*** SPOILERWARNUNG ***
Nach der Lektüre des von Gustav Hasford verfassten, semi-autobiographischen Romans „The Short-Timers“ entschloss sich Regisseur Stanley Kubrick, diesen als Grundlage für sein nächstes Projekt zu nutzen. Bis zum fertigen Film vergingen dabei noch ein paar Jahre, seine Vorbereitungen waren gewohnt akribisch. Ein weiterer Einfluss war die Mitarbeit von Michael Herr, den Kubrick schon Anfang der 1980er Jahre kontaktiert hatte, da er einen Film über den Holocaust plante. Da es aber nun das Vietnam-Thema wurde, befand er sich mit den Genannten hinsichtlich des Drehbuchs in regem Austausch. Beide waren während des Krieges in Vietnam vor Ort. Den Titel „The Short Timers“ übernahm Kubrick nicht, da er befürchtete, dieser würde einen falschen Eindruck hinsichtlich des Inhalts erwecken und so änderte er diesen zu „Full Metal Jacket“, nachdem er diese Bezeichnung in einem Waffenkatalog las.
Kubricks Film gibt sich zweigeteilt. Die erste knapp dreiviertel Stunde begleitet man eine Gruppe junger Männer im Ausbildungslager der US Marines. Hierunter findet sich auch Protagonist und Erzähler Private Davis (Matthew Modine), aus dessen Sicht viele Ereignisse gezeigt werden.
Ein einziger Drill, der über die Rekruten hereinbricht und zu Beginn noch amüsant anmutet ob der Tiraden, die Ausbilder Hartman (R. Lee Ermey) der Truppe entgegenbrüllt. Mit der Zeit tendiert der Spaß an der Gehirnwäsche aber gegen Null, erlebt man die Konsequenzen dieser Behandlung. Denn was dies anrichten kann, wird am Ende dieses Abschnitts allzu deutlich. Diese Sequenz ist derart gekonnt inszeniert, dass sie jedes Mal wieder eine greifbare Spannung erschafft und gehört wohl zu den bekanntesten des gesamten Films.
Anschließend geht es nach Vietnam, wo Davis als Kriegsberichterstatter eingesetzt ist. Der Wunsch nach Action, nach dem Dabeisein an der Front, ist bei ihm sowie seinen Kameraden vorhanden. Aber wie das mit Wünschen so ist, sollte man mit ihnen vorsichtig umgehen. Denn im weiteren Verlauf trifft er nicht nur auf die gegnerische Seite des Konflikts, auch innerhalb der eigenen Reihen ruft er die unterschiedlichsten Reaktionen hervor. Diese provoziert er mit seinem Auftreten, dem Peace-Symbol am Revers mitsamt „Born zu kill“ auf dem Helm prangend. Darauf angesprochen erklärt er es mit der Darstellung der Dualität des Menschen, stellt damit aber letztlich nur die eigene Naivität zur Schau. Am Ende kommt es doch anders, als er es sich vorgestellt hat. Der Wunsch zu töten, der Krieg an sich.
Der Film transportiert klar eine kritische Haltung. Und zwar von der Ausbildung an bis zum Einsatz irgendwo zwischen brennenden Gebäuden und Ruinen. Es ist nichts Heroisches, das die Rekruten vereinheitlicht, gefügig macht und bricht und ebenso wenig, was sie zu denen macht, die am anderen Ende der Welt gegen einen oft unsichtbaren Feind ins Feld ziehen. Die Interviews, die die einzelnen Soldaten an der Front geben, sprechen da Bände. Manche sind sich nicht sicher, warum sie überhaupt hier sind. Manche schießen auf alles, selbst auf Bauern aus einem Hubschrauber. Für manche scheint es ein Abenteuer.
Sie kämpfen sich weiter durch eine schon zu Ruinen zerschossenen Stadt, die finale Konfrontation mit einem Heckenschützen ist trotz des Gefechts ein nach innen gekehrtes Ende und unterstreicht den Irrsinn, der sich durch das gesamte Szenario zieht. Hierzu gehört auch die musikalische Untermalung mit diversen Hits wie „Surfin Bird“ oder „Wooly Bully“, ziemlich konträr zur vorherrschenden Atmosphäre. Die Absurdität des Krieges wird ohne moralisierende Vorträge gezeigt, Satire konnte Kubrick schon früher meisterlich; fragen Sie nur Dr. Seltsam.
Auch vom Cast bleibt einiges im Gedächtnis. Vor allem die unbarmherzige Darstellung des Gunnery Sergeant Hartman mit all seinen Schimpftiraden verkörpert von Ronald Lee Ermey, der tatsächlich für eine Dekade im Dienst der Marines stand und seine Erfahrung mit ans Set brachte. Ebenso in Erinnerung bleibt Vincent D'Onofrio als sein Opfer Leonard Lawrence / Private Paula, dessen anfängliche Unbeholfenheit durch die stete Gewalteinwirkung über mehrere Ebenen in den inneren Bruch und schließlich ins Verhängnis münden. Matthew Modine als Mittelpunkt des Films führt durch die verschiedenen Handlungsorte, die Reflektionen und Beschreibungen mittels voice over sind eine interessante Idee und hätten öfter eingesetzt werden können. An ihm bleibt das Publikum immer dran, seine Entwicklung über die Laufzeit ist spürbar. Dabei bleibt selbst er ambivalenter Natur, auch er taugt letztlich nicht als Heldenfigur. Eine solche sucht man in „Full Metal Jacket“ generell vergeblich. Etwas anderes hätte ich von Kubrick aber auch nicht erwartet. Auch das restliche Ensemble ist passend besetzt, Ausfälle gibt es keine.
Das gilt auch für die audiovisuelle Umsetzung. Die Kamera schwebt hinter den schleichenden Soldaten her, der Kugelhagel zerlegt ganze Häuserfassaden und zum Ende hin scheut man sich nicht mal mehr vor Einschüssen in Zeitlupe.
Die Austauschbarkeit der Figuren, die gleich in der ersten Szene mit dem Abrasieren der Haare eingeleitet wird, zieht sich aufgrund der oft laxen Charakterisierung durch den gesamten Film. Das kann man Bemängeln, da man somit niemandem wirklich nahe kommt. Auch ist der Film abseits der Zweiteilung nicht frei von einer episodenhaften Inszenierung und der omnipräsente Vulgarismus kann auf die Dauer schon etwas enervierend sein, wenn er auch nicht weit hergeholt ist.
„Full Metal Jacket“ ist nicht Kubricks bester Film, doch ist sein Beitrag zum Genre des Antikriegsfilms mehr als gelungen. Wenn auch die zweite Hälfte nicht ganz die Intensität der ersten Stunde weiterführt und bei der Charakterzeichnung nicht der spitzeste Stift zum Einsatz kam, verfügt das Werk über genug Stärken und ein tolles Ensemble vor und hinter der Kamera.