Black Cat ist ein in vielfacher Hinsicht erstaunliches Werk: Expressionistische Bilder stoßen auf geradezu klinisch-sterile Bilder, Karloff stößt erstmals auf Lugosi, der Film gibt sich als Poe-Verfilmung und hat dabei nichts mit Poe zu tun und nicht zuletzt sind die Versatzstücke dieses Horrorfilms der frühen 30er eher untypisch: Kruder Sadismus, kaum verschleierte Nekrophilie und Satanismus machen aus Ulmers Werk einen für damalige Verhältnisse überaus ungewöhnlichen Genrebeitrag.
Ulmer selbst ging nach einem Studium an der Akademie für angewandte Kunst in Wien als Bühnenbildner zum Film. Zu seinen bedeutenden ersten Erfahrungen zählt vor allem die Mitarbeit an der Seite von Hans Poelzig an Paul Wegeners "Der Golem, wie er in die Welt kam" (1920). In der Folge war er vor allem an den Filmen von Fritz Lang an Bühnenbildner tätig, später arbeitete er auch unter Friedrich Wilhelm Murnau. An der Seite der Siodmaks und Fred Zinnemanns inszenierte er in Deutschland nur "Menschen am Sonntag" (1930) - unter den deutschen Auswanderern befindet sich auch Billy Wilder, der hier am Drehbuch mitgearbeitet hat - danach begann seine Karriere in den USA.
"The Black Cat" wurde sein zweiter US-Film und zugleich einer seiner besten.
Der Film gibt vor auf Poes gleichnamiger Erzählung zu basieren, der Wahrheit entspricht das allerdings nicht - es handelte sich bei der Schwindelei um einen Werbetrick (allein dieser Umstand ist in gewisser Hinsicht "innovativ").
Peter und Joan Allison geraten auf ihrer Hochzeitsreise in ein Unwetter, das sie zwingt mit ihrer zufälligen Reisebekanntschaft Dr. Vitus Verdegast (Bela Lugosi) Zuschlupf im Anwesen des Architekten Hjalmar Poelzig (Boris Karloff, dessen Rollenname natürlich auf Ulmers Kollegen seiner Anfangszeit zurückgeht) zu suchen.
Der Psychiater Verdegast und Poelzig scheinen alte Freunde zu sein, tatsächlich jedoch verdankt Verdegast Poelzig seine eineinhalb Jahrzehnte dauernde Kriegsgefangenschaft, verriet Poelzig doch vor Jahren in Ford Marmorus - an dessen Stelle sein neues Anwesen nun ruht - seine eigene Truppe an den Feind. Wie sich nach und nach herausstellt, bewahrt er im Keller die einbalsamierte Leiche von Verdegasts Gattin auf, die er nach Kriegsende zur Lebensgefährtin genommen hatte und später gegen ihre und Verdegasts Tochter austauschte. Davon erfährt dieser freilich zunächst nichts; Poelzig hält die Tochter versteckt und gibt an, beide seien verstorben.
Während Verdegast, gewöhnlich ein sehr beherrscht agierender Charakter (wenngleich verständlicherweise vom Leben enttäuscht), an einer Katzenphobie leidet, die er sich in der Kriegsgefangenschaft zugezogen haben soll (der Film gibt hier keinen Aufschluß, ähnlich wie bei "Freaks" (1932) schlug auch hier die Zensur voll zu und kürzte den Film von gut 90 auf etwa 65 Minuten), ist Poelzig ein resignierender und nahezu emotionsloser Charakter, der sich selbst nicht nur als Überlebenden des Krieges sieht, sondern vor allem als lebenden Toten an einem Ort, an dem alles tot ist (sogar das Telephon, wie er resignierend und spöttelnd zugleich verkündet, als Peter Allison Kontakt zur Außenwelt herstellen will) und sich fortan dem Satanismus verschrieben hat.
Joan Allison kommt ihm gerade recht, um als Opfer einer satanischen Messe zu dienen. Verdegast, der Poelzig verdächtigt, seine Frau und seine Tochter ermordet zu haben, erfährt von diesem Vorhaben und spielt mit Poelzig ein Schachspiel auf Leben und Tod der jungen Liebespaares: und verliert - eine beeindruckende Szene, die sich in jeder Hinsicht mit Bergmans "Das siebente Siegel" (1957) messen kann.
Poelzig lässt Peter Allison von seinen Bediensteten einsperren und bereitet alles für die bevorstehende Messe vor, derweil Verdegast alles über das wahre Schicksal seiner Tochter erfährt (die Poelzig kurz darauf umbringt, um sie nicht an Verdegast zu verlieren). Mit seinem Diener kann Verdegast Joan den sich nächtens versammelnden Satanisten entreißen, diese in die Flucht schlagen und Poelzig im Keller anketten, um ihm - nach Rache dürstend (mittlerweile hat er auch den Leichnam seiner Tochter entdeckt) - im wahrsten Sinne des Wortes das Fell über die Ohren zu ziehen.
