Review

"Wie ist das eigentlich, wenn man farbenblind ist?"
- "Das Leben ist wie ein Schwarz-Weiß Film. Mit dumpfen Geräuschen."

Ein Dialog zwischen Steve und dem Motorcycle Boy, stellvertretend für den ganzen Film. "Rumblefish" ist in gefühlskaltem, düsterem Schwarz-Weiß gehalten und es wird viel mit diesen Bildern ausgedrückt. Aufnahmen von vorüberziehenden Wolken, hier der Schatten einer Leiter, dort nur die Umrisse eines Tieres. Aufsteigende Rauchschwaden. Ja nichts Positives.

Der Motorcycle Boy ist farbenblind. Und mitunter taub. Dann steht er wie festgenagelt, fast schon apathisch im Raum, während Steve und Rusty James über ihn reden. Er hört zwar mit, diese, wie er sagt, dumpfen Töne, doch er lässt sich nichts anmerken, verzieht seine Mine nicht. Er ist die lebende Legende, die Jahre lang wie vom Erdboden verschluckt worden war. Nun taucht er wieder auf, in einer Kleinstadt. Die Zeit der großen Faustkämpfe in heruntergekommenen Gegenden scheint vorbei. Sein Bruder, Rusty James, möchte in die Fußstapfen seines vergötterten Idols treten. Bis er eines Tages in einem Kampf verletzt wird. Da taucht der Motorcycle Boy auf, nimmt sich dessen an. Und räumt auf mit seinem Ruf, dem Fanatismus, mit dem die Leute ihm teilweise begegnen.

Der Motorcycle Boy (in der deutschen Version unglücklicherweise eins zu eins mit "der Motorradtyp" wiedergegeben) will nicht der von allen Geliebte, Bewundertete und Respektierte sein. Auf eine abfallende Art und Weise geht er auf den Vergleich mit dem Rattenfänger von Hameln ein, den Rusty James anstellt. "Wahrscheinlich würden sie es sogar machen", erwidert er auf die Aussage, dass die Leute ihm folgen würden, wie einst diese kleinen Viecher dem Rattenfänger. Er zweifelt den Verstand der Gesellschaft an. Eine Gesellschaft, in der anscheinend die Fäuste wichtiger sind als der Kopf, die Intelligenz. Durch seinen Mut und seine früheren Kämpfe hat er sich Respekt verschafft. Das ist er leid. Sein Vater, gespielt von Dennis Hopper, versucht seinem anderen Sohn, Rusty James (Matt Dillon) beizubringen, was im Motorcycle Boy vorgeht. Er ist nicht dieser apathische, von vielen als geistig verwirrt verschriene Unheimliche. Er ist nur demotiviert. Er kann tun und lassen, was er will. Durch das, was er ist. Zu was ihm die Gesellschaft gemacht hat.

Hier findet man auch einen absoluten Magic-Moment wieder. Da sind Rusty James und der Motorcycle Boy (herrlich bösartig klingende Gangnamen) in einer Tierhandlung. Der Besitzer ist schon besorgt und missmutig, da sich der stadtbekannte Motorcycle Boy schon eine geschlagene halbe Stunde in seinem Laden aufhält. Das kann nichts Gutes heißen. Doch dieser führt nichts Böses im Schilde. Ganz im Gegenteil. Hier ein weiterer Vergleich. In ein Aquarium schauend, deutet er seine wahre Identität an. Er vergleicht sich mit diesen "Rumblefishs" im Aquarium. Hier kommt Farbe ins Spiel. In den sonst so trostlosen und negativ wirkenden Bildern sind es diese knallrot leuchtenden Rumblefishs, auf die man sofort aufmerksam wird. Am Anfang vom Film nur mal im Vorbeischwenken der Kamera zu sehen, liegt in der Szene in der Tierhandlung das volle Hauptaugenmerk auf diesen Lebewesen. Sie sind von der Gesellschaft zu dem gemacht worden, was sie nun sind. Gefangen in einem Aquarium, sie haben begrenzte Möglichkeiten und keine Möglichkeiten, ihren Status, den sie nun besitzen, zu ändern. Hält man ihnen einen Spiegel vors "Gesicht", fangen sie an, sich selber zu bekämpfen. Erzählt der Motorcycle Boy. Was sie in freier Natur sicherlich nicht machen würden.

So ist dies dann auch seine Intention, die Fische zu retten. Wieder in Freiheit zu bringen. Nachdem er Rusty James aufgetragen hat, wie er nun weiterhin verfahren solle. Motorcycle Boys Leben endet tragisch. Doch in einer gewissen Weise wird er doch gerettet. Und in den Fluss geworfen. Wo er weiterleben kann. Das Ende ist wieder typisch, was die Bilder angeht. Rusty James fährt mit dem Motorrad an den Ozean. Wie es sein Bruder ihm aufgetragen hat. Man sieht nur die Konturen. Er, das Motorrad und die Vögel. Rusty James hat seinen Bruder verloren. Doch Einiges dazugelernt.

"Rumblefish" ist mehr als ein Film über Gangs, um Prügeleien und sinnloses Herumlungern in irgendwelchen Gossen. Eine Kritik an der Gesellschaft und eine Wiederspiegelung dessen, was passiert, wenn man von der Gesellschaft zu etwas gemacht wird. Gezwungenermaßen. Der Spiegel ist auch Sinnbild des Films. Oder wäre der Motorcycle Boy etwa glücklich, sein Spiegelbild zu betrachten ? Er, unmotiviert, teilweise apathisch, gelangweilt von dem, was er ist ? Er vergleicht sich nicht umsonst mit diesem Rumblefish.

Eine Kleinstadtballade, tiefgründig, düster und traurig. Doch man hat etwas dazugelernt und ist einen guten Film reicher. Leider fehlt zu Beginn des Films die Tiefgründigkeit, die Symbolik und die anspruchsvollen Dialoge, die man dann gegen Ende serviert bekommt. Aber sonst wirklich anspruchsvolles Kino, wie man es sich wünscht.

8/10 Punkte

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