Den hohen Namen trag ich auf der Haut,
ich bleib ihm treu, ich trenne mich nicht mehr
von dem Gesicht, das grausam in mich schaut -
das kleine Mädchen kommt nicht gern hierher.
Es gibt das alte und das neue Haupt.
Das alte droht, doch setzt sich nicht zur Wehr,
das neue tut, was ihm die Pflicht erlaubt,
es kämpft mit Tritt und Faustschlag - das war leicht,
ans gleiche Ziel hat jeder dort geglaubt.
Mein ruheloses Heim hat Großes da erreicht,
als ferner Herrscher Plan in Staub zerfiel.
Mit warmem Glanz, der nicht mehr von uns weicht,
umgibt der Lauf der Zeit das große Ziel.
Kein Damm hemmt unsern Fluss. Gedankenvoll
seh ich die Freundin und ihr frohes Spiel.
Dass so viel Schönes dort nun schlummern soll,
sagt sie zu mir und sucht dort ganz allein.
Wie eine schwere Wunde, die noch schwoll,
schien er, als sie noch nicht dort war, zu sein.
Nun wärmt ihr Lächeln diesen wüsten Ort.
Noch abends liest sie dort bei Lampenschein.
Mein Haus ist fest und lässt mich selten fort.
Ein alter Mund spricht flüsternd mir ins Ohr,
ihr Wille spricht durch mich sein strenges Wort.
Die Furcht ist da, doch traut sich nicht hervor.
Die Angst, nur sie zu sein, wenn meine Stunde naht,
und dass das Mädchen merkt, dass es verlor.
Ich werde tapfer sein mit jeder Tat.
Ich will auch morgen kämpfen, voller Mut,
und biete Schutz, wenn jemand darum bat.
Doch wenn in dieses Willens wilder Flut
das Mädchen einst ertrinkt, was soll ich tun?
Ich fühle, dass es reglos in mir ruht.
Es soll sich rühren, es soll nicht mehr ruhn.
Ich will, dass es dem wilden Mut befiehlt:
Die Schlacht ist aus - drum leg dich schlafen nun.
Komm, zeigt mir nun, wohin mein Leben zielt.
In mir, in all dem Lärm, fast ohne Laut,
da spricht ein Mädchen ... das mit Puppen spielt.
Das zweite Fragekapitel von "Higurashi no Naku Koro ni" ist die Geschichte einer Identitätskrise und eines religiösen Frevels. Es beleuchtet unter anderem die Geschichte der Sonozaki-Familie, allerdings in der aktionsorientierten Anime-Serie weniger als in der Sound Novel und in der Mangafassung, die sich beide mehr Zeit bzw. Platz für die Hintergründe der Geschichte nehmen können. Das Thema "gesellschaftliche Rollen" wird anhand der Figuren Mion und Shion ebenfalls zu einem inhaltlichen Schwerpunkt.
Mion Sonozaki wurde zum kommenden Oberhaupt der Sonozaki-Familie herangezogen. Das bedeutet Privilegien, aber auch Verpflichtungen, die teils schwer zu tragen sind. Mion muss als Sprecherin ihrer Großmutter, mit der sie allein zusammen lebt, fungieren und die Repräsentation der Familie mittragen. Ihre Mutter Akane wurde, wie man im Anime nicht erfährt, nach einem schweren Streit mit ihrer Mutter und der Heirat mit einem Yakuza-Boss ihrer Nachfolgerechte als kommendes Familienoberhaupt enthoben. Das Verhältnis zu ihrer Großmutter scheint nun aber ruhig zu sein und die Verbindung mit dem Yakuza-Clan leistet der Großfamilie wertvolle Dienste zum Erhalt ihrer Macht in Hinamizawa und dessen Umfeld, in dem viele Sonozaki-Familienmitglieder in Führungspositionen tätig sind und enormen Einfluss ausüben.
