Es existieren mindestens so viele Wege, den 11. September 2001 filmisch aufzuarbeiten, wie es Perspektiven auf das Ereignis gibt. Zwei Perspektiven wurden bisher im größeren Rahmen ausgewählt. Die eine, die von Paul Greengrass, verfolgte den "Flight 93" in einer chronologischen Studie, einen Flug, der gar nicht erst das von den Terroristen angepeilte Ziel erreichte, sondern sinnlos auf einem Feld abstürzte. Die andere Perspektive, die von Oliver Stone, der wegen der politischen Brisanz vieler seiner Werke gefürchtet und verehrt wird, gesellt sich zu den Feuerwehrmännern und Polizisten, die in den Trümmern des World Trade Centers dabei halfen, das Gebäude zu evakuieren und dabei zum Teil selbst begraben wurden.
Die Frage ist: Von all den Perspektiven, die den Regisseuren zur Auswahl standen, weshalb wurden ausgerechnet diese beiden gewählt? Der Unterschied zwischen “Flug 93" und “World Trade Center” liegt darin: Bei Greengrass kann man die Frage plausibel beantworten. Bei Stone nicht.
"World Trade Center" zeigt eine vollkommen beliebige Sicht auf das Geschehen, die seiner politischen und gesellschaftlichen Brisanz nicht einmal im Ansatz gerecht wird. Was da in zwei Stunden passiert, ist nichts als ein typischer Katastrophen-Vertreter aus den Archiven Hollywoods. Einfachste Mechanik des Drama-Kinos soll Empathie erzeugen, was bedingt durch die Aktualität der Ereignisse insbesondere im Heimatland Amerika auch ohne Probleme gelingen sollte. Doch es stellt sich die Frage, wozu man zeigen muss, wie die heldenhaften Menschen von New York sich opfern, um Überlebende zu bergen. Warum wird das gezeigt, was jeder Amerikaner ohnehin in seinem Herzen trägt?
Ob so gewollt oder nicht, der Effekt ist der: Die gebündelte Trauer, der Hass und die Wut werden nur noch weiter gebündelt, der Fokus ist eingerichtet auf eine Szene mit zwei verschütteten Freiwilligen, auf eine untragbare, auf Fassungslosigkeit beruhende Katastrophe. Stone vermag es nicht, den Blick des Publikums zu weiten und dessen Geist zu befreien, wie Greengrass es noch konnte. Er bietet eine Einbahnstraße auf, die keine andere Richtung kennt als diejenige geradeaus. Natürlich wird man sie als emotional Beteiligter - und wer ist das nicht - nicht als Einbahnstraße interpretieren, da man schließlich gefüttert wird, man wird bestätigt mit konkreten Bildern zu Szenarien, die man sich im Kopf sowieso schon längst ausgemalt hatte. Amerika schaut auf die verschütteten Menschen und die einzig mögliche Reaktion darauf kann nur kollektiv sein. Kollektives Trauern, kollektive Wut, kollektives Unverständnis für das Böse in der Welt. Der individuelle Verarbeitungsprozess eines jeden Einzelnen muss außen vor bleiben. Da ist ein Strahl der Emotionen, und er konzentriert sich auf einen einzelnen Punkt. Mit seiner Urgewalt brennt er diesen Punkt erbarmungslos nieder, ist dabei aber umrandet von einem riesigen blinden Fleck, denn die für die Weitsicht so bedeutsame Peripherie, die liegt außerhalb des Fokus.
Das ist nicht einfach nur schade, oder in Anbetracht der Tatsache, dass ausgerechnet Oliver Stone sich derart den Ritualen des öffentlichen Amerika unterwirft, auch nicht einfach nur enttäuschend für ein Werk desjenigen Mannes, der immerhin Filme wie "Platoon" und "Natural Born Killers" erschaffen hat - es kann sogar gefährlich sein. Gefährlich insofern, als dass Oliver Stone den einzig wahren Fehler macht, den man bei der kurzen zeitlichen Distanz zum Geschehen machen kann: Er verlässt sich auf die rohe Funktionalität eines Genrefilmes. Emotionen werden gekitzelt und eine intuitive Abwehr gegen die unaussprechlichen Gräuel des Lebens gefordert. Nicht einmal unbedingt der Hass gegen die Terroristen, deren Taten der Regisseur immerhin kaum zeigt. Es sind die Konsequenzen der Tat, die im Vordergrund stehen, relativ losgelöst von den Verursachern. Aus dem Blickwinkel des Affekts, in dem gar nicht die Tragweite der Katastrophe realisiert wird. Zumindest dies kann man dem Film zugute halten, was seine ersten Minuten im Übrigen zu seinen stärksten macht. An dem Umstand, dass hier ein Film gewordener Tunnelblick erschaffen wurde, ändert das allerdings rein gar nichts.
Doch darüber hinaus wäre "World Trade Center" selbst mit einem fiktionalen Hintergrund nur ein durchschnittlicher Vertreter seiner Gattung, der sich mit kitschigen Jesuserscheinungen und einem allzu undramatischen narrativen Aufbau Chancen auf höhere Wertungen verbaut hätte. In diesem Fall darf man beinahe froh über die technische Mittelmäßigkeit sein, denn der zweifelhafte ideologische Ansatz wird damit deutlich abgeschwächt.
Die schwache Eignung als Katastrophenfilm per se nimmt dem Stoff somit sein Zündpotenzial, ärgerlich bleibt das Resultat aber dennoch. Ob die Radikalität, die Oliver Stone sonst zu eigen ist und auf die er hier verzichtete, seinem Werk einen Sinn eingeflößt hätte, bleibt zweifelhaft; wenn, hätte es aber auf jeden Fall konträr zur jetzigen Ausrichtung ausfallen müssen. Tatsächlich verrät der Regisseur seine eigenen Ideale, glücklicherweise allerdings nicht mit Nachdruck, und so bleibt im Gegensatz zu Paul Greengrass’ “Flug 93" lediglich ein reaktionärer, aber relativ harmloser Versuch der Auseinandersetzung mit dem 11. September 2001, der als übereilter, emotional verklärter Schnellschuss in die Geschichte eingehen wird. Dass es fünf Jahre danach nicht zwangsläufig zu früh sein muss, sich bereits im Film mit der Tragödie zu befassen, haben Andere bewiesen; Stone spielt den Skeptikern eher in die Karten.
(3.5/10)