Michael Mann dreht "Miami Vice" im Jahr 2006. Er kommt also thematisch auf seine eigene von ihm 1984 kreierte gleichnamige Fernsehserie zurück - das klingt doch irgendwie seltsam, bedenkt man wie innovativ Mann seine Stoffe bisher aussuchte. Sowohl "Heat", "The Insider" als auch zuletzt "Colleteral" sind in ihrer Art der Erzählung einmalig, wenn sie auch durch den "Mann-Style" in einer Linie liegen.
Das galt auch für die Fernsehserie, die 1984 große Aufmerksamkeit erzielte durch ihre konsequent durchgestylte Optik, die einerseits Maßstäbe setzte und auch ein Synonym für "Coolness" bedeutete, andererseits auch kritisch betrachtet wurde in ihrer Abkehr von inhaltlichen moralischen Fragen hin zu scheinbar äußerlichem Luxus. Aus der heutigen Sicht mag das je nach Haltung "trashig", "kultig" oder "geschmacklos" wirken, damals polarisierte eine Figur wie Frauenheld "Sonny" Crockett und das gesamte Outfit der Serie.
Die 80er Jahre waren insgesamt eine ständige Auseinandersetzung zwischen der "Yuppie"-Bewegung, die in der beginnenden Kohl-Ära erheblichen Aufwind bekam mit ihrem "Leistung muß sich wieder lohnen" - Motto und einer immer stärker werdenden Friedens- und Alternativbewegung, die ihren Ausdruck auch im Erstarken der "Grünen" fand. Parallel war gerade für diese Gruppierung die "Reagan"-Regierung ein extremes Feindbild und "Miami-Vice" ein Ausdruck für die Oberflächlichkeit und reine Orientierung am Luxus der amerikanischen Bevölkerung.
Im "Spiegel" erschien schon vor dem Start der Serie im deutschen Fernsehen ein entsprechend kritischer Artikel, der dazu führte, daß man als aufrechter Linker die Serie nur heimlich sehen durfte, weil sie trotz aller Einwände einfach cool war. So wie man auch weiter in Jeans und Parka mit Fusselbart herumschlurfte, obwohl man wußte, daß Sonnys Optik wesentlich angesagter war.
Dabei passierte in den 45minütigen Folgen immer nur das selbe - Sonny und Riccardo schlichen sich Undercover in irgendwelche Drogen-Ringe ein und versuchten so die Hintermänner aufzuspüren, was fast nie gelang. Es gab noch mehrere parallel arbeitende Zweier-Teams (darunter für damalige Verhältnisse revolutionärerweise auch ein Frauenteam), die aber immer irgendwann mit Sonny und Riccardo zusammenarbeiteten. Action war dabei nie das Schwergewicht, sondern immer die Infiltration und die äußere Optik, die ja vorgaukeln sollte, daß die Beiden selbst bei der Drogenmafia mitmischten.
Trotz aller Dramatik hatte die Serie auch immer etwas leichtes, helles - der Reichtum, die gläsernen Luxusbauten, der Ferrari und die Schnellboote , die sich ständig am Strand zeigenden Schönheiten strahlten einen frivolen Optimismus aus. Nicht ohne Grund hatten beide Hauptdarsteller in ihrer weiteren Karriere große Probleme adäquate Rollen zu bekommen, ihnen haftete immer das Image des nicht ernsthaften Schauspielers an, sie wurden nicht mehr für voll genommen. Aber genau deshalb gilt die Serie zurecht als Synonym für eine Denk- und Lebensweise wie sie so nur noch in den 80er Jahren vorkam.
Mann hält sich in seinem Film des Jahres 2006 durchaus an die vorgegebenen Mechanismen der Fernsehserie. Wieder geht es vornehmlich um die Einschleusung in ein dichtes Mafia-System, Action-Momente sind dagegen selten. Wieder spielen Sonny und Riccardo die scheinbaren Gangster, die natürlich über das nötige Equipment verfügen, sei es der Ferrari oder sonstige Ausrüstung und natürlich ist Colin Farrell als Sonny wieder eine polarisierende Figur, die die Finger nicht von den Frauen lassen kann, während Riccardo (Jamie Foxx) den vernünftigeren berechenbaren Part abgibt.
Soweit die Parallelen. Ansonsten ist die Fernsehserie gegenüber dem Film wie "Sesamstraße".
