Schon seit Jahren ist Hong Kong nicht mehr DAS Produktionsland für Martial Arts; vor allem die Zeiten der 70er und 80er, als man reihenweise mit grossen Erfolg für Begeisterung bei Publikum und Kritikern sorgte, sind längst Geschichte. Nunmehr kommt Derartiges aus ganz anderen Ländern. Der südasiatische Nachbar Thailand hat mit Ong Bak, Born to Fight und Tom Yum Goong nacheinander die Messlatte für heutige Ansprüche verschoben; und das Team Prachya Pinkaew / Panna Rittikrai ist sicherlich noch für Einiges dieser Art gut. Aus Frankreich kamen Pakt der Wölfe, Chok Dee und Banlieue 13; aus den USA gerade kürzlich Undisputed 2 und vorher Schmankerl wie Drive. Selbst Deutschland beteiligt sich an dem Trend, wenn auch mit den erwarteten Ergebnissen. Und endlich fasst auch Hong Kong wieder Fuss, zwar nur langsam und vereinzelt, aber immerhin. Erst Fearless, der aber stark über die Anlehnung an glorreiche Once Upon a Time in China Zeiten funktioniert. Und nun Dragon Tiger Gate, der ebenfalls von vornherein mit Erwartungen und Hoffnungen überzogen ist.
Auslöser um den seit Monaten anhaltenden Hype um Dragon Tiger Gate war Sha Po Lang, durch den er erst ins Bewusstsein der Öffentlichkeit und vor allem auch des ausländischen Publikums gerückt ist. SPL, der Ende 2005 erschien, verblüffte mit einer aus Traditionen ausgereiften Genregeschichte, die zudem noch mehr als ansprechend in Szene gesetzt wurde und Alt und Neu in einem zusammenpassendem und frisch wirkenden Gefüge unterbrachte. Es war kein reiner Actionfilm, nutzte die entsprechenden Szenen aber unheimlich effektiv zur Anspannung und letztlichen Explosion der widerstreitenden Kräfte. Man wusste, dass bei den Beteiligten Donnie Yen, Sammo Hung und Jacky Wu Jing etwas Kommen musste, sollte aber lange darauf warten, um dann um so mehr an den combats teilzunehmen. Es war fast, als wurde man nicht nur aus dem Nervenkitzel des Filmes erlöst, sondern durfte eine Art Wiederkehr beiwohnen. Yen und Hung zeigten erneut, was noch in ihnen steckt und zu was sie fähig sind; das Gleiche galt für Wu Jing, der seit Tai Chi 2 [ 1996 ] auch keine Gelegenheit mehr dazu bekam. Die Auseinandersetzungen als Höhepunkte, als standout Sequenzen. Und als Vorgeschmack auf Kommendes. Was in SPL noch desöfteren wegen seiner geringeren Quantität bemängelt wurde, sollte bei Dragon Tiger Gate mit der gleichen überzeugenden Kollaboration Regisseur Wilson Yip / Action Director Donnie Yen endlich zur vollen Geltung kommen: Die Action.
Und zur Beruhigung: Davon gibts nicht nur weitaus genug, sondern sie ist auch absolut formidabel umgesetzt.
Dafür lässt die Handlung stark nach, aber das war ja praktisch abzusehen.
Basieren tut diese auf den Comics von Tony Wong Yuk – long, der sich seit den frühren 70ern mit „Little Vagabond“, „The Son of Ultraman“ und „Solar Lord“ als die treibende Kraft im Mangageschäft errichtete und danach ein Auf und Ab des Business erlebte. Mal Monopolist, mal mitten im Ruin und das Gefängnis hat er als krönenden Abschluss der Talfahrt auch von innen besucht. Mittlerweile wieder oben auf, kann er ganz beruhigt der Verfilmung eines seiner Meilensteine entgegen sehen; wobei er dafür nicht nur wie der Zuschauer die wenigen Monate nach SPL daraufhin warten musste, sondern sein halbes Leben. Und noch einmal die letzten fünf Jahre; „The Gate of Dragon and Tiger" entstand nämlich unter dem Ursprungsnamen „Little Rascals” ebenfalls in den 70ern und die Produktion der cineastischen Umsetzung ging bereits 2001 in die Gänge.
