Review

Aus der Abteilung „special interest“ kommen meistens inhaltlich oder kreativ ungewöhnliche Filme, doch mitunter ist auch einfach Schrott dabei, der auf eine schier unbezwingbare Art und Weise so sehr fasziniert, dass sich tatsächlich darum eine Art Kult entwickelt.

Einer aus letzterer Gruppe ist sicherlich der 1992er Gnadenhammer namens „Winterbeast“, an dem alles so wahnsinnig schlecht ist, dass die jährlichen Screenings auf irgendwelchen obskuren Cineasten-Gatherings absoluten Kultcharakter entwickelt haben; einer von drei Filmen, die von Vinegar Syndrome dann jetzt doch auf Disc gerettet wurden

Liest man einfach nur die Inhaltsangabe, dann kann man die Wirkung dieses Kunstwerks wirklich noch nicht erahnen: irgendwo in einem Naturgebiet, komplett mit Kleinstadt und indigener Vergangenheit, verschwinden Leutchen im finsteren Tann, entweder Wanderer oder Park-Ranger, so dass man allerorten von einem Serienmörder oder einem wilden Tier ausgeht. Doch tatsächlich sind finstere Vorzeitdämonen indianischer Herkunft wiedererweckt worden am „Magischen Berg“ und die verspachteln gern mal unvorsichtige Rucksacktouristen und Uniformträger, die nach ihnen suchen.
Während der örtliche Ranger-Verantwortliche die Sache gern aufklären möchte, sieht das der örtliche Hotelier ganz anders, denn die Maßnahmen würden zur erneuten Schließung der aufblühenden Tourismusbranche führen.

Kommt dieser Plot eventuell irgendjemanden bekannt vor? Genau, es handelt sich im Kern um das 15.736.Re-Do des „Weißen Hais“, komplett mit einem „recluctant policeman“ und einem örtlichen Fachmann für indianische Legenden, allerdings hören da die Gemeinsamkeiten auch schon auf.
Der Rest ist allerdings des Wahnsinns fette Beute, wie sie sicherlich so manchen Amateursplatterfan total knülle freuen dürfte.

Fangen wir mal formal an: Christopher Thies, der diesen Unsinn verzapft und dann dabei auch noch Regie geführt hat, kam nach „Winterbeast“ nie wieder auch nur zu irgendeiner Ehre im Filmgeschäft und das ist schade. Er drehte ein bissl was anno 1986, dann in zwei Tagen 1989 den ganzen Rest – und ja, MAN MERKT ES – um dann drei Jahre später tatsächlich einen 76minüten Langfilm daraus montiert zu haben.
Dabei bemühte er sich um künstlerische Varianz, denn der Film besteht aus Szenen in mehren Videoformaten, ist mal klar, mal leuchtend bunt, mal unterbelichtet und hier und da erinnert die Grisseligkeit fast an Super8. Natürlich ist der komplette Film offenbar stumm aufgenommen und später nachsynchronisiert worden.
Dabei sollte erwähnt werden, dass die Nachsynchro leider nicht sonderlich synchron ausgefallen ist, was schlecht ist bei einem Werk, welches mit „statisch“ schon sehr agil beschrieben ist und dass sich tatsächlich über ausgiebige Dialogszenen definiert.
Irgendwie passt es aber auch wieder, denn „Winterbeast“ hat – bis auf eine Ausnahme – die wirklich schlechtesten Darsteller aller Zeiten (bis ich im Anschluss „Fatal Exam“ sah, aber das ist dann ein anderes Review). Ich will nicht behaupten, dass alles dicke Kumpels waren, aber die Darsteller sind alle auffällig jüngeren Zuschnitts, auch der Indianerexperte und die ganzen Ranger:innen deuten in diese Richtung.

Die volle Wirkung entfaltet der Film aber durch sein elaboriertes Set Design und seine quasi inexistente Kameraarbeit, gefolgt von dem Schneideraumtalent eines mäßig begabten Urlaubsvideo-Zuschnipslers.
Tatsächlich gibt es im Film – außer in den Naturszenen – praktisch nur Einstellungen mit statischer Kamera! Das sieht dann so aus, dass sich die Darsteller einer Szene praktisch alle die ganze Zeit in einer räumlich begrenzten Enge aufhalten müssen, also vor einer Tür, in einer Zimmerecke, vor einer Wand, schräg links oder rechts von einer Tür. Angereichert mit komplett beknackten Requisiten wirken einige Sequenzen, als wären sie in einer Schulaula in der Theaterkulisse aufgenommen worden – ja, ich würde sogar ein paar Euro darauf setzen, dass es so war.

Ergo stehen die Figuren nebeneinander, hintereinander oder sich gegenüber (selten sich zugewandt, weil…), da jeder von ihnen sorgfältig, brav gelernt und ungemein monoton, ohne jeglichen darstellerischen Ausdruck seinen Text runter spricht (und es gibt eine Menge davon) und offenbar in Kamerarichtung mangels Talent auf Anweisungen wartet, denn man spürt mehrfach, dass einige einen Fingerzeig bekommen, wenn sie mit dem Reden dran sind und nach einem leichten Zögern mit dem Zwiegespräch fortfahren.
Das ist unheimlich komisch, wenn sich so also 3-4 Figuren mehrere Minuten auf etwa 2qm Raum aufhalten müssen und irre Mengen dramatischen Textes tierisch untalentiert aufsagen.

