Wenn es sich ein Film zur Aufgabe macht, die sich kreuzenden Wege unterschiedlichster Menschen zu zeigen, dann ist er gut beraten, die Kamera an einem belebten öffentlichen Ort aufzustellen. Das kann die Lobby eines Hotels sein, wie in „Menschen im Hotel“ (1932), oder auch ein Tabakwarenladen inmitten von Brooklyn, wie in „Smoke“ (1995). Ein Stück weit geht es dabei auch immer um die Umkehrung des Road-Movie-Konzepts, denn die Welt dreht sich dann nicht länger mit dem Protagonisten mit, sondern verharrt an diesem einen Ort, der mindestens bis zum Abspann unverrückbar bleibt. Ob eine Figur darin zur Hauptfigur aufsteigt, hängt dann davon ab, wie stark sie an diesen Ort gebunden ist.
Gerade weil das Auto sozusagen die Rosinante des Road-Movie-Helden ist, ist es so eine schöne Idee, ausgerechnet eine Autowaschanlage zum Setpiece für den Gegenentwurf zu erklären. Eine Tankstelle oder Reparaturwerkstatt hätte es sicher auch getan, doch um kein Objekt herum kann man die Schienen für den Dolly wohl schwungvoller verlegen als um die Wasser versprühende, Blubberblasen produzierende Autowaschanlage mit all ihren Tunneln und kleinen Funktionseinheiten.
Ursprünglich als Bühnenstück vorgesehen, lässt sich aus dem Set von „Car Wash“ immer noch der Geist der ursprünglichen Umsetzungspläne ablesen. Michael Schultz jagt die Kamera permanent um die Anlage, indem er sich an die Fersen eines verzogenen Bengels mit Skateboard heftet, der den lieben langen Tag nichts Besseres zu tun hat, als den Mitarbeitern des Salons mit Provokationen auf den Senkel zu gehen. Wie aus dem Nichts entstehen immer wieder lebendige Gesangs- und Tanzeinlagen, die sich aber nie mit Gewalt in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit schieben, sondern am Rande ihren Abläufen folgen wie schunkelnde Wellen beim Ausblick aufs Meer, während der Tag ungerührt weiter ins Land zieht. Selbst in diesen Momenten auffälligster Inszenierung nimmt die Szenerie nicht die künstliche Synchronizität einer durchgeplanten Musical-Performance an, sondern erlaubt es manch weniger fröhlicher Natur immer noch, mit verschränkten Armen am Rande zu stehen und grimmig aus der Wäsche zu schauen (und wer könnte diesen Job schließlich besser erledigen als ein Bill Duke). So viel Individualität muss sein.
Kaum jedenfalls ist der Filmtitel eingeblendet und der Radio-Moderator für die Morgenschicht hat damit angefangen, seine Munition in den Äther zu schießen, da befindet man sich auch schon im ganz besonderen Sog des Films, der erst mit den hochgeklappten Bürgersteigen am Abend versiegt sein wird. Funk und Soul müssen mit den Autowäschern zusammen durchackern und bekommen nicht einmal eine kleine Mittagspause zugesprochen, per Radiofrequenz summt der Soundtrack zumindest im Hintergrund stets leise vor sich hin, wenn nicht gerade die Pointer Sisters ihren großen Auftritt haben oder der Titelsong von Rose Royce geschmettert wird, der sich seitdem längst ins kulturelle Gedächtnis eingebettet hat. Kunden und Mitarbeiter reichen im Staffellauf chronologisch den Stab aneinander weiter und sorgen für eine butterweiche Verknüpfung skurriler Episoden, was über weite Strecken zu einer schwerelosen, weil unverbindlichen Stimmung führt.