Vor diesem Hintergrund muss sich Mion behaupten und ihre individuelle Entwicklung als ca. 16-jähriges Mädchen ist enorm geprägt von ihrer Verantwortung. Schon im Dammkrieg, in dem sie gerade wegen ihres jungen Alters, das sie vor dem Erwachsenenstrafrecht bewahrte, auch illegal tätig wurde, musste sie sich an vorderster Front bewähren. Parallel zu ihrer Führungsrolle in der Familie hat sie auch als Klassensprecherin und im Nachmittags-Club an der Schule eine Führungsposition. Ihre Schwester Shion, die in diesem Kapitel als Figur eingeführt wird, ist ihr in vielen Belangen ähnlich und in anderen völlig gegensätzlich. Während Mion in einer gesellschaftlichen Ordnung an exponierter Stelle ihren Aufgaben nachkommt, wird Shion als Rebellin präsentiert, was im Antwortkapitel Meakashi-hen zu einer noch ausführlicheren Darstellung gelangt. Eine andere und in diesem Kapitel wichtigere Gegensätzlichkeit ist, dass Mion meist als eher maskuline Persönlichkeit präsentiert wird und diese Rolle nach außen hin auch gerne annimmt, da sie zu ihrer Führungsrolle besser zu passen scheint als ein empfindsames, feminines Auftreten. Der Gegensatz zwischen "männlichen" und "weiblichen" Attributen ist natürlich zum großen Teil durch gesellschaftliche Traditionen bedingt und wenn Mion "weiblicher" sein möchte, soll das hier nur heißen, dass Mion sich auch in dem Sinne traditioneller weiblicher Qualitäten bewähren möchte.
In Wahrheit ist Mion jedenfalls nicht glücklich mit dieser Rolle und wünscht sich, stärker von ihrer weiblichen Seite her wahrgenommen zu werden, insbesondere auch von gleichaltrigen Jungen als weibliches Wesen und nicht nur als ruppiger Spielkamerad gesehen zu werden. Insbesondere von Keiichi, zu dem sie sich hingezogen fühlt, der aber durch verschiedene Äußerungen die vermeintlich männlichen Züge an Mion noch hervorhebt und sie damit weiter in diese Rolle drängt. Die Schlüsselszene ist die Preisvergabe nach einem Clubspiel, bei der jeder aus dem Club eine Puppe geschenkt bekommt. Mion bekommt jedoch keine, da sie mit dem Ladenbesitzer verwandt ist und an Verwandte einer Gepflogenheit des Ladens zufolge keine Preise vergeben werden. Keiichi will seine Puppe nicht haben und gibt sie, obwohl es sich anböte, nicht Mion, sondern Rena wegen deren Vorliebe für niedliche Gegenstände. Obwohl Mion sich kaum etwas anmerken lässt, ist sie sehr enttäuscht und verletzt, da Keiichi sie auch in diesem Moment wieder als jungenhafte Person bezeichnet und überhaupt kein Interesse an potentiellen weiblichen Zügen an ihr bekundet. Vielmehr scheint sie ihm so geradezu lieber zu sein, vielleicht weil sich in seinem Freundeskreis kein Junge außer ihm befindet. Wie sich am Ende des Kapitels herausstellt, hat die Entscheidung Keiichis eine fatale Wirkung, auch wenn der Verlauf dieser Wirkung noch im Verborgenen bleibt.
Es fällt bei der gesellschaftlichen Struktur von Hinamizawa auf, dass sie starke matriarchalische Züge hat. Sowohl bei der Familie Sonozaki als auch bei der Familie Furude sind die Mütter die maßgeblichen Repräsentanten der Erbfolge und der Machtfülle der Familien. Traditionell ist die Kimiyoshi-Familie die erste in der Rangfolge der "Drei Großen Häuser" und die Sonozaki-Familie die unterste. Aber im Lauf der Jahrzehnte hat sich dies realistisch gesehen umgekehrt. Das Haus Sonozaki tat sich durch Heirat mit einer Yakuza-Sippe zusammen und gelangte an viele wichtige politische Ämter. Der Dorfälteste Kimiyoshi Kiichirou ist die offizielle Leitfigur des Ortes, aber die Dorfpolitik ist entscheidend von Oryou Sonozaki geprägt, deren Mann Souhei mit dem Schwarzmarktverkauf von Dosenfleisch in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg dem Dorf eine entscheidende Geldquelle verschaffte. Hier gibt es eine interessante Hintergrundgeschichte, die in der Anime-Umsetzung der Zeitökonomie zum Opfer fiel. Souhei Sonozaki stand nach der Darstellung der Sound Novel in Verbindung mit einer japanischen Militäreinheit, der die Forschung zu Überlebensbedingungen für Soldaten oblag. Wie können und sollen sich Soldaten in kargen Regionen versorgen? Lässt man menschheitsgeschichtliche Tabubildungsprozesse außer Acht, ist der Gedanke an Anthropophagie naheliegend. Menschenfressende Dämonen sollen einst in Onigafuchi eingefallen sein und sich schließlich mit den Dorfbewohnern verbündet haben. Da überrascht das Gerücht, dass in den von Souhei Sonozaki verkauften Fleischdosen auch menschliche Überreste gewesen sein sollen, schon weniger.
