Ich mag Thriller.
Ich mag Filme, die auf dem Meer spielen.
Ich mag Geschichten, die sich mit Gruppendynamik befassen.
"Adrift" hat das alles. Ich mag "Adrift" nicht.
Wobei nicht einmal sicher ist, ob der Film wirklich so heißt, denn ich habe den Film auch schon als "Open Water 2" oder "Godspeed" beworben gesehen. Ich persönlich nenne ihn "Beten für Haie", denn nichts anderes habe ich fast über die gesamte Filmlänge getan. Aber sie kamen nicht.
Denn das einzige, was hier fishy ist, ist der Film selbst.
Dabei geht es verheißungsvoll los:
6 Menschen, vier von ihnen langjährige Freunde, hüpfen gutgelaunt von ihrer Protzsegeljacht ins warme Wasser des mexikanischen Golfs, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wie sie denn wieder an Bord kommen sollen. Um das Boot herumtreibend geben sich langsam aber sicher Panik und Verzweiflung die Klinke in die Hand, denn abgesehen von der Tatsache, dass noch ein "Baby on board" ist, hat auch jeder der Beteiligten sein persönliches Senkblei aus Neurosen, Traumata und Lebenslügen am Fuß hängen...
Daraus lässt sich was machen, möchte man meinen, aber die Macher waren da wohl anderer Meinung. Was unsere Protagonisten anstellen, und, viel schlimmer noch, was sie alles unterlassen, um wieder an Bord zu kommen, dürfte selbst einen Saal voller Valium-Junkies auf hundertachtzig bringen. Vor lauter Ärger über die Handlung kommt man gar nicht auf die Idee, das Geschehen spannend zu finden.
Nur geringe Spuren von Zusammenhalt sind in der Gruppe auszumachen, ständig wird sich gegenseitig nach Kräften behindert und angeschrieen, und natürlich wird immer gerade dann, wenn endlich etwas lebensrettend zu funktionieren droht, etwas unglaublich Dämliches gemacht, damit der Film kein vorzeitiges Ende findet. Und zwischendurch werden Beziehungen diskutiert. Nein, Sie haben sich nicht verlesen, es ist wahr, da treiben ein paar Gestalten auf dem Meer, drohen zu verrecken, aber in ihrer geistigen Mitte dümpeln die Beziehungskisten. Er mit ihr vor zehn Jahren, usw.
Wen das noch nicht auf die Boje bringt, den stimmen vielleicht die zahlreichen Logikbrüche um, die den Film durchziehen. Bei nur einem Handlungsort, wo es für das Publikum leicht ist, den Ablauf der Geschehnisse zu erfassen, ist so etwas natürlich noch fataler. Wer zum Beispiel drückt dem auf der Jacht verbliebenen Baby einen Schnuller in den Mund, wenn doch alle overboard gegangen sind? Und, wer nahm den Schnuller ein paar Schnitte später wieder weg? Da dümpeln unsere Urlauber bei sengender Sonne ewig im Salzwasser, als es aber regnet, hat niemand Durst? Wieso zieht sich an einer kaum belastbaren Stoffleine ausgerechnet der muskelbepackteste der Gruppe empor, statt eine der leichteren Frauen?
Und warum muss ich zum x-ten Male, wenn die Protagonisten mir gerade mal keine Fischfrikadelle ans Ohr sülzen, grobkörnig geschossene Flashbacks von Kindheitstraumata über mich ergehen lassen, wenn diese wieder einmal nur dem Zweck dienen, die vorbelastete Person im entscheidenden Moment über sich hinaus wachsen zu lassen, um den Day zu saven? Solche Drehbücher gehören im Marianengraben versenkt.
Aber ich darf mir ja nicht anmaßen, all dies zu kritisieren, denn der Film wirft schon in den ersten Sekunden selbst den dramaturgischen Rettungsanker:
Basiert auf einer wahren Begebenheit.
Na dann. Da kann man nichts machen, ist wohl alles so haarklein passiert, selbst das Baby hat sich zwischendurch immer selbst den Schnuller...
ach, egal. Dann lief das halt so dämlich ab. Oder der Drehbuchautor ist als Kind mal von der Luftmatratze gefallen, das würde auch schon eine entsprechende Texttafel rechtfertigen. Mir doch egal. Ich wollte nur einen spannenden, nachvollziehbaren Film. Auch für einen lowbudget-Film, der "Adrift" nunmal ist, keine Unmöglichkeit. Wohl zuviel verlangt.
Zuviel verlangen sollte man auch von den Darstellern nicht, denen es nie so recht gelingen will, ihre Handlungsweisen oder Monologe nachvollziehbar zu gestalten. Man hat immer das Gefühl, die machen halt das, was Drehbuch und Regie wollen.
Jedenfalls dürfte "Adrift" zumindest dafür sorgen, dass auf hoher See nie wieder das Ausfahren der Leiter vergessen wird. Das ist doch immerhin etwas und wahrscheinlich der Grund, weshalb die Filmförderung Bayerns hierfür großzügig in die Seemannskiste gelangt hat. Das sollte einen aber dennoch nicht davon abhalten, den Film als das anzusehen, was er nun einmal ist: Die Verschwendung einer guten Grundidee. Hm, das hätte ich jetzt nicht sagen sollen. Ist doch keine Idee, ist ja wirklich so passiert...