Haben wir wieder was gelernt: erstens immer an alles denken, bevor man auf hoher See planschen geht und zweitens immer eine eigene Meinung bilden, selbst wenn Mainstream und Gruppenzwang heutzutage „in“ sind. Ein gutes Beispiel dafür ist „Adrift“. Schlechte Kritiken wohin das Auge blickt und das sogar von Leuten, die den ähnlich gelagerten Film „Open Water“, dessen Vergleich sich dank des deutschen Titels „Open Water 2“ (der größte Beschiss am Konsumenten seit langer Zeit) und der ähnlichen Thematik auch anbietet, in den Himmel lobten. Wo genau aber der ganz große Unterschied zwischen den beiden Filmen liegt, ist mir nicht so klar, weshalb „Adrift“ auf einer Qualitätswelle mit „Open Water“ schwimmt und deshalb ebenfalls einige Macken bietet.
Sechs Leute, drei Pärchen, ein Baby, eine Yacht, ein Trauma und eine vergessene Leiter: es sollte eigentlich nur ein spaßiger Ausflug zum 30. Geburtstag Zachs werden. Da Amy seit ihrer Kindheit Angst vorm Wasser hat (ja, Traumen sind wieder groß in Mode, waren anscheinend nie wirklich weg und nerven mehr und mehr, zumal man so das Ende schon absehen kann), will sie nicht mit Schwimmen gehen und lieber aufs Baby aufpassen. Doch seine Angst überwindet man nur, wenn man sich dem Feind stellt und so zerrt Dan sie ins Wasser. Große Aufregung folgt, die anderen wollen sie schnell wieder an Bord bringen und da stellen sie fest: man vergaß die Leiter und so ist das knapp zwei Meter hohe Boot… äh… die zwei Meter hohe Yacht plötzlich eine unerreichbare Rettungsinsel, die im Ozean treibt und nicht erklommen werden kann.
Grundsätzlich finde ich die Idee, die natürlich wieder auf „wahren Begebenheiten beruht“, etwas spannender als die Ausgangssituation des vom Verleih titulierten Vorgängers. Denn da gab es keine Yacht, nur zwei Menschen, ihre Tauchausrüstung und das weite Meer. Sicher waren da die Möglichkeiten eingeschränkt, sehr sogar, aber der Film holte alles Mögliche raus.
Ganz im Gegensatz dazu „Adrift“: die sechs Leute und die Yacht bieten neue Möglichkeiten den in einem Horrorerlebnis endenden Hochseeabstecher zu entkommen. Das Problem dabei ist, dass alles viel zu konstruiert wirkt. Angefangen bei der Dummheit der Charaktere: gerade Michelle, die abgesehen vom guten Aussehen leider einen IQ von Zimmertemperatur in der Antarktis hat, nervt bestialisch und so ist es nicht weiter schlimm, wenn sie denn dann sterben würde, da man sich sowieso wünscht, dass sie endlich mal ruhig ist mit ihrem elendigen Gekreische. Dass sie es dann ist, die die erste sich bietende (sehr gute!) Rettung in den Wind schießt, ist dann nur konsequent. Aber auch bei den anderen Rettungsversuchen wird nicht logischer vorgegangen. Das Behelfsseil wird nicht besonders gut genutzt und die Klappe an der Yachtseite könnte ebenfalls besser genutzt werden.
Somit wird zwar gewährleistet, dass der Film nicht so schnell vorbei ist, aber die Spannung wird leider durch unglaubwürdige Charaktere erkauft – und somit gibt’s hier den ersten Minuspunkt. Zudem weitet sich die Dummheit auch auf andere Personen aus: die Besatzung des vorbeifahrenden Bootes winkt, fährt dann aber einfach weiter…
Zwischendurch gibt es dann immer wieder zu lange ruhige Passagen, in denen die Gruppe nur dahin schwimmt, dann wieder redet, dass sie nicht sterben will, weswegen die Gespräche unter den Protagonisten, die nicht viel hergeben, da es entweder ein gegenseitiges Anschreien ist oder sie versuchen, sich ohne Erfolg zu beruhigen, langsam beginnen zu nerven. Die Anspannung und Verzweiflung werden so zwar deutlich, aber vielleicht hätte den Drehbuchautoren noch etwas Spannenderes einfallen können, da sich die Dialoge auch überschneiden. Ein Hai, der beginnt, an einem Beinchen zu knabbern, wäre noch eine mir spontan einfallende Alternative gewesen…
Das Ableben einzelner Charaktere ist dann auch eher unglaubwürdig und resultiert zumeist wieder aus der Unfähigkeit der Charaktere. Da man aber zu Beginn schon eine Trauma-Sequenz geboten bekommt, weiß man, dass hier manche überleben werden, indem das Trauma überwunden wird.
