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Der demographische Wandel scheint unaufhaltsam seinen Lauf zu nehmen. Immer mehr alte Menschen stehen immer weniger jungen Menschen gegenüber. Die Ein-Kind-Politik Chinas scheint sich – zumindest statistisch gesehen – auf den gesamten Erdenball auszuweiten. Doch immerhin gibt es noch Kinder. Was wäre, wenn es auf einmal überhaupt keine Kinder mehr gäbe? Die Geburtenrate auf 0,0 sinken und dort verharren würde? Nun, sicherlich würde sich der eine oder andere Hobby-Gärtner darüber freuen, dass nun endlich keine Fußbälle mehr in seinen Garten fliegen. Doch da gibt es natürlich auch die Kehrseite der Medaille, die eine solche Entwicklung mit sich bringen würde und diese Kehrseite zeigt uns Regisseur Alfonso Cuaron ("Harry Potter und der Gefangene von Askaban") mit seinen „Children of Men“ knallhart auf.

Wir schreiben das Jahr 2027. Seit 18 Jahren ist kein Kind mehr auf die Welt gekommen, seit jenem Zeitpunkt ist die gesamte Menschheit unfruchtbar. Terror und Anarchie stehen auf der Tagesordnung, die Zivilisation, wie wir sie heute kennen, ist nahezu auf der gesamten Welt in sich zusammengebrochen wie ein Kartenhaus. Nur noch Großbritannien scheint durch Anwendung totalitärer Staatsgewalt das Leben seiner Bürger in einigermaßen geregelten Bahnen zu halten. In Bahnen, in denen die Gewalt nichtsdestotrotz Bestandteil des alltäglichen Lebens geworden ist.

Als Motor für die Geschichte dient schließlich eine junge, illegale Einwandererin. Sie ist die erste Schwangere seit 18 Jahren… „Beauftragt“ von seiner Exfrau Julian (Julianne Moore) soll der Regierungsangestellte Theodore (Clive Owen) nun dafür sorgen, dass die schwangere Frau sicher an die Küste zu einer Gruppe von Wissenschaftlern gelangt, denn sie könnte die letzte Hoffnung auf das Überleben der Menschheit sein. Doch auf dem Weg dorthin blickt Theodore immer weiter dahinter, dass die Frau und ihr ungeborenes Kind nur als Spielball für die Machtspiele zwischen Julians Untergrundorganisation und der Regierung herhalten soll…

Die Zukunftsvision, die Alfonso Cuaron basierend auf dem gleichnamigen Roman von Phyllis Dorothy James hier präsentiert, ist düster, dreckig und dabei beängstigend realistisch. Sicherlich ist es fragwürdig, ob tatsächlich eines Tages die gesamte Menschheit unfruchtbar werden könnte und die Hintergründe, die diesen Umstand mit sich gebracht haben, werden im Film auch nicht wirklich durchleuchtet. Aber das ist auch gar nicht notwendig, um beim Zuschauer das bedrückende Gefühl zu produzieren, dass das alles tatsächlich einmal passieren könnte. Wie es für das Wesen einer Dystopie üblich ist, wollte P.D. James mit seinem Roman „Children of Men“ bereits im Jahre 1992 auf bereits existente Missstände aufmerksam machen, Missstände, die auch im Jahre 2006 noch bestehen und deren mögliche Auswirkungen uns nun in überdramatisierter Science-Fiction-Form auf der Leinwand präsentiert werden.

Wie sehr sich doch die Welt verändern kann, wenn die größte Freude und Hoffnung der Menschen, die Kinder, einmal nicht mehr zu sehen und zu hören sind… Die Hoffnung sinkt, der Sinn des Lebens wird mehr hinterfragt denn je, Zukunftsängste und Selbstmord(gedanken) werden zum gesellschaftlichen Massengut. Der Zuschauer wird von Cuaron mitten in diese Hoffnungslosigkeit gestoßen, hat keinerlei Chance, sich dem beklemmenden Gefühl zu entreißen. Mit der Handkamera, teilweise in Einstellungen, in denen minutenlang kein Schnitt erfolgt, inszeniert er das Chaos und die Anarchie nicht, nein, er dokumentiert und bringt das alles dem Zuschauer noch viel näher als es ohnehin schon ist und als es dem Zuschauer wohl lieb ist. Man bekommt am eigenen Leib zu spüren, wie die Gewalt und das Chaos Einzug in die Normalität dieser Gesellschaft gehalten haben; erlebt, wie Theodore zu Beginn in einem Coffee Shop seinen morgendlichen Kaffee kauft, um im nächsten Moment nach Verlassen des Coffee Shops zu sehen, wie dieser explodiert. Selbst Panzerbombardements auf Wohnhäuser werden als Nebensächlichkeit dargestellt; ja, Terror und Gewalt blicken mit ihren hässlichen Fratzen permanent von der Leinwand herab. Ein Umstand, der verstörend, aber niemals unrealistisch wirkt, denn das alles ist viel zu nahe an der Realität, die uns tagtäglich in den Nachrichtenmeldungen aus dem Nahen Osten und aus anderen Kriegs- und Krisengebieten ereilt.

Dystopie in ihrer reinsten Form! „Children of Men“ ist für Freunde der düsteren Zukunftsvisionen endlich wieder ein Lichtblick, denn nach eher auf Hochglanz getrimmten Vertretern wie „Die Insel“ oder „Gattaca“ besticht Cuarons Film dadurch, dass er durch seine düstere Grundstimmung, die er bis zum Ende konsequent durchhält, dazu in der Lage ist, seinem Publikum ein flaues Gefühl im Magen zu bescheren. Und alleine dadurch wird "Children of Men" schon zu einem einzigartigen Kinoerlebnis. Die ganze hier dargestellte und besprochene Hoffnungslosigkeit kann nur durch meine Hoffnung durchbrochen werden, dass Alfonso Cuaron uns auch in Zukunft solche Glanzstücke präsentieren wird. Nicht nur aufgrund der eindrucksvollen Erscheinungsform, sondern auch durch seinen starken Cast (mit einem wieder einmal über jeden Zweifel erhabenen Sir Michael Caine) gebührt „Children of Men“ auf jeden Fall die Ehre, als das bisherige Highlight des Kinojahres 2006 bezeichnet zu werden! 9,5/10

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