Herrlich.
Ehrlich, Leute.
Dabei bin ich wirklich der Erste, der die Warnleuchte schwenkt, wenn mir bei den Trailern im Kino ein Film nicht über Ausschnitte, sondern über Zuschauerreaktionen verkauft werden soll. Der Tenor war dabei wie immer: zu Herzen gehend, wunderbar, toll, muß man sich gleich noch mal ansehen.
In diesem Fall paßte sogar noch alles zur generellen Filmkritik, die "Amelie" en groupe den kollektiven Nackenstreichler erwies.
Überhaupt sind französische Filme nicht immer so...langatmig?
Da muß doch ein Haken dran sein.
Und was soll ich sagen: es gibt keinen!
Und dabei haben sich die gängigen Filmrezensenten noch nicht mal in die falsche Richtung gewandt. "Amelie" ist tatsächlich, schlicht und ergreifend, die Geschichte einer scheuen, jungen Frau, die beginnt, im Geheimen auf ihre unmittelbare Umwelt Einfluß zu nehmen und so Wunder bewirkt. Scheinbare Wunder.
Kein Schelm, der an Kitsch dabei denkt. Habe größtes Verständnis für diese Annahme.
Doch ist diese französische Produktion absolut klischeefrei, was ihr auch dankbarerweise aus jeder Pore dampft. Eine derart unverkrampfte Produktion gab es selten, angefüllt mit skurilen, beissend komischen Ideen, die einem keinen Augenblick der Ruhe im Kinosessel gönnen.
Dabei ist der größte Schatz das ergiebige Drehbuch, das mittels ein- und ausleitendem (und bisweilen begleitenden) Off-Kommentar von der ersten Szene an keinen Zweifel daran läßt, daß wir hier mit Volldampf in ein Happy-End rauschen. Allein der vorangestellte Prolog, der in einer Art grellen Monty-Python-Collage das bisherige Leben Amelies von der Zeugung (und dem was zu diesem Zeitpunkt noch gerade so geschah) bis zum heutigen Tag zusammenfaßt, läßt einen im Sekundentakt schreiend zwischen die Sitze rutschen, wenn man nicht schon mit Antihaltung und verschränkten Armen ins Kino gelaufen kommt. Irrwitzig überzeichnet gibt sich der Film mit Genuß dem rasanten Tempo hin, daß er zwar nicht durchhält, daß er aber in den ruhigeren Momenten genüßlich den komplexen Ideen opfern kann, die um den Zuschauer fliegen, als sässe man im Schießstand. Tricks und Kniffe hagelt es ohne Ende und das Prinzip von Ursache (wird ausführlich dargestellt) und Wirkung (ist trotzdem jedes Mal überraschend) erhält hier neuen visuellen Auftrieb.
Ein Bombensupportensemble versorgt den Zuschauer beständig mit immer mehr visueller Munition, die mittels der reizvollen Präsentation geschickt verschleiert, wie sehr einem das Ganze zu Herzen geht. Selten hätte man nach Filmende den gesamten Cast lieber geknuddelt als hier, obwohl man doch für solche Reaktion eigentlich viel zu abgeklärt ist.
Spätestens wenn Amelie sich entschließt, ihre teilweise recht bedrückende Umwelt mittels kleiner Wunder umzukrempeln, sind wir auf voller Fahrt und werden mit mehreren Nebenhandlungen (die Leute im Cafe, Vaters verschwundener Gartenzwerg, der Maler mit den Glasknochen von nebenan, der Gemüsehändler und sein Assistent, der geheimnisvolle Mann auf den Fotos, Amelies Zukünftiger und seine rätselhafte Passion) beglückt, die nach und nach in wunderbarer Form aufgelöst werden.
Hier alle Handlungsstränge durchzusprechen, würden den Rahmen eines Reviews sprengen, doch so viel sei gesagt: es gibt keine Ausfälle, sondern nur viele ausgezeichnet erzählte Neben- und Kleinrollen, die selten soviel zu einem Film beitragen konnten.
Mit rasantem Schnitt, ungewöhnlicher Kameraführung, knalligen Bildideen, zauberhaften Sets und einigen abrundenden Animationstricks wird der Zuschauer auf Trab gehalten.
Damit zeichnet sich "Amelie" als Beweis dafür aus, daß ein romantischer Film sein Publikum nicht durch Geschwindigkeit halten kann.
Hier werden sich auch die älteren Zuschauer kaum beschweren können, sie wären nicht mitgekommen, denn das Zeitgefühl verändert sich während der Ansicht beträchtlich. So kommt es zu einem bezeichnenden Aha-Effekt, wenn der Film dann doch vorbei ist. Typische Reaktion: Wow, was war das denn? Antwort: Sie wurden soeben überrumpelt, ganz sanft und romantisch.
Ich gebe zu, keine Kritik der Welt hätte mich auf die Wirkung dieses Feel-Good-Movies vorbereiten können und ich bin wirklich Hobby-Sarkast, aber hier ist jede Spitze vergebens.
Ihr habt trotzdem was zu Meckern - das tut mir wirklich leid.
Kalt erwischt und dann schön durchgewärmt, selten war mir das so recht gewesen. Und ungefähr so habe ich mir vor dem Besuch damals "Chocolat" vorgestellt. Und wer sich jetzt darüber erhaben fühlt, weil er auf diesen "romantischen Mist" nicht kann, dem drehe ich eine lange Nase.
Gleich noch mal rein?
Glaubt es oder nicht - nix wie hin! (Das ist übrigens ein Befehl!)
Ihr versäumt sonst vielleicht den schönsten Film des Jahres.
(9/10)