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Die Science-Fiction-Utopie schlug in der Presse ein wie eine Bombe, wurde auf diversen Festivals abgefeiert und von sämtlichen Kritikern in den Himmel gehoben. Beste Voraussetzungen also für einen hochklassigen Kino-Abend mit CHILDREN OF MEN.

Im Jahr 2027 gibt es keine Kinder mehr - Die jüngste Person auf Erden ist schon 18 Jahre alt. Wie durch ein Wunder erfährt Theodor durch seine Ex-Frau, die mittlerweile für eine Untergrund-Organisation arbeitet, von einer Schwangerschaft. Die junge Mutter, die vielleicht das Schicksal der gesamten Menschheit in ihrem Leibe trägt, soll schnellstmöglich zu einer wissenschaftlichen Hilfs-Organisation an der Küste gebracht werden...

Soviel zu der relativ einfachen Story. Während der nächsten 108 Minuten begleiten wir die kleine Gruppe an Widerstandskämpfern von Stützpunkt zu Stützpunkt durch ein organisiertes Netz von Helfern. Dass dabei weder die Frage nach den Hintergründen der Unfruchtbarkeit noch die wundersame Schwangerschaft oder gar das Wirken der mysteriösen „Human Project"-Organisation näher hinterfragt werden ist eine der wenigen Schwächen der ansonsten brillanten Romanverfilmung von P. D. James' Bestseller. Ansonsten bietet CHILDREN OF MEN eine spektakuläre Gratwanderung zwischen knallhartem Kriegs-Drama und berührendem Gefühlskino, in dem Regisseur Alfonso Cuaròn durch seine intensive Darstellung der Ereignisse neue Pfade beschreitet. Weil er vollständig auf moderne Kameratechniken verzichtet und lediglich die Handkamera einsetzt, bekommt die bedrückende Endzeit-Stimmung eine ungewohnte Realitätsnähe.
Wer dachte, dass Steven Spielberg's Landung in der Normandie an Realismus betreffend Kriegs-Szenarien nicht zu überbieten wäre, sieht sich nun eines besseren belehrt - Auf Schritt und Tritt verfolgt die nie ruhende Kamera die Aktionen von Clive Owen mitten im Häuserkampf zwischen der Föderation und den aufständischen Fugees: Einschüsse links und rechts, brutale Mörser-Attacken ohne Rücksicht auf Verluste - Der Regisseur lässt voll draufhalten und zeigt die grausame Brutalität des Krieges, Angst und Verzweiflung mit Bildern, wie man sie im Kino noch nie zuvor gesehen hat. Immigranten werden in Flüchtlingslagern gesteckt und vom „Alltagsleben" abgeschottet - Hunderte, ja Tausende unschuldiger Opfer, auf der Flucht ins Nirgendwo!

Die beeindruckende Atmosphäre einer zerstörten Welt, in der Hoffnungslosigkeit und Kriminalität herrschen, wird mit phantastischen Bildern geschürt und von einem melancholischen Soundtrack begleitet. Tod und Verderben soweit das Auge reicht - überall Schutt und Asche, Menschen- und Tierkadaver; diese Zukunftsvision sieht alles andere als rosig aus... und dennoch hat der Film kurze erheiternde Momente voller Ironie, die aber nie ins Alberne driften.
Auf darstellerischer Ebene sind Ausfälle ebenfalls nicht zu verzeichnen: Clive Owen wartet mit einer beachtlichen Leistung auf - Er stellt die tragische Figur des anfänglich vollkommen gleichgültigen Theo, der durch den Verlauf der Ereignisse zu einem fanatischen Schutzengel für die Hochschwangere Kee wandelt, jederzeit nachvollziehbar dar. Aber auch die andere Hollywood-Prominenz an seiner Seite braucht sich nicht zu verstecken, besonders Michael Caine als zynischer Alt-Hippie ragt dabei hervor.

Alles in allem liefert „HARRY POTTER"-Regisseur Alfonso Cuaròn mit seiner Endzeit-Utopie ein berauschendes Kino-Highlight ab, das mich in seiner Darstellung ein ums andere Mal an Terry Gilliam's Klassiker „TWELVE MONKEYS" erinnert hat.
Wenn ein schreiendes Baby inmitten einer radikalen und blutigen Auseinandersetzung von einer Minute zur Nächsten zu einem ergreifenden Waffenstillstand führt, dann werden wir Zeuge eines der ganz großen Kino-Momente der letzten Jahre!

( 9 / 10 )

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