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Es ist wohl schwierig, heute die exakte Geburtstunde des Western als anerkanntes Filmgenre zu bestimmen. Schon zu Stummfilmzeiten gab es die ersten Gehversuche, wenn etwa Banditen in dem Kurzfilm „Der große Eisenbahnraub" aus dem Jahre 1903 die ersten Motive begründeten, die die Branche später dominieren sollten: Eine Bande Schurken im Konflikt mit dem Gesetz und edle Helfer, die das selbige verkörperten und zumeist als strahlende Helden aus der Geschichte hervorgingen, egal ob als Revolverheld oder Sheriff. Doch erst in den 30ern bekam der amerikanische Western allmählich sein bekanntes Gesicht, welches sich in den nächsten Jahrzehnten manifestierte und erst in den 60er durch den dreckigen Italowestern starke Konkurrenz bekam.

Wenn man sich die Handlung von „Dodge City" aus dem Jahr 1939 betrachtet, könnte man auch tatsächlich glauben, dass hier der Western augenscheinlich noch in der Wiege lag, wenn man denn hier die Geburt einer bedeutenden Stadt als passendes Gleichnis heranzieht. Denn anderes als in späteren Werken, und das macht den Film in gewisser Weise zu einem reizvollen Unikat, geht es hier nicht um die Gier nach glänzenden Goldadern, Kämpfe mit Indianern oder spektakuläre Duelle in der heißen Mittagssonne vor dem Saloon. „Dodge City" ist die Geschichte der schmerzvollen Geburt einer neuen Nation, das Ende des Bürgerkrieges bedeutete auch ein hoffnungsvoller Neuanfang für viele Amerikaner, und der Aufschwung dieser Stadt steht nur stellvertretend für die Aufbruchstimmung eines ganzen Landes. Und so ist der deutsche Titel „Herr des Wilden Westens" wie so oft etwas unpassend geraten, denn auch wenn Errol Flynn als Hauptakteur hier in einer Paraderolle - eng an die Figur Wyatt Earp anlehnend - die Szenerie dominiert, so steht er dennoch weniger im Brennpunkt als die Stadt selbst.

Und so dominiert von Anfang an das Chaos in der aufstrebenden Stadt, die sich nach einer fertig gestellten Eisenbahnanbindung zum Zentrum des Rinderhandels in Texas mausert. Hier kommen viele Leute auf engstem Raum zusammen, hier wird der Nährboden für Konflikte gelegt, die ganz nach dem gängigen Weltbild nicht nur zwielichtiger Outlaws sondern auch nach dem Selbstverständnis des ehrbaren Bürgers nur mit Waffengewalt gelöst werden können. Die Unterscheidung von Recht oder Unrecht gibt es zwar unter Würdigung des gesunden Menschenverstandes, aber nicht nach den buchstäblichen Gesetzen. Diese existieren entweder gar nicht oder liegen in den Händen derer, die selber nur den Vorteil suchen. In „Dodge City" wird die Anarchie zum alltäglichen Leitbild erhoben, welches stoisch von der breiten Menge der Bevölkerung hingenommen wird und nicht nur beim durchreisenden Wade Hatton für Fassungslosigkeit sorgt sondern auch auf den heutigen Betrachter sehr befremdlich wirkt.

Nur sehr langsam kristallisieren sich in diesem Sumpf die Fronten heraus, die man im klassischen amerikanischen Western zumeist von Anfang an vorfindet. Die Schurken, die weiterhin ihr Recht mit Gewalt durchsetzen wollen zusammen mit einem Haufen von Sympathisanten, und der neu ernannte Sheriff Hatton mit seinem Gehilfen Rusty, die einen Großteil der Bevölkerung bald hinter sich bringen können. Und es ist in der Tat bemerkenswert, dass über das sonstige Schema des Western hinaus das Wachsen der gesellschaftlichen Fundamente eine Rolle spielt. Nicht nur die Abschaffung von Lynchjustiz und das Einsperren von Störenfrieden spielt eine Rolle, auch die Einführung eines Steuersystems und die bessere Kontrolle des Viehhandels werden als Bestandteile eines funktionierenden Wirtschaftssystems miteinander verflochten.

Michael Curtiz Werk ist dennoch nicht ganz frei von Schwächen. In seinem Bemühen, ein möglich umfangreiches Bild aus jener Zeit zu entrollen wirkt das Werk an vielen Stellen wie ein überquellendes Wimmelbild, an dem es zwar andauernd etwas Neues zu entdecken gibt, doch wird dabei der rote Faden der Geschichte bis kurz vor dem Zerreißen etwas überstrapaziert. Zu den eher episodenhaften Bruchstücken im Verlaufe der Erzählung springt die Stimmung oft von komisch auf dramatisch um, was allerdings nicht als gelungene Mischung rüberkommt, sondern eher wie eine von unsicherer Hand gelenkten Inszenierung wirkt. Und ja, auch eine Liebesgeschichte von Hatton musste noch mit reingequetscht werden, so als wolle man wirklich allen im Publikum etwas bieten.

Und dennoch sind etliche Szenen für sich stehend für die damalige Zeit äußerst bemerkenswert gewesen, wenn man dem tollwütigen Ausbruch einer Rinderherde oder einer überlangen Sequenz einer chaotischen Kneipenschlägerei beiwohnen darf. Auch das Finale im Kampf gegen die Schurken inmitten eines schnell dahin rasenden Zuges, der auch noch in Flammen aufgeht, kann auch heute noch gefallen. Und so bleibt „Dodge City" nicht nur als einer der ersten Farbwestern in Erinnerung, sondern auch als ein interessantes Unterfangen, abseits der gängigen Westernklischees ein beeindruckendes Zeitdokument abzuliefern, welches man den mitgegebenen Ehrgeiz auch deutlich anmerkt, dass jedoch hinsichtlich der eigentlichen Intention hin und wieder aus dem Ruder zu laufen droht. Und dennoch, gerade für Genrefans eine echte Empfehlung, da irgendwie erfrischend anders als die üblichen Western, nicht nur damals...

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