Dies ist kennzeichnend für die sehr ambivalente Rolle der Sonozaki-Familie. Die Sonozakis haben sehr große Machtmittel und können in Hinamizawa anscheinend so gut wie alles kontrollieren. Aber für die Familienangehörigen hat das auch eine starke negative Seite, denn wer vieles vermag, wird auch dementsprechend gefürchtet, und so ist es letztlich auch bei den Sonozakis, die damit leben müssen, bei jedem ungeklärten Verbrechen in Verdacht zu geraten, eben weil sie vermeintlich überall ihre Finger im Spiel haben. Oryou hat gar eine Strategie entwickelt, Macht vorzutäuschen, indem sie durch ihr Auftreten bei den Ratssitzungen mit den anderen Familien vorgibt, bei jedem Vorgang, der besprochen wird, ihre Finger im Spiel zu haben.
Ein weiteres wichtiges Thema des Kapitels ist das Heilige und dessen Verletzlichkeit. Der Furude-Schrein hat ein Lagerhaus, das Saiguden genannt wird. Darin befindet sich eine Statue des Gottes Oyashiro-sama, deren rechter Arm abgebrochen ist (warum, wird im folgenden Kapitel Tatarigoroshi erzählt). Ansonsten enthält es eine Menge seltsamer Instrumente, die - wie man in der Folge "Takano" erfährt - angeblich dem Ausweiden von Menschen dienen, ebenso wie die zeremonielle Hacke, die von Rika beim Tanz am Watanagashi-Festtag verwendet wird. Diese Hacke mit ihrem enormen Gewicht steht symbolisch für ein typisches Phänomen der Higurashi-Welt, nämlich dass jugendliche oder gar kindliche Figuren sehr schwere und verantwortungsvolle Aufgaben tragen, die über die Kräfte und den Verstand eines durchschnittlichen Altersgenossen weit hinausgehen. Das Saiguden wird als heiliger Ort betrachtet, der nur von der Furude-Familie und einigen anderen ausgewählten Dorfbewohnern betreten werden darf. Alles andere gilt als Verunreinigung, die den Fluch des Gottes hervorruft. In Meakashi-hen wird der Zorn der Dorfbewohner über die Entweihung deutlich porträtiert. Rikas Interpretation des Verbots ist dagegen ebenso kindlich wie einleuchtend. Weil die Gegenstände im Saiguden angsteinflößend sind, ist das Betreten untersagt - um die uneingeweihten Betrachter vor ihrem beunruhigenden Anblick zu bewahren. Das Betrachten trägt die Strafe in sich, da die Betreffenden durch den Anblick verängstigt werden. Die Entsprechung zum Saiguden ist die unterirdische Folterkammer der Sonozaki-Familie, deren Instrumentarium im Unterschied zu dem des Furude-Saiguden nicht aus Museumsstücken besteht, sondern geschärft und einsatzbereit ist.
Wichtig beim Thema "Entweihung des Saiguden" ist ein Aspekt, der im Anime leider weggelassen wurde, obwohl es nur weniger Dialogzeilen bedurft hätte, um ihn unterzubringen. Am Saiguden war ursprünglich ein sehr schweres Schloss, das kein Einbrecher so schnell hätte knacken können. Allerdings hatte die kleine Rika Schwierigkeiten beim Aufschließen und daher wurde mit Einverständnis ihres Vormundes Kiichirou Kimiyoshi, des Oberhauptes der Kimiyoshi-Familie, das Schloss durch ein leichteres ausgetauscht. Natürlich ist es brisant, wenn zwei Familienoberhäupter es Einbrechern einfach machen, einen heiligen Ort zu betreten. Wer auch immer im Namen des Fluches von Oyashiro-sama einen Angriff auf Kiichirou und Rika unternehmen will, hat einen hervorragenden Vorwand dafür. Aber auch dies passt zu dem Gegensatz des humanen Umgangs, den Rika mit der Religion pflegt und den verzeihenden Aspekt der Gottheit stärker betont, und das von anderen Figuren vertretene Verständnis des rächenden und verfluchenden Oyashiro-sama. Die verzeihende Haltung Rikas ist vor allem durch ihre Nähe zu Oyashiro-sama zu erklären. Wer immer den Gott und seinen Fluch zu instrumentalisieren versucht, ist so weit weg von der wahren Identität der Gottheit wie nur irgend denkbar.
