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Von Unschuld und Ohnmacht

Ein unfassbar reicher Däne aus adeligem Haus wird dem versuchten Mord an seiner Frau angeklagt, die nun gehirntot im Koma dahinvegetiert. Ein paar Beweise und etliche Theorien der Öffentlichkeit sprechen gegen ihn. Er besteht vehement auf seine Unschuld. Das erste Verfahren hat ihn sogar schon schuldig gesprochen. Und nun liegt es bei diesem aufsehenerregenden Fall in der Berufung an einem Verteidiger und seinem Team junger Fachleute, genug Gegenbeweise, Ablenkungen und anderweitige Theorien zu finden, um ihren Mandaten frei sprechen zu lassen. Doch wäre das auch die Wahrheit? Wäre das gerecht? Was denkt seine unglückliche Gemalin im lebenslangen Krankenbett? Und spielt es überhaupt eine Rolle, wie genau es jetzt zu der Insulinüberdosis kam?

Schauspielkino vom allerfeinsten. Dieser (auf wahren Begebenheiten beruhende) Beinahe-Mordfall oder „Unfall“ fesselt einen mit Monologen und Denkanstößen, mit Varianten derselben Szene bzw. deren Ausgang, mit zwei Schauspielschwergewichten im Clinch plus etlichen interessanten Nebenfiguren und -darstellern. Selten hat mich ein Film, in dem quasi nichts Handfestes passiert und kaum Fakten präsentiert werden, dermaßen gefesselt. Mit Mimik und kleinen Nuancen, mit Theorien und Kostümen, mit den verfallenen Sitten der oberen Zehntausend, mit Betrug und Unglücklichsein an allen Ecken und Enden. Vor allem Jeremy Irons ist gespenstig ambivalent, berechnend und clever. Und Glenn Close kann selbst eine Frau im Koma perfekt spielen. Dafür ist sie in manchen Rückblenden umso prachtvoller und lebendiger. Das Ende samt Irons Einzeiler, Witzen und Aura ist porentief faszinierend. Da kann sich jeder selbst ausmalen, wie er meint, dass es gewesen sein könnte. Im Endeffekt geht’s aber kaum um die wahrhaftige Auflösung, sondern eher um die Figuren, um den Weg zu diesem Unglück, um die Macht und zugleich Ohnmacht der Reichen, Schönen und nie Zufriedenen. Ein perfides Vexierspiel mit dem Zuschauer und allen Beteiligten. Voller Masken und Halbwahrheiten, Scheu und Scham, Gier und emotionaler Kälte. Auch ein Vorläufer von „A Few Good Men“ bis „How To Get Away With Murder“. 

Fazit: einer der bestgespielten Gerichts(vorbereitungs)thriller, den viel zu wenig Leute kennen. Starpower, Psychologie, Mystery, Menschlichkeit, Mord. Alles drin, alles dran. Irons ist ein Monster! 

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