Raymond Wong Pak – ming, Leiter der Mandarin Entertainment Ltd, hat das Projekt persönlich initiiert; die Qual der Wahl - welche der zahlreichen Vorlagen man als erstes aufarbeitet - liess nach, als auch Tsui Harks Seven Swords in Angriff genommen wurde. Man musste sich nicht unbedingt gegen ein prestigeträchtiges period piece Mammutunternehmen stellen, vor allem dann nicht, wenn es aus den gleichen Kreisen kam [ Raymond Wong ist Presenter von Seven Swords ].
Also ein modern day Plot; einstmals aus einer ganz anderen Zeit als Heute stammend. Wo Ehre, Loyalität, Mut, Mildtätigkeit und Rechtschaffenheit nicht nur Modeworte waren und Helden nicht in den Medien gemacht wurden, sondern sich in Hinterhöfen bewähren und beweisen mussten. Eine Mischung aus den 70ern, in der das Werk zuerst erschien, den späten 80ern, wo er von Tony Wongs Jademan Comics in den US in einer entsprechenden Übersetzung unter dem Titel „Oriental Heroes“ vermarktet wurde und damit seinen vorläufigen Zenit erreichte. Und dem aktuellen Update des filmtechnischen Standards.
„While technology advances everyday and Hong Kong society keeps evolving, human relationships have not improved at all. Though Hong Kong citizens are economically much better off than in the 1970s, there is less and less compassion and understanding among people. With a soaring crime rate and all kinds of negative media reports, something vital is lacking in our hometown.“ [ Wilson Yip Wai – shun ]
Natürlich arbeitet bereits der Vorspann zum ersten Male mit den Bildern der Vorlage; die Einführung erfolgt problemlos über eine knappe Zusammenfassung. Das Dragon Tiger Gate ist eine von zwei Kung Fu Meistern gegründete Martial Arts Schule, die den Unterdrückten und Schwächeren die Möglichkeit bietet, sich für eine Verteidigung ebenso zu rüsten wie ihr Selbstvertrauen zu stärken und später aktiv für Ehrlichkeit, Anstand, Sittlichkeit, Moral und Ethik einzustehen. Das Tor dabei als Symbol der Gerechtigkeit.
Einer der Gründer ist Wong Jianglong [ Yuen Wah ], der Andere Wong Fuhu. Dessen ältester Sohn Dragon Wong [ Donnie Yen ] verliess mit seiner Mutter die Akademie und brach damit jegliche Brücken hinter sich ab; auch die zu seinem jüngeren Bruder Tiger Wong [ Nicholas Tse ]. Nach dem Tod seiner Mutter wurde er von dem angehenden Gangsterboss Kun [ Chen Kuan Tai ] aufgezogen; mittlerweile arbeitet er als Bodyguard für ihn und damit auf der falschen Seite.
Als ein Gangwar ausbricht, der auch seine ehemalige Schule miteinbezieht, muss er sich für den richtigen Weg entscheiden.
Die Geschichte ist natürlich gang und gäbe. Anders als bei vielen vorherigen Werken von Wilson Yip wie Bullets over Summer, Juliet in Love und auch SPL steht sie auch absolut nicht im Vordergrund. Sie bietet nur die basics für das Spektakel und ist damit vielleicht auch schnell als der eigentliche Schwachpunkt auszumachen. Dadurch, dass die Ereignisse in einer unrealen Welt stattfinden, aber sehr vieles an sehr ehrbaren Motiven einbringen will, fehlt einfach der Bezug zu den Abläufen. Man weiss und spürt auch, dass die Figuren der gezeichneten Kunst entsprechen und in ihrer Eindimensionalität nicht zum Anfassen sind. Da helfen die gezeigten Kindheitserinnerungen – die in einem anderen Zusammenhang wahrscheinlich Effet gehabt hätten – nur begrenzt und das häufige Posen noch weniger.
