Der Schläger wiegt so schwer in meiner Hand,
ein fremdes Werkzeug, grausam sein Gewicht.
Ich seh sie noch, wie sie da vor mir stand,
das Mädchen mit nicht menschlichem Gesicht.
Verschleppt vom Dämon? Schweigen starrt mich an.
Geheimnis an Geheimnis, dicht an dicht -
ich warte und ich frage nur noch, wann,
nicht ob er mich ergreift, des Gottes Groll.
Vor wenig Tagen traf ich einen Mann,
nun fand man ihn, die Kleider waren voll
von seinem Blut, so lag er tot und bleich.
Ein alter Zorn nimmt jährlich seinen Zoll
und reißt Verräter fort aus seinem Reich.
Zerfleischt von eigner Hand: Man nennt es Fluch.
Sie wissen es, ihr Lächeln macht mich weich,
doch lächelnd streicheln sie mein Leichentuch.
Ich friere, wenn ihr euch auch Freunde nennt.
Ihr lacht und lest aus mir wie einem Buch,
mit Schlangenblick, der mir im Innern brennt,
ob vor mir, hinter mir, wie Feuer heiß,
doch ihr seid kalt, wenn man euch wahrhaft kennt.
Ich steh vor ihr wie einer Wand aus Eis,
die blauen Augen bohren seelenwärts.
Sanft weht ihr Kleid im Wind, es ist so weiß,
doch Süße schwand und wurde Angst und Schmerz.
Die Spiele sind gespielt, der Spaß ist aus,
voll Furcht schreib ich es auf. Doch wer erfährt's?
Ich warte, sitze wach vor Angst zu Haus,
den Schläger in der Hand, ich halt ihn fest,
ich grüble nach, das Wachen ist ein Graus -
wer rettet sich und wer gibt wem den Rest?
Wer frisst die Nadeln und wer nimmt das Gift?
Sie packt mich, eine Spritze bringt die Pest,
sie schwenkt sie so wie einen schwarzen Stift,
und zwinkert, so als wäre noch die Zeit,
in der man Spiele trieb, und wen es trifft,
zum Spott bemalte, und zur Heiterkeit.
Der Schläger fliegt. Ihr Blut befleckt die Wand,
und Knochen brechen - still. Wie kam's soweit?
War ich das? Oder etwas, das mich fand?
Onikakushi-hen ("Verschleppt von Dämonen") ist das erste Kapitel von Higurashi no Naku Koro ni, bestehend aus vier Folgen. Es erzählt aus der Sicht des Schülers Keiichi Maebara, der vor wenigen Wochen neu in das Dorf Hinamizawa gekommen ist und sich mit Rena Ryûgu und Mion Sonozaki angefreundet hat, mit denen er tagtäglich zur Schule geht. Die Kapitel ("Arcs") der Animeserie haben überwiegend in etwa Spielfilmlänge und erzählen jedes für sich genommen eine andere Version der Geschichte um das Watanagashi("Baumwolltreiben")-Fest im Juni 1983 und den Fluch des Gottes Oyashiro-sama. Da die Serie insgesamt aus vier Frage- und vier Antwortkapiteln (sowie einem Übergang zu Beginn der zweiten Staffel) besteht, gibt es auch ein Kapitel (Tsumihoroboshi-hen, "Buße"), das auf die Geschehnisse dieses Kapitels Bezug nimmt. Tsumihoroboshi-hen ist das letzte Kapitel der ersten Staffel "Higurashi no Naku Koro ni" und bildet anknüpfend an Onikakushi-hen einen würdigen, sinnvollen und bewegenden Abschluss der Staffel. "Onikakushi" ist eine sprachliche Sonderbildung und geht aus von dem Ausdruck "Kamikakushi", das "von einem Gott (bzw. von Göttern) entrückt" bedeutet und den der Anime-Fan vielleicht aus dem Titel des märchenhaften Films "Chihiros Reise ins Zauberland" ("Sen to Chihiro no Kamikakushi" - "die göttliche Entrückung von Sen und Chihiro") kennt.
Die Animeserie samt der zweiten und abschließenden Staffel Higurashi no Naku Koro ni - Kai beruht auf einer Sound Novel (also eines am Computer zu lesenden Roman-ähnlichen Textes mit Illustrationen, Musik und Soundeffekten), die auch zur Grundlage einer Manga-Reihe wurde. Die Manga-Bände sind in der Darstellung der Vorgänge ausführlicher als die Anime-Serie, noch ausführlicher ist aber die Sound Novel, die den Leser detailliert an den Überlegungen und dem Gefühlsleben von Keiichi teilhaben lässt und die Geschichte in all ihren Dimensionen entfaltet. Allerdings hat die Animeserie den Vorteil einer fließenden audiovisuellen Darstellung, die auch in eindrucksvoller und intensiver Art und Weise umgesetzt wurde. Sie ist also der ideale Einstieg in die Geschichte. Die Mangareihe und die Sound Novel sind auch in englischer Sprache verfügbar und für den zu empfehlen, der nach der Animeserie noch intensiver in die Geschichte mit ihren zahlreichen Feinheiten und Nebenaspekten eintauchen möchte.