Die Darstellung oder besser gesagt Nicht-Darstellung der Morde in Watanagashi-hen ist einzigartig in der Higurashi-Geschichtenfolge. Während in den anderen Kapitel die Gewalt blutig und ungeschönt ins Bild gerückt wird, erzeugt die Watanagashi-Geschichte Angst durch das kaum nachvollziehbare mysteriöse Verschwinden der Opfer, wofür bereits im vorausgehenden Kapitel der Betriff "onikakushi" eingeführt wurde. Recht befremdlich und bei näherer Auseinandersetzung furchteinflößend ist der Umgang mit den Morden seitens der Täterfigur, die ruhig und geradezu stolz auf ihre Taten zugibt, wehrlose Mitmenschen zu Tode gefoltert zu haben, aber auch seitens der Überlebenden, die angesichts dieses Geständnisses ähnlich ruhig bleiben und sogar noch ihre Freundschaft bestätigen. Die Konfrontationsszene nach Enttarnung der Täterfigur hat daher eine unangenehme Kälte.
Andererseits hat das Kapitel zu Beginn auch reichlich komische Szenen. Das Thema Zwillinge ist Grundbestandteil vieler komischer Geschichten und so sorgen auch hier reichlich Verkleidungs- und Verwechslungsspiele zu Beginn für komische Akzente, die gleichwohl einen ernsten Hintergrund haben, wie sich in Meakashi-hen herausstellt.
Die Inszenierung bewährt sich auch hier in der Kunst der Andeutung. So gibt es bei Mion und Shion Szenen, in denen sie in mehreren schnell aufeinander folgenden Zoom-Schritten ins Bild gerückt werden, während sie andere belauschen oder beobachten. Die schwer zu ergründende Frage, was die Figur gerade denkt, drängt sich auf. Ebenso wird insbesondere an einer Stelle bei der Suche nach den Vermissten am Furude-Schrein mit einer massiven Irritation gearbeitet, bei der Mion auf einmal einen unverständlichen Wahnsinnsanfall zu erleiden scheint, in Verbindung mit einer exzessiven dämonischen Mimik, die völlig anders ist als die Kälte der starrenden Augen von Mion und Rena in "Onikakushi-hen". Der völligen Erstarrung und Ausdruckslosigkeit, die Keiichi im vorigen Kapitel Angst eingeflößt hat, steht hier die extrem verbildlichte Raserei und Verzerrung gegenüber.
Während Meakashi-hen durch die Aufarbeitung des inhaltlichen Verlaufs, der in Watanagashi-hen weitgehend im Dunkeln bleibt, von einer sehr zarten Liebesgeschichte zu einer grauenerregenden Serie von Mordexzessen übergeht und entsprechend emotional abläuft (wobei die Sound Novel, konsequent aus der Sicht von Shion dargestellt, hier noch mehr emotionale Achterbahnfahrt mit sich bringt), handelt es sich bei Watanagashi-hen um ein tragisches Schauspiel, das bei geschlossenem Vorhang stattfindet. Es ist so, als ginge ein nahestehender Mensch in die Höhle eines Raubtiers, und man könnte sich nur entscheiden, ob man ihn begleiten und der Zerfleischung unmittelbar beiwohnen will oder ob man draußen stehen bleibt und unter der eigenen Unwissenheit über das grausame Schicksal leiden will, das dem anderen widerfährt. Es bleibt einem im zweiten Fragekapitel der Higurashi-Geschichte vieles an grauenhaften Eindrücken erspart, dafür erfährt man eine lähmende Ungewissheit und das frustrierende Gefühl, die liebgewonnenen Figuren teilweise einfach verschwinden zu sehen.