Zum Abschluss wird uns dann noch eine kurze Texttafel präsentiert, die die Geschichte zu Ende erzählt, da sie ja „wahr“ ist. Aber ob sich sechs Leute in der Realität wirklich so sehr selbst ins Bein schießen können, ist unglaubwürdig, weshalb man den Slogan „wahre Begebenheiten“ besser aus dem Gedächtnis streicht, um hier halbwegs seinen Spaß zu haben.
Die Schauspieler sind dabei noch wirklich gut, wenngleich sie durch das Drehbuch gebeutelt sind. Durchgängig eigentlich als „Arschloch-Charakter“ durch bestimmte Eigenschaften gekennzeichnet (Michelle: nervende Blondine; Dan: egoistischer Angeber; Amy: fürsorgliche Mutter mit Trauma; Zach und Lauren: theoretisch noch die Normalsten, er neigt aber zu Wutausbrüchen; wir merken schon, nicht nur ein Stück Arschloch, sondern auch ein großes Stück Klischee), ist einem das Schicksal der Leute theoretisch egal, aber für ihre Möglichkeiten spielen sie gut und damit die unglaubwürdigen Charaktere sehr glaubwürdig. Verzweiflung, Angst und Resignation sind spürbar und ihre Ideen sind gar nicht so schlecht – die Ausführung ist es, an der es scheitert.
Das Szenario ist zwar somit relativ spannend, welche Ideen aufkommen werden, ob es eine Möglichkeit geben wird, sich hier zu retten, was mit ihnen körperlich und geistig passiert, aber richtig gepackt wird man nicht, da die Charaktere einem nicht sympathisch näher gebracht werden.
Ich sträube mich weiterhin, den Film als „Open Water 2“ zu kennzeichnen. Das ist eine ganz billige Masche, die Kunden an Land zu ziehen, da man wohl selbst nicht damit rechnete, dass „Adrift“ ein Erfolg werden könnte – so wie der ähnlich aufgebaute 2003er Überraschungserfolg „Open Water“. So wurde aus erstem kurzerhand „Open Water 2“, was einfach nur dreist ist. Einen Bezug zum „Original“ gibt es nicht, weshalb nur die Idee, einsame Menschen auf dem Ozean, eine ähnliche ist. „Adrift“ ist, auch wenn das überall zu lesen ist, nicht schlechter als das andere Hochseeabenteuer, bietet sogar mehr Abwechslung, da die Möglichkeiten mit sechs Leuten und einer Yacht deutlich größer sind, als zu zweit alleine ohne Hilfsmittel. Leider versaut es sich die deutsche Produktion durch Charaktere, die zu allem zu dumm sind, so dass sie sich gegenseitig im Weg stehen und alles viel einfacher hätten haben können, wenn sie weniger hysterisch, aufbrausend oder egoistisch gewesen wären. Dadurch bleibt der Film aber am Laufen und endet nicht als Kurzfilm, es gibt keine Haie, was noch eine Möglichkeit gewesen wäre, die belanglosen Dialoge zu unterbrechen, und so beschränkt sich die Gefahr einzig auf sich selbst - ihre Freunde, die unüberlegt handeln. Das ist ähnlich spannend wie in Teil 1, artet aber nicht in einem Psycho-Kammerspiel aus, denn alle Beziehungen und Gespräche enden und/oder beginnen mit „Du bist schuld“ oder „Ich liebe dich“.
So bieten beide Filme Vor- und Nachteile und halten sich in etwa die Waage. Da die Idee von „Adrift“ schon einmal da war, landet dieser knapp hinter „Open Water“. Wo allerdings die meilenweiten Unterschiede in der Qualität der beiden Filme sein sollen, ist für mich weiterhin fraglich, weshalb ich die hohe Wertungsdifferenz vieler Kritiker und Pressestimmen nicht teilen kann.
Die interessante Prämisse, passable Spannung, gute Darsteller und ein handwerklich gut gemachter Film bringen ihn in den Durchschnitt…