Ebenso kann man keine Überraschungen einbringen; sondern deckt die über 30 Jahre dauernden Geschichte im Comic und des Comics in verallgemeinernden Grundzügen und folglich sehr gestrafft ab.
Gut gegen Böse als Anleitung. Das Böse existiert schon in mehreren Variationen und findet seinen Höhepunkt im maskierten Shibumi [ Yu Kang ], der gesichtslos agiert und dazu noch mit einem verzerrt grollenden Unterton ausgestattet ist [ Stimme ist von Louis Koo ].
Das Gute muss sich erst vereinen: Dragon Wong mit seinem Bruder Tiger und wiederum mit dem Neuankömmling Turbo Shek [ Shawn Yu als alter ego des Autors ].
Vom Materiellen her fällt positiv auf, dass man sich wirklich den Traditionen bedient und desöfteren auf Szenen verweist, die zum Genre des Martial Arts dazugehören. Es war fast Usus in den früheren Filmen, dass ein Neuer geradezu darum betteln musste, von einem Lehrer aufgenommen und trainiert zu werden; dass ihm der Zugang zur Schule versperrt wurde und er Tage und Wochen vor dem Tor verharrte und sich erst finden und beweisen musste. Bis er endlich akzeptiert wurde, aber erstmal nur die niederen Tätigkeiten ausüben durfte.
Oder dass der Gegner sich auf den beschildeten Schriftzug über dem Eingang konzentrierte und mit diesem Ikon in der Hand den Besten des Gebäudes herausforderte.
Dergleichen Szenen werden auch hier eingebracht und bilden eine Brücke von Alt zu Neu; verstärkt wird dies noch mit der Besetzung der Bewährten Chen Kuan Tai und Yuen Wah, die die frühere Epoche entscheidend begleiteten.
Auch die formellen Bezüge zum Comic hat man nicht vergessen; mehrere Male wird unweigerlich, aber nicht aufdringlich darauf zurückgegriffen. So entspricht ein aus der Draufsicht präsentierter Massenkampf in seiner Einteilung der verschiedenen Räume, Figuren und Situationen genau den Bild-zu-Bild Hiaten des Comics. Auch die an grossen Sets errichteten Örtlichkeiten atmen deutliches Flair einer phantasierten Welt; die verschiedenen Hauptquartiere sind strikt voneinander abgetrennt und unterscheiden sich wörtlich wie Tag und Nacht.
Die Grabkammer des Shibumi ist wie in einem Fels ausgehöhlt, Säulen ragen als Stützung der Unterwelt in die Höhe, stufige Absätze und scheinbar unstrategisch platzierte Steinquader ergänzen die kalte Einrichtung. Vieles ist im fahlen Schatten, nur wenige Punkte sind von Licht beschienen.
Als Kontrast dazu das Restaurant als Austragungsort der ersten Auseinandersetzungen und damit Anlass der späteren Fehden. Dort ein warm einladendes Prunkstück errichtet, reich verziert mit urchinesischen Dekorationen, an dem sich vor allem die Leute von der Ausstattung ausgetobt haben. Sowieso bewegt sich der Film über die Optik; das Visuelle spiegelt die Gefühle der Figuren wieder und verleiht ihnen Ausdruck. Dialoge halten sich meist zurück und sind zumindest im Englischen auch sehr einfach, fast banal gehalten. Manchmal wirkt es auch wie ein starker Kontrast zwischen dem Pompösen des Gezeigten und dem Trivialen des Gesagten.