Die eine Ausnahme des Quarks ist der bösartige Hotelier Sheldon, gespielt (ja, tatsächlich!) von einem gewissen Bob Harlow und es ist mir total unverständlich, warum dieser Mann nicht auf der Stelle von David Lynch für seinen nächsten TwinPeaks-Film engagiert wurde, denn sein augenrollendes, kantiges, kieferintensives und schnarrendes Gegeifere ist ganz großes Oscar-Material. Harlow chargiert auf Teufel komm raus, aber er weiß als Einziger genau, was er da tut und deswegen ist er auch so faszinierend. Noch dazu kann er Texte sprechen und weiß einiges über Betonungen, während man jeden Moment erwartet, dass er seinen Gegenüber die Kehle durchbeißt.
Vermutlich deswegen ist jeder seiner Auftritte ein Fest, aber was Regisseur Thies geritten hat, ihn am Ende (ja, er ist der Bösewicht, der die Dämonen gerufen hat, wer sonst bitteschön?) in einer bizarren Sequenz zu Grammophonmusik eine Clownsmaske aufsetzen zu lassen, um dann seltsam durch die Hütte zu tanzen, bleibt sein Geheimnis (er nahm es mit ins Grab), die Szene ist jedenfalls enorm verstörend.

Leider sind jedoch andere die Protagonisten, etwa Tim R.Morgan in der „Chief Brody“-Rolle, wobei man vergnüglich im Film mitzählen sollte, wann sich seine Frise und vor allem sein Pornoschnauzer in Länge und Breite von einer Szene zur nächsten verändern. Sein Kollege Mike Magri gibt den Ranger Stillman und keine Amateuerproduktion wäre komplett ohne den Idioten, der in jeder Szene eine Sonnenbrille aufhat, gern Tom Cruise wäre und blöde sexistische Sprüche macht. Miki IST dieser Typ.
Und dann ist da noch Legendenexperte Charlie Perkins, der gefühlt etwa 26 Jahre alt ist und mehr wie der örtliche Bier-Pong-Champion aussieht. In einer Szene präsentiert er einen irgendein indianisches Schutzidol aus einer Medizinmann-Kiste, in der eindeutig auch noch ein cremefarbender Dildo liegt!
Diese drei Fragezeichen sülzen also den kompletten Film voll, egal ob sie im Wald stehen, in der Kneipe, im Büro, vor dem Kürbisfest, dem Indianerladen oder im Hotel. Dass ein Film, der „Winterbeast“ heisst, tatsächlich überdeutlich im Herbst gedreht wurde (Hallo, Kürbisfest!!!) und keinen Bezug zu seinem Titel aufweist, gibt der Chose den Rest.

Was also rettet dieses Werk vor dem totalen Vorspulen?
Es sind – man glaubt es kaum – eine Handvoll Sequenzen voller Stop-Motion-Claymation-Plastilin-Monster (jedes Mal ein anderes), die zwischen immer mal einen Wanderer wegnacken (ja, es gibt auch einmal Brüste zu sehen!). Offenbar haben die Macher den 1970er Dennis Muren-Grusler „Equinox“ mehr als einmal gesehen und lieb gewonnen. Sensationell das Dino-Riesenhühnchen, der Monstermaulwurf, der Alienmutant oder der Totem-Dämon, allesamt wiederverwandte Props aus Musikvideos, aber kompetent gefilmt und wunderbar schludrig mit den Statisten kombiniert, denen hier die Köpfe abgebissen werden. Zwischendurch bricht mal unerklärlich ein Totenkopf aus einem Bauch hervor und am Ende stapft ein Kollege mit Zombie-Devil-Dämonen-Maske durchs Unterholz und muss mit Signalpistolen beschossen werden. Aber das sollte man besser selbst erlebt haben.

Natürlich sind auch diese sensationellen Szenen eingebettet in lange Phasen totaler inszenatorischer Inkompetenz, bei denen es schon mal enorm anstrengend inszeniert wirkt, wenn jemand einen Hügel runterrollt oder in einem Potpourri verschiedenster Tageszeiten im Wald herumirrt. In einer besonders irren Szene bauen sich die Ranger zu fünft wie Superhelden seitlich oder harmonisch nach hinten versetzt auf und starren bemüht verblüfft in die Ferne/Kamera. Was sie da so verblüfft, erfahren wir minutenlang nicht, aber es muss infernalisch sein. Vielleicht war auch nur der Regisseur mal kurz nackig oder zwei Hirsche hatten Verkehr.

Daher: ran, wann immer das Beast seine Klauen aus irgendeiner Streamingplattform steckt (aktuell ist er sogar auf Youtube zu sehen), irgendwo zwischen Einschlafhilfe, Trinkspiel und totaler Hysterie ist der Platz, in der die Hölle ihren Sieg sucht.

Man muss es gesehen haben, um es zu glauben. (3/10)

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