Inzwischen konnte sich Peter befreien, hält wegen eines Missverständnisses Verdegast für eine Bedrohung, schießt diesen an und flieht mit Joan, während der tödlich verwundete Verdegast Poelzig mitsamt des quasi mit Blut erbauten Anwesens in die Luft sprengt.
Wirkt die Handlung vielleicht ein wenig überfrachtet und sprunghaft (was natürlich bei einer solch extremen Kürzung auch nicht verwundert) gleichen Ulmers Gespür für beeindruckende Bilder, ein perfekter Schnitt und die gelungene Bild-Musik-Montage diesen Umstand mehr als aus.
Poelzigs Anwesen gibt - mehrfach auf die Neue Sachlichkeit zurückgeführt - einige grandios unterkühlte Bilder ab, die perfekt in Szene gesetzte, beklemmend düstere Schwarze Messe erinnert ebenso wie einige der vielen Schattenspiele an den Expressionismus. Hinzu kommen ein paar stimmungsvolle dokumentarische Aufnahmen windgepeitschter Hügelkuppen, die das Bild gelungen abrunden.
Lobenswert ist auch das Schauspiel von Karloff und Lugosi, die hier beide Höchstleistungen vollbringen. Karloff wirkt in seiner an Aleister Crowley orientierten Rolle so diabolisch wie kaum zuvor oder danach und wirkt trotzdem sehr zurückhaltend. Lugosi spielt mit einer von ihm kaum erwarteten Ernsthaftigkeit, die auch in den wenigen theatralischen Stellen niemals ins ungewollt Lächerliche abrutscht. Vor allem sein Dialekt macht sich in diesem in Ungarn angesiedelten Streifen überaus positiv bemerkbar.
Genreliebhaber dürfen sich auch über einen kurzen Auftritt von John Carradine freuen, der hier unter den Satanisten während der Schwarzen Messe zu sehen ist.
Wer genug Sensibilität besitzt, um die ungewohnte Härte dieses Films wahrzunehmen, wird ihn sicherlich neben vergleichbar krassen Klassikern wie "Freaks" (1932), "Island of Lost Souls" (1932), "The Most Dangerous Game" (1932) und dem qualitativ eher neben der Spur liegende "Maniac" (1934) einordnen, dem durchschnittlichen Kinogänger von heute dürfte der Film freilich überaus mild erscheinen.
Dieser Eindruck wird auch dadurch erreicht, dass die im Horrorfilm der 30er Jahre häufig anzutreffenden, humoristischen Zwischentöne sich hier auf zwei Szenen beschränken: Auf den amüsanten Auftritt zweier Polizisten, die sich um die Qualität ihrer Heimatorte streiten und auf das doch recht versöhnliche Ende, das nochmal mit einem letzten Gag endet.
In seiner bisweilen kühnen Form wegweisend, blieb der Film inhaltlich eher ein folgenloser Sonderfall, dem am ehesten die Vertreter der Teufelsfilmwelle der späten 60er Jahre ("Eye of the Devil" (1966), "Rosemary's Baby" (1968) oder "The Mephisto Waltz" (1971)) ähneln. Zitiert wurde übrigens die Ausgangssituation in der "Rocky Horror Picture Show" (1975): Dort sind Brad und Janet deutlich an Joan und Peter angelehnt.
Ulmers weitere Ausflüge in den Horrorfilm waren weniger überzeugend: "Bluebeard" (1944) mit John Carradine ist ein netter aber insgesamt belangloser Beitrag, der jetzt schon trotz der Namen Ulmer und Carradine in Vergessenheit geraten ist, "Daughter of Dr. Jekyll" (1957) ist eine eher peinliche Entgleisung, die nur eingefleischte Genrefans halbwegs amüsieren kann.
Seinen Ruhm hat sich Ulmer dann ja auch eher mit B-Movies wie "Detour" (1945) erworben. Zu seinen Bewunderern zählen unter anderem John Carpenter, Joe Dante und Roger Corman. Aber auch Jean Luc Godard zählt zu seinen Fans und hat ihm wie auch John Cassavetes und Clint Eastwood seinen "Detective" (1985) gewidmet.
Die liebevolle (mittlerweile mehrmals im TV ausgestrahlte) Dokumentation "Edgar G. Ulmer - The Man Off-screen" (2004), in der auch Wim Wenders noch zu Wort kommt, hat sich zu Ulmers 100. Geburtstag nochmal darum gekümmert, seinen Namen wieder ins Gedächtnis zu rufen.
10/10 für einen beeindruckenden Genreklassiker - wenn man sich damit anfreunden kann, dass nurnoch eine verstümmelte Rumpffassung erhalten geblieben ist.