Rocky Balboa…
... ist der aus meiner Sicht mehr als zu recht hochgelobte Abschluss der in Stil und Qualität abwechslungsreichen Rocky-Reihe. Was der fünfte - aus meiner Sicht unterbewertete - Rocky bereits versucht hatte, ist diesmal mehr als gelungen. Der Bogen zum ersten Teil wird geschlossen, Handlung und Inhalt werden wieder in den Mittelpunkt gestellt und es bleibt eine angenehme Befriedigung über das Schicksal des so sympathischen Protagonisten beim Zuschauer zurück.
Vorbei sind die Zeiten von Bildcollagen, unnötigen Rückblenden und inhaltlicher Leere, die mit Trainingseinheiten und stark in den Vordergrund gerückten Boxkämpfen gefüllt wurde. Es gibt wieder echte Probleme, echte Menschen und echte Emotionen, die in einer weitgehend glaubhaften Geschichte zusammengefügt werden. Nur während des finalen Boxkampfes wird ein wenig mit der Optik gespielt und so kommt ganz kurz ein wenig „Sin City-Feeling“ auf, das - wenn es auch nicht richtig passen mag - zumindest nicht übel aufstößt.
Der Rockyscore dröhnt in den Ohren und lässt das Herz höher schlagen. Wir ziehen durch einsame Gassen, sprinten Treppen nach oben und fangen Hühner in Hinterhöfen – nein, letzteres zumindest war 1976, oder? Alles verschmilzt und die vielen Geschichten, die man seit damals mit Rocky erleben durfte werden eins; alles wird untrennbar miteinander verknüpft und das ist wohl die ganz besondere Glanzleistung, die Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller Sylvester Stallone hier geglückt ist.
Dennoch hat auch dieser Teil eine gewisse Eigenständigkeit bewahrt. Vor allem das Thema Einsamkeit ist zum ersten Mal Leitmotiv eines Rockyfilms. Gleichzeitig zeigt uns Stallone aber was wir seiner Meinung nach dagegen tun können, um sie zu besiegen.
Rocky hat ein eigenes kleines Lokal, in dem er Gästen immer mal wieder die Geschichten aus seinen alten Tagen erzählen kann und das ganz offensichtlich aufgrund seiner Popularität auch einigermaßen läuft, jedoch ist die Leere, die durch den Wegfall des Boxsports und vor allem durch den Tod seiner Frau Adrian (Talia Shire) bei Rocky entstanden ist, allgegenwärtig.
Das Verhältnis mit seinem Sohn (Milo Vengtimila) ist distanziert und angespannt. Was nicht nur zu Rockys sondern auch zur Vereinsamung seines Sprösslings führt. Zwar steht der junge Mann inzwischen auf eigenen Füßen, jedoch fühlt er sich von seiner Umwelt nur als Rocky Junior wahrgenommen bzw. geschätzt, was ihm schwer zusetzt und wofür er seinen Vater verantwortlich macht.
Das Problem der Einsamkeit zeigt sich ebenso bei den anderen Nebencharakteren. Da ist zunächst der aktuelle Weltmeister Mason „The Lion“ Dixon (Antonio Tarver), der trotz der sportlichen Erfolge nicht die gesellschaftliche Anerkennung bekommt, die er sich wünscht. Was zum Großteil an seiner überheblichen Art liegt, die eher einem pubertierenden und verwöhnten Kind gebühren würde. Letztendlich ist er ein Mann, der im Inneren sensibel ist, nach Freundschaft strebt, sich selbst aber noch nicht gefunden hat, und dem es deshalb schwer fällt, Anschluss zufinden. Dies erinnerte mich an eine Reportage über Mike Tyson, die ihn und sein Schicksal ähnlich geschildert hat, und der interessanterweise hier einen kurzen Gastauftritt hat.
Von ausschließlich eigener Verantwortung geprägt ist die Isolation, die Pauli (Burt Young) umklammert. Dazu musste an der Charakterschraube nicht mehr viel gedreht werden, war er doch schon immer vom Hang zum Alkohol und dem Fehlen jeglicher äußerlich erkennbarer Dankbarkeit geprägt. Dennoch ist er wie in allen fünf vorangegangenen Teilen doch irgendwie auch ein wichtiger Sympathieträger geblieben, der am Ende doch immer zu Rocky hält und ihm mit seinen beschränken Mitteln zur Seite steht.
Zum Schluss bleibt noch Marie (Geraldine Hughes), das Mädchen, das man bereits aus dem ersten Teil kennt und das sich, wie sich herausstellt, nicht zuletzt von Rockys ermahnenden Worten, davon hat abhalten lassen auf die schiefe Bahn zugeraten. Sie und ihr Sohn leben zwar in recht ärmlichen Verhältnissen, dafür sind sie anständig. An dieser Stelle präsentiert uns dann Stallone (und nicht Coca Cola) das Leben, so wie es sein sollte: Helft Anderen, dann wird Euch auch geholfen. So bietet Rocky Marie einen Job als Kellnerin in seinem Restaurant an, damit diese ihre Familie versorgen kann. Zum Ausgleich ist sie im weiteren Verlauf eine starke psychologische Stütze, die dem gefallenen Helden durch ihre positive Art wieder Mut macht und ihn bei den privaten Problemen mit seinem Sohn und der Bewältigung des Todes seiner Frau hilft.
Dann dient ein computergenerierten Boxkampf, in dem Mason Dixon von Ex-Champ Rocky Balboa virtuell K.O. geschlagen wird als Weiche, um Rocky wieder in den Ring schicken zu können. Was auf den ersten Blick ein wenig konstruiert wirkt, ist bei der genaueren Betrachtung unserer heutigen Medienlandschaft geradezu naheliegend.
Um das Aufeinandertreffen nicht total einseitig verlaufen zu lassen und dennoch einen gewissen Grad an Realismus zu bewahren, wurden dem jungen Weltmeister vom Drehbuch ein paar Handicaps auferlegt, die ich hier nicht näher ausführen möchte, sodass es möglich war, über die vollen 12 Runden wunderbar mitzufiebern und zu hoffen, dass man den Ring gemeinsam mit einem aufrecht stehenden Rocky Balboa verlässt.
Für mich bleibt zum Schluss eine ganz wesentliche Kernaussage: „It isn’t over until it’s over!“. Also steht auf, egal wie oft Euch das Schicksal auf die Bretter haut – das Leben ist es wert.
Ähnlich wie dem ersten Teil fehlt auch Rocky Balboa nicht viel zum perfekten Filmerlebnis und deshalb gibt es 9/10 Punkte.
Wem der Film gefallen hat, könnte auch Freude an den Folgenden haben:
- Rocky
- Million Dollar Baby
- Ein stahlharter Mann