Der Film läßt jegliche Leichtigkeit vermissen. Schon in den ersten Szenen zeigt Mann deutlich, welchen Gefahren ein Undercover-Agent ausgesetzt ist, welche psychischen Belastungen er aushalten muß und das im Grunde ein Privatleben nicht möglich ist. Der Optimismus der 80er Jahre ist lange vorbei - zwar hat sich die Polizei inzwischen deutlich verbessert, aber parallel haben die Drogen-Gangster in einem Maße aufgerüstet, daß sich schon der kleinste Fehler tödlich auswirkt.
Sonny und Riccardo sind zu absoluter Perfektion verpflichtet. Denn wenn sie nur irgendeine Chance haben wollen, in das dichte System der Drogenbanden einzudringen zu können, müssen sie besser sein als alle Anderen. Schnoddrige Bemerkungen oder cooles Verhalten selbst in schwierigen Situation, wie sie schon seit Jahren in Gangsterfilmen angewendet werden, um den "Boss" zu überzeugen, nützen hier nichts - Manns "Miami Vice" läßt im Grunde jede Art von Undercover-Filmen zuvor "alt" aussehen. Die Gangster orientieren sich nur am Ergebnis. Bei der einzigen Begegnung der Beiden mit Montoya, dem "Oberboss", sagen sie kein Wort.
Die Perfektion der Optik, die Mann hier traditionell wählt, kehrt sich gegen sich selbst. Versatzstücke wie Luxusautos oder Villen spielen keine Rolle mehr, sie sind schon selbstverständlich geworden und bereiten keinerlei Freude mehr. Im Gegenteil - gerade das Sonny und Riccardo so perfekt daher kommen, erweckt wiederum das Mißtrauen der Gangster. Sie stehen vor einem unlösbaren Dilemma - einerseits erwartet man profihaftes Verhalten, andererseits sollte man dabei noch authentisch sein .Den Gangstern des Jahres 2006 macht man mit irgendeinem Outfit nichts mehr vor.
Aus dieser Situation erwächst die ungeheure Spannung des Films, der sehr schnell klar macht ,daß man es mit einem übermächtigen Gegner (oder besser System) zu tun hat, dessen Überlegenheit den beiden Hauptdarstellern keineswegs bewußt ist. Während sie noch darüber sinnen, wie lange sie den Bluff aufrecht erhalten wollen, haben die Gangster längst eine neue Entscheidung getroffen...
Mann erzählt keinerlei Details oder Geschichten über die beiden Protagonisten, trotzdem gelingt ihm eine Nähe zu ihren Persönlichkeiten wie sie in den 5 Staffeln der Fernsehserie nicht erreicht wurde. Es sind die kleinen Details, die die Nähe erzeugen, auf die sich Mann konzentriert. Es ist die Hand von Trudy, Riccardos Freundin und Kollegin, deren einer Fingernagel ihrer rechten Hand abgebrochen ist, mit der sie seine Schulter anfaßt.
Es sind die "Allman Brothers", die Sonny in einem Gespräch mit Isabella (Gong Li) erwähnt und an deren Aussehen seine Frisur und Bart erinnert. Das sind kleine Momente der Unperfektion, des Privaten und sie verraten mehr als das ganze große Brimborium.
Überhaupt läßt sich Mann Zeit mit der Beziehung zwischen Sonny Crockett und Isabella - es wirkt beinahe wie der mittlere Satz einer Sonate. Nach dem schnellen Beginn weicht der Rhythmus einem Adagio, der dann in das abschließende Alegretto führt. Ohne diese Überleitung wäre der Schlußakkord gar nicht möglich oder hätte definitiv eine andere Tonart.
Fazit : Intelligentes, reifes Kino, welches bewußt die perfekte Optik nutzt, um genau das darin liegende Scheitern zu verdeutlichen. Der Rhythmus des Films ist nicht gleichmäßig fließend und verlangt vom Betrachter eine erhöhte Aufmerksamkeit, die Actionsequenzen sind selten und von radikaler Realität ohne jegliche Ausschmückung. Die Bilder sind von technischer Perfektion, aber Mann verwendet sie nicht als Selbstzweck, sondern zur Unterstützung des Erzählstils, der sonst sehr einfach und ohne Wendungen gehalten ist. Die Tiefe liegt in der "Bildsprache" - ein seltenes filmisches Gesamtkunstwerk (10/10).