Deutsche Independent-Produktionen überschwemmen vor allem im Horrorbereich den Markt. Da fällt es unter den vielen Hobbyfilmern gar nicht so leicht, Talente mit Veranlagung herauszufiltern, aus denen, unter verbesserten Produktionsbedingungen, noch ein handfester Regisseur werden könnte.
Sebastian Radtke scheint mir so einer zu sein. Umgeben von maximal drei Helfern und mit einem Budget gegen Null ausgestattet, weist sein „Psychotica“ vor allem ein ordentlich konzipiertes Drehbuch vor, welches dem Betrachter eine abwechslungsreiche Stunde beschert.
Bei diesem 2-Personen-Stück befindet sich eine junge Frau in der Gewalt eines Medizinstudenten, der bei ihr per Injektion Todesvisionen hervorruft, die dieser am Labtop mitverfolgen kann.
Am Ende einer Reihe von Todesarten soll sie sich für eine entscheiden, doch wer ist am Ende Täter und wer das Opfer?
Die episodenhaft erzählten Todesformen entbehren nicht einer gewissen Abwechslung, auch wenn die Kulissen recht spartanisch ausfallen und selten ein temporeicher Ablauf stattfindet.
Zweimal stirbt die Frau im Wald, dann werden ihr beim Candlelight-Dinner Innereien serviert und ein Löffel in den Mund gestopft, tödliches Gas über einen Schlauch zugeführt, die Kehle mit giftigen Flüssigkeiten verätzt, bis sich schließlich ein Metzger in einer großräumigen Fleischfabrik über sie hermacht..
Natürlich weiß man von vornherein, wie das jeweilige Kapitel enden wird, doch die Frage des „Wie und womit“ nötigt einem dann doch ein nicht unerhebliches Interesse ab.
Dabei spart Radtke nicht mit Bluteffekten, präsentiert einen offenen Bauch mit freiliegenden Innereien, einen Messerstich in einen Unterkiefer und viele blutverschmierte Körperpartien.
Kein Effekt wirkt dabei primitiv, allerdings geht man auch nicht allzu explizit zu Werke.
Am Ende spielt sich das Geschehen überwiegend im leeren Schlachthaus ab, da sorgen vor allem die hohen Räume und die kalt wirkenden Gänge, sowie nicht vorhandene Arbeiter (bis auf den einen Metzger) für leicht beklemmende Stimmung.
Dass dem Ganzen am Ende noch ein finaler Twist hinterher geschoben wird, war noch nicht einmal zu erwarten, auch wenn der – unter Mitwirkung von nur zwei Personen – nicht allzu überraschend ausfallen kann.
Allerdings muss man im Gesamtbild auch einige Abstriche machen.
Da der Medizinstudent nicht selbst spricht, sondern nur per Telepathie mit seinem Opfer kommuniziert, baute man als besonderen Effekt einen Flanger ein.
Diesen hat man aber leider viel zu hoch dosiert, woraufhin man kaum ein Wort des Typen verstehen kann. Ein leichter Hall mit minimalem Raumeffekt wäre da besser gewesen.
Auch darstellerisch liefert man ein verbesserungswürdiges Niveau ab. Kay Petzold ist als Medizinstudent zwar die Ruhe selbst, könnte aber an und wann mit leichten Nuancen in der Mimik für etwas mehr als nur einen Gesichtsausdruck sorgen.
Etwas besser agiert da Carolin Meyer als Todeskandidatin. Zwar muss sie den überwiegenden Teil verängstigt dreinschauen, was ihr soweit auch gelingt, doch auch sie könnte etwas mehr aus sich herausholen, vielleicht auch mal um ihr Leben schreien und strampeln, damit ein Mitfiebern eher gewährleistet ist.
Auf der positiven Seite stehen jedoch überwiegend handwerkliche Aspekte.
Die Kamera liefert nicht nur klare Bilder fernab jeglichen Amateurniveaus, man ist auch um diverse Positionen bemüht, die fast durchweg gut getimt sind und einigen Einfallsreichtum erkennen lassen.
Auch die musikalische Untermalung funktioniert hervorragend. Es wird eine breite Palette facettenreicher Melodien eingesetzt, vom Pianosolo, über rhythmische Synthieklänge bishin zu harten Metalsounds.
Ganz klar, man merkt dem Streifen zu jeder Zeit sein nicht vorhandenes Budget an, doch im Endeffekt steht eine solide umgesetzte Idee, mit einem schlüssigen Script und nicht zu übertriebenen Gewalteffekten.
Dies ist mein erster Eindruck eines Streifens unter der Regie von Radtke. Und beileibe nicht der schlechteste. Sollte er für kommende Projekte ein paar Darsteller mehr an Land ziehen können, die überdies noch bereit sind, etwas aus sich heraus zu gehen und man zudem die Möglichkeit findet, Schauplätze etwas üppiger auszustatten, blicke ich dem Ganzen positiv entgegen.
Talent ist auf jeden Fall vorhanden,
6 von 10