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"Wieviel kannst du einstecken?"

Rocky Balboa (Sylvester Stallone) lebt zurückgezogen in Philadelphia und ist Besitzer des Adrian's, einem Restaurant, welches er nach seiner verstorbenen Frau benannt hat. Die Tage des Boxens sind vorbei, somit sind sein einziger Bezug zu diesem Sport die Geschichten die er seinen Gästen erzählt. Sein Sohn Robert (Milo Ventimiglia) empfindet es als beschwerlich im Schatten seines Vaters zu stehen und meidet den Kontakt.
Als Rocky auf einem Sportsender einen virtuellen Boxkampf sieht, indem er gegen den aktuellen Weltmeister Mason Dixon (Antonio Tarver) kämpft und laut Computerauswertung gewinnt, spornt ihn das an, sportlich noch einmal etwas aktiver zu werden. Der Gedanke das öffentliche Interesse zu umgehen und erstmal gegen unbekannte Gegner zu kämpfen verlischt allerdings schnell, denn ein Angebot des unbeliebten Mason zu einem Schaukampf liegt schon kurze Zeit nach der Freigabe einer Boxlizenz vor der Tür. Sein alter Freund Paulie (Burt Young) steht ihm schnell zur Seite. Für seine Ecke kann er aber auch Robert zurück gewinnen. Und Marie (Geraldine Hughes) die ihn vor Jahren als 12-jähriges Mädchen rüde beschimpfte, aus ihren Fehlern im Leben allerdings gelernt hat und nun Sympathie für Rocky empfindet.

In den 90ern ging es für Sylvester Stallone nach und nach bergab. Bei "Cliffhanger" waren sich die Kritiker noch streitig, "Daylight", "Demolition Man" und "Judge Dredd" füllten die Kinosäle aber nur noch bedingt. Viele sahen seine Karriere am Ende und tatsächlich blieb es Anfang des neuen Jahrtausends relativ ruhig um den Star der 80er Jahre. Doch dann kam eine spektakuläre Wende. Die Gerüchte um eine Fortsetzung zu "Rocky" und "Rambo", seiner beliebtesten Reihen, kochten. Kritiker zerissen bereits im Vorfeld die noch in der Produktion befindlichen Filme, da die jeweils letzten Filme nicht mehr den hohen Standard halten konnten. 2006 und somit 16 Jahre nach "Rocky V" war es dann soweit. "Rocky Balboa" lief in den Kinos an und beendete die Saga um den publikumsnahen Boxer.

Zurück zum Anfang lautete wohl das Motto für Stallone. "Rocky Balboa" orientiert sich sehr stark an den ersten beiden Teilen. Gezeigt wird das Leben von Rocky nach seiner Karriere, wo der Wunsch noch einmal ganz oben zu stehen aufkeimt. Es ist quasi wieder eine Charakterstudie und die erste Stunde des Films dreht sich um die Figur des Rocky selbst.
Dieser Teil muss wie schon das Original als Drama funktionieren, und das tut er. Feinfühlig werden Charaktere aus früheren Filmen eingefügt und ausgearbeitet. Dabei schleichen sich die gleichen Schwächen von "Rocky" ein. Denn die Handlung wird ohne inszenatorische Höhen präsentiert und kann durch dialoglastige Subplots im schlimmsten Falle etwas langwierig wirken. Einmal mehr verhilft da der gut pointierte Witz kurzzeitig zur Auflockerung.

"Rocky Balboa" besinnt sich dramaturgisch seiner Wurzeln. Schon fast nostalgisch erscheint die Machart des Boxerdramas trotz moderner Aufmachung. Nach dem klassischen Auftakt erfolgt eine schnelle, figurennahe Aufarbeitung nicht gesehener Geschehnisse der in Echtzeit voran geschrittenen Geschichte.
Immer wieder schlägt die Handlung dabei Bögen zu in vorherigen Filmen gesehenen Ereignissen. Zum besseren Verständnis ist die Kenntnis dieser sinnvoll, durch die gut eingefügten Rückblenden bleibt die Geschichte aber auch für Nichtkenner plausibel.
Neben vielen Lebensphilosophien haben sich hier auch ein paar nicht ganz sinnige Folgefehler und Unglaubwürdigkeiten eingeschlichen. So fällt der einstige Hirnschaden des Boxers ohne Erwähnung über den Tellerrand. Trotz diesen Mängeln bleibt der Film im seriösen Bereich und zieht vor allem durch seine ruhige Erzählweise und die charmanten Figuren in seinen Bann.

Das letzte Drittel besinnt sich des klassischen und atmosphärischen Trainings, sowie dem Boxkampf im Ring. Dabei bleibt die Glaubwürdig erhalten. Die Alterung von Rocky und gleichfalls Sylvester Stallone ist visuell zu sehen. Die schnellen Reaktionen bleiben aus, das Tempo des Kampfes ist etwas langsamer als es in den früheren Teilen war und die Schläge von Rocky scheinen nicht mehr ganz so kraftvoll. Dies schadet der Dramaturgie allerdings nicht, im Gegenteil. Durch das leichte schwächeln des Titelhelden ist der Bezug zu diesem noch näher.
Abstriche gibt es bei dem Gegenspieler Mason Dixon, der kaum Profil vorweist und wie auch schon Tommy Gunn in "Rocky V" schnell wieder in Vergessenheit gerät.
Stilistisch gibt es ein paar Neuerungen. Im Zuge des modernen Kinos wurden zwischen den normalen Farbsequenzen Schnittwechsel in Form von Schwarz / Weiß Kombinationen und Zeitlupenaufnahmen verwendet.
Als Zugabe gibt es nach dem Kampf eine Verabschiedung des Publikums, die in Erinnerung bleibt und Rocky in den wohlverdienten Ruhestand schickt.

Neben der erstklassigen Regie ist Sylvester Stallone auch in seiner Rolle nicht zu überbieten. Noch einmal blüht er in einer seiner bekanntesten Rollen regelrecht auf. Burt Young und Tony Burton sind neben ihm die einzigen geblieben, die von Anfang an prägnante Figuren der Saga darstellen.
Geraldine Hughes ("Gran Torino") spielt ihren Part sensibel und feinfühlig. Ansonsten ist der Cast unauffällig und auswechselbar. Milo Ventimiglia ("Verflucht", "Heroes") kann auf charismatischer Ebene mit den oben Genannten in keinster Weise mithalten, Antonio Tarver ist seines Zeichens professioneller Boxer und nicht Schauspieler.

"Rocky Balboa" findet zurück zu alter Klasse. Alle Stärken und Schwächen des einstigen "Rocky" finden sich auch in dem abschließenden Werk. Nur das Tempo des Boxkampfes scheint gegenüber dem Original etwas ausgebremster zu sein, selbstverständlich durch die Alterung der Darsteller und Figuren gleichermaßen. Der sechste Teil bringt die Saga auf jeden Fall zu einem verdienteren Ende als "Rocky V".

8 / 10

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