu haben.
So altbacken die Strory und ihre Umsetzung ist, so dankbar ist man als Zuschauer, dass Rocky nicht der Lächerlichkeit preis gegeben wird, dass er tatsächlich würdevoll abtritt. dabei wandelt der Film genau wie die Hauptfigur sehr lange auf gehörig schmalem Grat.
Und genau hier kommen zwei Sachen zum tragen, die ja auf dem ersten Blick sogar negativ wären:
1. Adrians Tod: Es kann prinzipiell keinen Rocky-Film ohne Adrian geben, aber würde Adrian noch leben, würde es diesen letzten Kampf Rockys gar nicht geben, weil sie es ihm nicht erlauben würde (siehe Teil 5). Außerdem ist ihr Geist durch ihr Ableben umso übermenschlich viel größer im Film verewigt, dadurch dass Rocky ihr so lange hinterher trauert.
2. Rockys Kampf am Ende an sich: Prinzipiell lächerlich bis zum Umkippen, gelingt es Stallones Drehbuch seinen zweiten Geistesblitz zu kreieren: Er zeigt den Kampf so, wie meiner Meinung nach der Kampf am Ende des zweiten teils hätte enden sollen.
Damals hätte Apollo Creed Rocky sogar im Ring zerfleddern sollen, wenn Appollo zwei Stunden vor dem Kampf querschnittsgelähmt worden wäre, so fit war er. Daher war es umso unglaublicher, dass Rockxy so gut mithalten konnte, geschweige denn gewinnen.
In diesem Film wird erklärt, wie es Rocky dennoch gelingen hätte können: Bei einem unglücklichen Schlagabtausch bricht sich der Weltmeister seine Hand und muß den Kampf mit gebrochener Hand zu Ende führen. Das erklärt zum einen, warum Rocky überhaupt eine Chance hat.
Und zum anderen, als Rocky für einen Moment dabei ist, den Kampf zu verlieren, da hält er noch einmal Rücksprache mit sich und zwingt sich, weiter zu kämpfen. Ganz großes Kino.
Auch groß ist in diesem Zusammenhang Paulies Aussage: "Das ist deine letzte Runde, Rocco!"
Schließlich endet der Film sehr versöhnlich, ist sehr nostalgisch: Man ist mit Rocky groß geworden, weiß alles über ihn und Ruhe ist, möge er endlich Ruhen.
Nötig war dieser Film mit Sicherheit nicht, da Teil 5 schon ein ordentliches Ende war, doch das hier ist ein Tick besser, weil er ein defintiveres Ende hat und so endet wie Teil zwei hätte enden sollen, dann hätte es zwar keine weiteren Rocky-Filme gegeben, aber dann wäre Teil zwei auch nahezu auf einer Ebene mit Teil eins gewesen.
Der Abspann gibt uns dann auch endlich Hoffnung darauf, dass dies der letzte Film der Reihe war.
Denn nur unter jener Prämisse verdient dieser Film:
7,5 Punkte