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Oliver Stone wird doch auf seine alten Tage nicht zahm werden? Das ist eine der großen Fragen, die man sich nach „World Trade Center“ zweifelsohne stellen muss. Von der provozierenden Art, die Stone unter anderem durch Filme wie „Platoon“ oder „Natural Born Killers“ bekannt machte, ist in seinem neuesten Werk auf jeden Fall nichts zu spüren.

Nicht – wie wohl viele nach der Ankündigung Stones, eine filmische Aufbereitung der Ereignisse rund um den 11.September angehen zu wollen, vermutet haben dürften – die Hintergründe dieses Terrorakts werden durchleuchtet, sondern es wird sich auf das Schicksal zweier Menschen konzentriert: die beiden Polizisten John McLoughlin (Nicolas Cage) und Will Jimeno (Michael Pena) wurden bei ihrem Einsatz im World Trade Center vom einstürzenden Turm unter Schutt und Asche begraben. Sie sind die einzigen Überlebenden… Mit ihren Schmerzen und gegen den Tod ringend hoffen die beiden auf ihre Rettung, versuchen sie sich gegenseitig aufzurichten… Währenddessen bangen die Frauen der beiden Verschütteten – Donna (Maria Bello) und die hochschwangere Allison (Maggie Gyllenhaal) – um das Leben ihrer Männer und ein schneidiger Ex-Marine (Michael Shannon) macht sich an seine „Mission“, nach Überlebenden in den Trümmern des WTC zu suchen.

Was so auch aus der Feder eines mittelmäßigen Drehbuchautoren stammen könnte, ereignete sich tatsächlich so. Und genau diese wahre Begebenheit, auf der „World Trade Center“ basiert, bedient sämtliche Klischees, die man sich als Europäer von der amerikanischen Nation über die Jahre hinweg gebildet hat. Allem voran wäre da das Auftreten des ehemaligen Marine Staff Sergeants Dave Karnes zu nennen, der in allerbester, Klischee behafteter Manier seine Einzelkämpferausbildung und seinen Patriotismus zur Schau trägt. Aber es ist ja nun einmal wirklich so passiert wie Stone es uns hier vorführt. Ob die Erscheinung Jesu in den Trümmern sich ebenfalls so ereignete oder nur schmückendes Beiwerk für ein wenig dick aufgetragenen religiösen Pathos darstellen soll, möge sich jeder Zuschauer selbst ergründen. Für mehr als einen ungläubigen Schmunzler mit gleichzeitigem Kopfschütteln dürfte es bei den meisten dann wohl doch nicht reichen.

Nun verknüpft Stone also primär die Handlungsstränge des Schicksals der beiden Verschütteten und der Ereignisse „draußen“. Dabei fallen vor allen Dingen die Blenden zu den sich sorgenden Ehefrauen auf, dem einen sicherlich positiv, dem anderen wiederum negativ, da zu sehr mit Kitsch behaftet. Maria Bello und Maggie Gyllenhaal können in ihren Rollen auch nicht vollends überzeugen, was sie dem Zuschauer eher entfernt denn näher bringt. Zu starr erscheint ihr Spiel, als dass man sich wirklich intensiver mit ihnen beschäftigen möchte. Dann doch lieber mit den „Opfern“ des Attentats fiebern: Nicolas Cage bleibt zwar weitestgehend hinter dem zurück, was man von ihm darstellerisch erwarten kann, Michael Pena jedoch weiß in seiner Darstellung des Will Jemeno zu überraschen. Der eigentliche „Star“, der eigentliche Held von „World Trade Center“ ist jedoch Michael Shannon in der Rolle des Marines Dave Karnes, und das obwohl seine Rolle in einigen Momenten eher wie ein Fremdkörper im filmischen Werk „World Trade Center“ wirkt als dass sie als wichtige Komponente in der Rettung der beiden Polizisten erscheint.

Oliver Stone verzichtet in „World Trade Center“ fast vollkommen auf Special-Effects, legt den Focus stärker als je in seinem filmischen Schaffen zuvor auf die Dramaturgie. Nicht unbedingt auf die Dramaturgie seiner Figuren, nein, er legt es darauf an, die negativen Konnotationen, die jeder Zuschauer mit diesem Ereignis der jüngeren Vergangenheit verbindet, wieder zu erwecken. Dass bei einer amerikanischen Aufbereitung dieser Thematik der pathetische Patriotismus nicht fehlen darf, war zu erwarten. Er rückt zwar etwas in den Hintergrund, haftet „World Trade Center“ aber dennoch als fader Beigeschmack an.

Auch wenn der Zugang zu der Story über weite Strecken eher schwer fällt, birgt „World Trade Center“ einige Gänsehaut-Momente, die auch nach dem letzten Credit im Abspann noch lange nachklingen. Nicht eine eindringliche Charakterzeichnung, sondern die Dramatik der Ereignisse des 11.September selbst, fesseln den Zuschauer auf eine beeindruckende, teilweise schon etwas makaber anmutende Art und Weise. Nichtsdestotrotz bleibt über weite Strecken der Eindruck, dass die wahre Geschichte zweier Männer nur unzureichend verfilmt wurde. Eine dokumentarische Aufbereitung dieser Geschichte wäre mit Sicherheit ein bedeutend bewegenderes und intensiveres Filmerlebnis gewesen als die Vermanschung des Stoffes zu einem Drama, das seinen Ansprüchen in keinem Zeitpunkt so wirklich genügen kann.

Technisch – wie nicht anders von Stone zu erwarten – überzeugend, hat „World Trade Center“ seine Mängel sicherlich in erster Linie in der Charakterzeichnung, dem fehlenden Zugang zu ebendiesen und der Tatsache, dass die Story für europäische Geschmäcker vielleicht ein bisschen zu klischeehaft wirkt. Oliver Stone ist es zwar gelungen, die Anschläge des 11.September aus einem neuen Blickwinkel darzustellen, der auch dafür sorgen kann, dass sein Publikum „aufgewühlt“ den Kinosaal verlässt, doch ein nachhaltiges Filmerlebnis, eine ehrliche und angemessene Verarbeitung der Terroranschläge sieht wohl anders aus. „World Trade Center“ ist einfach ein Film, bei dem man den finalen Eindruck gewinnt, dass hier primär auf massentaugliches Schulterklopfen und Wundenlecken gebaut wurde. Sicherlich nicht verurteilenswert, kann ein solcher Film doch dazu beitragen, die amerikanische Nation wieder ein Stück weit gesunden lassen… ob das gelingt, wird die Zeit zeigen.

Wer auf Pathos verzichten will, sollte zur Dokumentation „9/11“ von Jules und Gedeon Naudet greifen. Alle anderen können gerne einen Blick wagen, sollten aber nicht viel mehr als einen weiteren Katastrophenfilm erwarten, der zeitweise an die Genre-Durchschnittsware der 70er Jahre erinnert… 6,5/10

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