Review

Hohe Erwartungen und eine bittere Erkenntnis.
Bisher hielt ich beide Filme über „Flug 93“ für thematische Einstimmungen auf das, was Oliver Stone bringen würde. Filme von unbekannten Regisseuren mit unbekannten Darstellern. Beide Filme sagen mir zu.
Entsprechend müsste doch ein Mann wie Stone, ein Kerl mit Erfahrung und Gespür für Emotionen, in der Lage sein, sich den Ereignissen vom 11. September 2001 angemessen anzunähern. Doch ich bin negativ überrascht.

Das mag zum einen daran liegen, dass die Handlung recht mager ausfällt und sich vorwiegend mit den verschütteten Cops McLoughlin (Nicolas Cage) und Jimeno (Michael Pena) beschäftigt.
Parallel hierzu wird die Situation ihrer Familie geschildert, die daheim auf ein Lebenszeichen der Verschütteten hoffen.
Die Konzentration auf Einzelschicksale innerhalb dieses intensiven Ereignisses ist nicht die beste Voraussetzung, um den Zuschauer zu fesseln, auch wenn es Stone ehrt, sich nicht auf sensationshungrige Action zu stürzen.
Doch der Zugang zu den Figuren blieb mir bis zum Schluss verwehrt.

Dabei hat Stone die ersten Minuten seines Dramas ansprechend und würdevoll verpackt. Aus dem Alltagsgeschehen heraus ist nur eines der Flugzeuge als Schatten zu sehen, kein Einschlag, nachfolgend ein paar herumfliegende Papiere, ein dumpfer Krach im Polizeirevier und noch ahnt niemand, was überhaupt geschehen ist.
Die ersten Fernsehbilder tauchen auf, eine Gruppe von Cops macht sich zur Evakuierung ins Gebäude auf, eine Explosion, Dunkelheit und das Verschütten unter Schutt und Asche.
Von da an geht es mit Stones „WTC“ steil bergab.

Es folgt die Parallelmontage, mal in die Trümmer, mal zu den Frauen und weiteren Angehörigen und dazu permanent diese hohe Streichermusik, die das letzte Quäntchen Pathos bemüht, wenn es nicht schon durch die kitschigen Dialoge entstünde.
Anstatt auf dumpfe Streicher zu setzen oder die musikalische Untermalung einfach mal auszulassen, unterstützt der Score hier den Eindruck einer Hollywoodsoap, der nur durch die Unglaubwürdigkeit der Figuren übertroffen wird.
Cage und Pena agieren im Rahmen ihrer zwangsläufig eingegrenzten Möglichkeiten ordentlich, auch wenn Cage vor dem Verschütten wie ein John McLane im Nakatomi-Hochhaus dreinschaut.
Nur das Hoffen und Bangen der Ehefrauen will nicht so recht überzeugen, da Maria Bello und Maggie Gyllenhaal nicht über das erwähnte Soap-Niveau hinaus kommen.
Zudem stoppen ihre Auftritte jedes Mal aufkommende Spannung, was durch ein paar Flashbacks in traute Momente von Zweisamkeit noch verschlimmert wird.
Irgendwann vergisst man schon fast, dass es sich um die Katastrophe vom 11. September handelt, nur vereinzelte Nachrichtenbilder erinnern an den Kontext.

Und über allem schwebt ein unglaublicher Patriotismus in Form des Marines Dave Karnes, der die Verschütteten aufspürt: „Wir sind Marines, ihr seid unsere Mission“.
Der Mann fühlt sich berufen, das ehrt ihn, aber muss das einmal mehr unter dem Zeichen eines Kreuzes geschehen?
Aber es kommt noch schlimmer, denn den Verschütteten erscheint zweimal eine Jesusfigur im gleißenden Licht und stärkt dadurch ihren Überlebenswillen.
Nichts gegen den Glauben, aber so graphisch wie in einem 50er-Jahre-Bibel-Epos musste es ja nun nicht sein.

Doch Stone wollte es offenbar allen Recht machen. Seinen Landsleuten, den Opfern des Anschlags, den Hinterbliebenen und dem Zuschauer, der ein Katastrophenszenario mit wahrem Hintergrund erwartete.
Herausgekommen ist von allem etwas, aber nichts, was in irgendeiner Form fesselt oder gar zu Tränen rührt, was im Kontext dieser ungeheuren Tragödie vom 11. September fast unmöglich erscheint.
Die Schicksale berühren kaum und ich bin geneigt, diesen Film als schlicht langweilig zu bezeichnen.
Die Nähe zu den Opfern, dem tragischen Ereignis als solches, verschwindet im Verlauf der Handlung immer mehr und ich kann kaum glauben, dass Oliver Stone so daneben gegriffen hat.

Nur rein handwerklich hat er ein sensibles Händchen bewiesen, er geht nicht auf Schauwerte aus, bindet ein paar Ansichten der getroffenen Türme nur kurz mit ein, um etwas später in einer Vogelperspektive das Gesamtausmaß zu präsentieren.
Nur in diesen Momenten wird er den Ereignissen der Katastrophe gerecht.
Der Rest ist eine einzige Enttäuschung aus Kitsch, Pathos, Patriotismus und belangloser Erzählweise.

So mag die bittere Erkenntnis am Ende doch sein, dass man diese prägenden Ereignisse nicht angemessen verfilmen kann.
Oder man setzt auf einen sachlichen Doku-Charakter und ruft die jeweiligen Erinnerungen des Zuschauers hervor.
Aber scheinbar hat Oliver Stone hierfür kein Gespür.
3 von 10

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