Obwohl es in Higurashi auf den ersten Blick um den Fluch eines Gottes, Dämonen und unmenschliche Grausamkeiten geht, ist es ebenso sehr eine Serie über Freundschaft, Erwachsenwerden, Unsicherheit, unerfüllte Liebe, mit anderen Worten Dinge, die wohl jeder kennt und in deren Darstellung er sich wiederfinden kann, wenn er genau hinschaut. Keiichi wird zu Beginn von Onikakushi-hen von der Klassensprecherin Mion Sonozaki in einen Club eingeladen, der neben ihr noch aus den Mitschülerinnen Rena, Rika Furude und Satoko Hôjô besteht und sich nach Schulschluss trifft, um sich in Spielen gegenseitig zu messen, deren Höhepunkt nicht die Krönung des Siegers, sondern die Bestrafung des Verlierers ist. Im Spiel selbst darf mit allen schmutzigen Tricks vorgegangen werden. Beim Kartenspiel zum Beispiel machen Keiichis Mitspielerinnen ihm grinsend klar, dass sie alle Karten auch an der Rückseite erkennen.
Dieser Club, dessen Spiele vor allem in der Sound Novel ungleich ausführlicher geschildert werden, ist eine Art Schule des Lebens. Das heißt nicht, dass man nur lernt, möglichst trickreich und skrupellos vorzugehen. Es heißt auch, sich selbst dann, wenn man sich schon am Ende glaubt, noch einmal aufzuraffen und sich einen neuen Spielzug zu überlegen. Es heißt auch, mit Niederlagen umgehen zu lernen und in jeder Enttäuschung den Ansporn zu einem neuen Spiel und einer neuen Herausforderung zu sehen. Wenn man die Serie zum ersten Mal sieht, wird man vielleicht den Club nur als humoristisches Beiwerk ansehen, das ein bisschen Erleichterung gegenüber den grausamen Geschehnissen bringen soll. Aber die Spiele sind immer auch eine Spiegelung der folgenden Geschehnisse. "Ihr seid Dämonen" (oni), stöhnt Keiichi, als er merkt, wie der Club funktioniert, aber noch nichts von dem wie ein Leitmotiv immer wiederkehrenden Ausdruck "onikakushi" gehört hat. Und wie auch bei den bevorstehenden tragischen Ereignissen meint er alle gegen sich zu haben.
"Onikakushi-hen" ist nämlich die tragische Geschichte eines totalen Verlusts von Vertrauen in seine Mitmenschen, in diesem Fall von Keiichi gegenüber Rena und Mion, bis hin zur nackten Todesangst. Alles beginnt damit, dass Keiichi von seinen Freundinnen nicht über die dunkle Seite von Hinamizawa, nämlich die Serie von alljährlichen Todes- und Vermisstenfällen zum Zeitpunkt des Watanagashi-Fests, aufgeklärt wird. Erst von mehr oder weniger Fremden erfährt er diese Dinge und sieht sie bald in seinem näheren Umfeld bestätigt. Der Polizist Oishi, der sich die Aufklärung dieser Fälle zur Lebensaufgabe gesetzt hat, bestärkt sein Misstrauen mit einer Reihe von vermeinlich belastenden Anhaltspunkten rund um seine Schulfreundinnen. Bald sieht er sich in Lebensgefahr und fühlt sich von den beiden Mädchen, mit denen er sich täglich auf dem Schulweg fröhlich unterhalten hat, auf einmal drohend angestarrt wie von Dämonen. Die Anime-Version der Geschichte verläuft wie ein eiskalter Psychothriller mit einer rasanten eingleisigen psychischen Entwicklung der Hauptfigur. In der Sound Novel ist Keiichi sehr viel zweifelnder und abwägender; immer wieder hält er sich vor Augen, welche Anhaltspunkte für und gegen die Täterschaft von Rena und Mion sprechen, und verzweifelt zwischen dem Versuch, seine freundschaftlichen Gefühle am Leben zu erhalten, und seiner Todesangst, die ihm zur Wachsamkeit und schließlich zu einer irrationalen Gegenwehr rät.
Die Inszenierung der unheimlichen Momente in Onikakushi-hen ist nichts anderes als höchste Psychothriller-Kunst. Unterstützt von den Sprechern, unter denen ich besonders Mai Nakahara als Rena hervorheben möchte (man muss diese Serie natürlich auf Japanisch ggf. mit Untertiteln sehen!), die allein mit der Wandlungsfähigkeit ihrer Stimmen je nach Erfordernis für Heiterkeit sorgen wie kalte Schauer erzeugen können, erwischt es den Zuschauer eiskalt, wenn eine ruhige Gesprächssituation auf einmal eine bedrohliche, beängstigende Wendung nimmt und die Angst des Protagonisten sich im Gesicht seines Gegenüber graphisch widerspiegelt. Herauszufinden, wie viel davon der Phantasie von Keiichi entspringt und was grausame Wahrheit ist, wird den Zuschauer hier intensiv beschäftigen. Onikakushi-hen ist eine meisterhafte Eröffnung. Chiaki Kon und ihre Mitarbeiter von Studio Deen lassen die bewegende Geschichte von Autor Ryukishi07 als überwältigenden Paranoia-Thriller auf den nichtsahnenden Zuschauer los und ziehen ihn gnadenlos in die lieblich böse, hinreißend grausame Welt von Hinamizawa hinein.