Nachdem ich überwiegend positive Kritiken zu Psychotica las, beschloss ich mir den Film auch mal anzusehen. Allerdings muss ich vorwegnehmen, dass ich die Reaktionen nur teilweise teilen kann.
Die Idee immerhin ist neu und hat nichts mit den ewig neuen Aufgüssen vom Cainsaw Massacre oder irgendwelchen Teenieschlachtfesten a la Freitag oder Halloween zu tun, mit denen junge Horrorfilmemacher oft glauben nichts falsch machen zu können. Ein Medizinstudent hat also ein Serum entwickelt, welches Visionen des eigenen Todes hervorruft. Diese Visionen kann sich der angehende Mediziner dann auf einem Monitor mit ansehen. Wie in allen seinen Filmen spielt wieder Carolin Meyer das Opfer. Sie erlebt nun phantasiereich und realistisch ausgeschmückt viele Tode in teilweise recht stimmungsvollen, alptraumhaften Bildern um dann immer wieder aufzuwachen und diesen studentischen Nachwuchspsycho ausgeliefert zu sein. Dann soll sie sich einen der Tode aussuchen, um den dann wirklich zu sterben. Das fand ich so zwar ganz amüsant, wenn man aber rumstänkern will, könnte man sich fragen: "Wie jetzt, kann das Serum das auch? Naja, wenn die Tode zunächst in der Phantasie stattfinden, wie soll man das so schnell ratzfatz nachstellen? Sei es drum, vielleicht mache ich mir da zu viele Gedanken, ist ja nur ein Horrorfilm. Unsinnig fand ich dann ganz einfach, dass Kay Petzold seine Texte nicht spricht, sonder dies eine Computerstimme erledigen muss. Das war bestenfalls hinderlich, schon weil man Mühe hatte die übertiefe Stimme überhaupt zu verstehen. Ich muss jetzt aber zum zweiten großen Kritikpunkt kommen. Die Todesvisionen müssten dramaturgisch eigentlich die Höhepunkte des Films sein. Das, das Opfer sterben würde war ja jedes Mal klar und somit eine Gewissheit für den Zuschauer gegeben, der schlussendlich dann auch jedes Mal etwas Spannung raubte. Diese Wirkung wird umso größer, je mehr Tode man sich ansieht. Waren es sechs (oder sieben ?), hätten es vielleicht auch drei getan, die sich dann eventuell spannungsmäßig hatten noch steigern können. Stattdessen fehlte diesen Visionen der richtige Pfeffer, das dramatische Element. Wie schon in Radtkes Erstling „Bloddy Dawn" huschte Carolin Meyer mit ihrem teils traurigen, teils ängstlichen Gesichtsausdruck über den Bildschirm, ohne irgendwelche tieferen Emotionen raus zu lassen. Was lieben wir denn an einen schönen Slasher? Ungleiche Jagdszenen (wovon es reichlich gab), mit laut kreischenden völlig verstörten Opfern, denen man die Panik an ihren weit aufgerissenen Augen ablesen kann. Und daran hapert es hier. Es ist nicht mal eine darstellerische Weiterentwicklung Carolin Meyers seit dem erwähnten „Bloddy Dawn" zu erkennen, der vier Jahre zurückliegt. Dies nur Carolin Meyer in die Schuhe zu schieben wäre ungerecht, ist es doch vor allem die Aufgabe des Regisseurs, etwas aus den Darstellern herauszuholen.
Viele bemerkenswert positive Aspekte retten den Film dann trotz der langen Weile, die mich bei den Todesvisionen überkam, dennoch auf gutem Amateurdurchschnitt. Das Ende war bemerkenswert überraschend und nahm einige unvorhergesehene Winkelzüge. Erst als der Abspann kam, wusste man, dass es nun endgültig vorbei war. Die Drehorte waren sehr gut ausgesucht, besonders diese Fabrik - ich glaube es war eine Fleischfabrik oder so. Das sah dann doch schon sehr Chainsawmäßig aus, als die schweren Stahltüren zu rummsten, oder der wahnsinnige Killer schon ein anderes blutüberströmtes Opfer am Haken hängen hatte. Die gesamte musikalische Untermalung war einwandfrei und absolut passend. Besonders die Band mit ihren teilweise rammsteinartigen Songs passte bestens ins Bild. Die Splattereffekte
Waren gut und einfallsreich in Szene gesetzt.
Störend dann das grelle Bild der Digitalkamera. Ein schmutziger kleiner Super8 Film, hätte sicherlich für mehr Atmosphäre gesorgt, auch wenn die Bildqualität schlechter gewesen wäre.
Schlussendlich habe ich ein recht nettes, innovatives Amateurfilmchen gesehen, welches aber durch die Aneinanderreihung der einzelnen Todesvisionen, wie ein Sammelsurium einzelner Kurzfilme wirkte und zwischenzeitlich leider recht langweilig war.
Sebastian Radtke kann man nur den Rat geben, sollte er weitere Projekte im Auge haben, sich beim nächsten Film unbedingt mal weitere Darsteller hinzuzuholen, eventuell sogar schauspielerisch schon vor gebildete Studenten o.ä., denn seine Ideen und das ganze Kameratechnische hat er zweifelsohne schon ganz gut drauf. Mit etwas schauspielerischer Qualität kann mehr draus werden. Dem ewigen Opfer Carolin Meyer, der ich Talent gar nicht absprechen will, würde ich anraten mal irgendwelche Schauspielkurse zu besuchen, um eventuell mal das Hobbyniveau abzulegen und eine Weiterentwicklung der darstellerischen Fähigkeiten zu erreichen.