„Car Wash“ deswegen als substanzloses Feelgood-Movie mit Geringschätzung zu strafen, hieße jedoch, sich von der polierten Oberfläche blenden zu lassen. Feine Kratzer werden auf ihr schon zu morgendlicher Stunde sichtbar und offenbaren soziale und wirtschaftliche Probleme, mit denen die Figuren sich abseits ihres Alltags auseinandersetzen müssen. Obgleich der Umgangston fast durchgehend einer freundschaftlichen Geselligkeit verpflichtet bleibt, wird viel Konfliktpotenzial angedeutet: Bei Lindy (Antonio Fargas) noch nicht ganz so offensichtlich, weil er sich mit gehörigem Selbstbewusstsein ein Schutzschild aus Ironie errichtet hat, um homophobe Attacken auf seine Person effektiv zu kontern. Bei Familienvater Lonnie (Ivan Dixon) schon deutlicher, der seine von schlechter Bezahlung herrührenden finanziellen Probleme dank seines Geschäftssinns aus eigenem Antrieb lösen könnte, würde Waschstraßenbesitzer Mr. B (Sully Boyar) doch nur auf seine Ideen eingehen. Ebenso bei Mr. Bs Sohn Irwin (Richard Brestoff), der mit seiner privilegierten Situation und der Gesellschaftsordnung im Gesamten im Unreinen ist, sich folglich der Arbeiterklasse zugehörig fühlt und mit einem Mao-Tse-tung-Shirt seine Sympathien für den Gedanken der Revolution äußert. Nicht zuletzt bei Duane (Bill Duke), der mit seiner Identität hadert und seinem Leben unter dem selbst erwählten Namen Abdullah eine selbstbestimmte Richtung geben möchte. Diese und weitere Päckchen werden in vermeintlich harmlosen, nicht weiter zur Bedeutsamkeit aufgeblasenen Nebengesprächen in die Handlung eingeflochten und im Endeffekt nicht viel lauter gedreht als der Soundtrack, der unauffällig, aber kontinuierlich im Hintergrund präsent ist. Schrille Cameos wie jene von Richard Pryor als Wanderprediger oder Irwin Corey als höchst verdächtiger Kunde sorgen dabei für die Ablenkung, tragen bei genauem Hinsehen aber auch das Ihre dazu bei, dass sich langsam ein gesellschaftlicher Subtext ausbreitet wie die Lache schaumigen Wassers unter der gewaschenen Karosserie.
Damit eignet sich die von Rhythmen unterschiedlichster Couleur getragene Sommerkomödie immer noch als Bezugspunkt etwa für die kleine Welle leichtfüßiger Hood-Comedies, die zur Jahrtausendwende entstanden, etwa für Ice Cubes „Barbershop“- oder „Friday“-Filme. Diese bemühten sich darum, der vorherrschenden Repräsentation schwarzer Viertel, meist dargestellt als lebensfeindliche Kriegsschauplätze für Gangs und Drogendealer, einen Hauch von Wärme und Humor verliehen – ein Anliegen, das in Filmen wie „Car Wash“ zweifellos seine Ursprünge hat. Allgemein hat sich der Schaum auch zuvor schon bis ins New Black Cinema verteilt, insbesondere in „Do The Right Thing“. Spike Lee mag im Endeffekt nicht die entwaffnenden Good Vibes seines Kollegen Schultz im Sinn gehabt haben, beide jedoch lassen am Ende eines heißen Sommertages auf ihre Weise eine Bombe platzen (der eine etwas stiller als der andere) und überziehen ihren Film anschließend mit einem tröstenden Schleier, der letztlich aussagt: Wer über die Unterschiede der Kulturen und Generationen hinwegsehen kann, für den wird alles gut.
„Car Wash“ ist in der Summe ein herzerwärmend gespielter und einfühlsam inszenierter Ausschnitt aus der Blue-Collar-Arbeitswelt am Rande des Existenzminimums, die sich nicht zufällig mit der afroamerikanischen Bevölkerungsschicht großflächig überschneidet. Ob nun ein Royce anrollt oder aus dem Arbeitsplatz eine Musical-Bühne wird, die Kamera bleibt stets auf Höhe des Kühlergrills und damit auf Höhe seiner Figuren. Man kann das einfach oder anspruchslos finden, aber letztlich bleibt die Wärme dieses Films konserviert, auch beinahe ein halbes Jahrhundert später.