„Ihr braucht gleich einen Krankenwagen.“
„Ich hasse es, beim Essen gestört zu werden.“
„Wir können unser Schicksal nicht ändern.“
Daraus ergibt sich natürlich ebensowenig Anspruch auf eine vermehrte Glaubwürdigkeit; spätestens jetzt sollte auch dem Letzten klar sein, dass der Film kein Nachfolger von Irgendetwas ist, sondern eine Adaption von strips. Und man seine Erwartungen vielleicht mal in eine entgegengesetzte, konsequent andere Richtung lenken sollte. Vom vorherigen Regiewerk Wilson Yips weg; welcher sowieso bisher eindrücklich versucht hat, eben nicht 2x Dasselbe zu drehen.
Auch die Action ist nicht das, was man in SPL zu sehen bekam; hierbei beruft man sich auf die eben ureigene Fantasyzugehörigkeit und setzt ganz unbedarft Unwahrscheinlichkeiten und Übertreibungen ein. Meist kämpft Jemand gegen eine Unzahl von Feinden; opfert sich also trotz wahrscheinlich unüberwindbarer Hindernisse für seine hehren Ziele auf. Trotzdem fehlt der emotionale Kontext; man fiebert nicht mit und man ist trotz der reichhaltigen Prügelei mit Baseballschlägern, Nunchakus, Schwertern, Eisenstangen und dem Eight Diagram Pole weniger interessiert. Der Ausgang ist ja klar. Es sieht schon so aus, wie man es haben möchte, aber es fehlt trotzdem etwas. Die virtuose Kamera, die flinken Bewegungen, die fliessenden Übergänge der Kausalität von Tritt und Treffer sind auch nur für das Auge gemacht und dringen nicht tiefer ein; ausserdem pendeln sie nicht nur in Richtung House of Fury hin, sondern darüber hinaus. Und als Nächstes kommt ja bald schon Kung Fu Hustle mit seinen Extravaganzen.
Ganz so schlimm ist es dann doch nicht. Die Angreifer und die Einrichtung gleich mit werden schön durch patentes footwork demoliert; dabei auch immer exakt auf die Wirkung hingefilmt. Hervorhebungen erfolgen über akzentuierte Wiederholungen, die die Abläufe aus einer zweiten Perspektive und / oder verzögert wiedergeben und so das jeweilige Potential noch verstärken. Leider – weil für das Setting absolut passend, aber dennoch too much – ist dann auch die Tricktechnik sehr im Vordergrund. Mit steigender Laufzeit sind viele frames nachgearbeitet und lassen rückwirkend auch Fragen darüber nicht vermeiden, inwieweit wer der Darsteller was vor der Kamera geleistet hat. Bei Donnie Yen weiss und sieht man auch, dass er es kann. [ Kämpfen, Schauspielern zumindest in der Rolle nicht. ]. Bei Nicholas Tse sieht es zumindest gut aus, was er macht; aber die adäquate Hilfestellung war ja augenscheinlich auch da. Bei Shawn Yu tendiert man ohne grosses Zögern zum Nichtskönnen und er schafft es auch nicht, hierbei überzeugend zu wirken. Yu Kang als Shibumi dagegen kann sich freuen, dass er wohl am Eindrücklichsten im Gedächtnis verbleiben wird; und dass, obwohl er nicht mal die Tarnung gelüpft hat.
Am Ende ist man leicht zwiegespalten. Man bekommt eine Comicverfilmung, die ihrem Namen alle Ehre macht. Wem Black Mask 2 zu blöd war, Legend of Zu zu voll und A Chinese Tall Story zu penetrant unlustig, der hat hierbei sicherlich mehr Glück.
Yip arbeitet simpler, nicht überdreht und nicht übersättigt. Schwarz dient oft als beherrschende Macht im Bildkader, wodurch die Prozesse wenigstens etwas düsterer erglimmen. Und trotz einiger gewisser Durchhänger wird man nie langweilig, sorgt für Kurzweil, Schauwerte und Tempo. Allerdings wird ein Zweites Ansehen wohl kaum ein Mehr zum Vorschein bringen und die Erinnerungen selber werden auch nicht im Nachheinein, über das Nachempfinden verstärkt. Sondern verblassen wohl eher.