Vom Winde zerfetzt
Nachdem mich John Woo mit seinen letzten Werken dermaßen enttäuscht hat, dass er sich wohl erstmal aus meiner Top 10 der Lieblingsregisseure geballert hat, musste ich einen Hollywoodfilm von ihm nachholen, der schon ewig auf meiner Watchliste stand. Schon damals gab es erste Zweifel an ihm nach einigen Flops bei uns im Westen, ebenso an seinem Star hier, Nic Cage. Dennoch war das natürlich erst der Anfang und beide nicht ansatzweise so kritisch und durchwachsen angesehen wie heute. Obwohl Cage ja schon wieder die Kurve gekriegt hat. „Windtalkers“ sollte jedenfalls kein Grund sein, die beiden abzuschreiben, denn für mich ist Woo hier einer der interessanteren, spirituelleren und spezielleren Kriegsfilme überhaupt gelungen. Vielleicht nicht so philosophisch wie „The Thin Red Line“, vielleicht nicht so perfekt wie „Der Soldat James Ryan“, vielleicht nicht so augenzwinkernd wie „Three Kings“. Und natürlich auch beileibe kein „Bullet In The Head“, sein legendäres Kriegsepos aus Hong Kong. Doch gerade aus dem Wust an Hollywoodbombast sticht „Windtalkers“ ohne Frage heraus. Erzählt wird von einem Navajo-Amerikaner, der in den Krieg der USA gegen Japan eingezogen wird, um den Amis mit seinen spirituellen wie sprachlichen Kenntnissen eventuell den entscheidenden Vorteil zu verschaffen und einen unknackbaren Code zu entwickeln…
Vor allem im DC mit charakterlichem Mehrwert
„Windtalkers“ ist schon ziemlich pur John Woo. Aus heutiger Sicht und wenn man weiß, wie man das zu nehmen hat, ist das eine Wohltat. Voller Pathos, voller Gewalt, voller Explosionen und Zeitlupen. Sich nicht zu schade auch käsige Passagen oder gar Grundideen aus dem Script ungeniert umzusetzen. Gerade bei einem (Anti-)Kriegsfilm, gerade für das westliche Publikum, kann das befremdlich wirken. Doch wie gesagt, wenn man weiß, wie man mit ihm und seiner Art umzugehen hat, dann ist „Windtalkers“ wahrscheinlich sogar in seiner Top 10 als Regisseur. Zumindest wenn man dem Genre nicht ganz abgeneigt ist. Zwischen Schützengräben und Super-Slowmos. Zwischen Stacheldrahttodesfallen und amerikanischem Multikulti-Zusammenhalt. Dafür war Woo definitiv der Richtige. Das hätte auch ein Befreiungsschlag zu der Zeit für Woo zwischen Flops wie „Paycheck“ oder „Mission: Impossible II“ werden können. Für viele befindet sich „Windtalkers“ aber eher auf deren niedrigem Niveau, denn frei von Schwächen und Klischees ist Woos Kriegsepos sicher nicht. Stereotype werden fett gedruckt, die Battlefield-Action kann sich etwas wiederholen und für weite Zeiträume lässt der Film seine eigentlichen Hauptfiguren, die „Windflüsterer“, komplett links liegen und wird zum reinen, brutalen Actionfest, bei dem man sich sogar die Antikriegsmessage eher selbst herbeireden muss. Das ist dann nicht der Sinn der Sache oder meine Erwartung im besten Fall. Und dennoch gibt’s halt auch tolle Dinge, wo die Schlachtplatte wohl am ehesten mit dem neueren „Hacksaw Ridge“ vergleichbar ist. Es gibt einige wirklich heftige und blutige Kampfsequenzen, u.a. mit Flammenwerfern. Es wirkt erstaunlich echt und ohne viel CGI. Der Blickwinkel der Navajo ist ein neuer. Im Director's Cut kann man nicht von oberflächlichen Figuren sprechen, da wird allen durchaus Zeit zum Atmen gegeben. Es gibt etliche bekannte Gesichter auch in Nebenrollen, wie das auf Hollywood-Kriegsschauplätzen dieser Periode eben üblich war. Und durch seine deutliche Prise an Schmalz, Pathos und Kitsch hebt sich „Windtalkers“ vom Gro seiner englischsprachigen Konkurrenz einfach erfrischend ab. Nicht für alle positiv - für mich aber die meiste Zeit schon.
Fazit: schmalzig, schön, schusskräftig - „Windtalkers“ ist vielleicht weder Peak Woo noch einer der besten Kriegsfilme aus der Traumfabrik, aber insgesamt dennoch interessant, anders und sehr gut guckbar. Erst recht wenn man mit neueren Woo-Enttäuschungen a la „Silent Night“ vergleicht. Im Director's Cut zweifellos die rundere Sache.