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Science Fiction Filme hatten es jüngst schwer sich im Kino zu behaupten und wenn dann auch nur mit großem Effektgetöse. Die klassischen Stoffe, die unserer Gesellschaft den Spiegel vorhalten sollen, sind sehr rar geworden. Umso erfreulicher ist es das mit Children of Men endlich wieder eine packende und zugleich erschütternde Zukunftsvision den Weg auf die Leinwand schafft.

Children of Men gewährt einen Blick in eine mögliche Zukunft, in der keine Kinder mehr geboren werden. Die Menschen haben nur noch wenig Spaß am Leben da ein wirkliches Ziel fehlt auf das sie hinarbeiten können. Dass Ende jeglichen Lebens auf der Erde ist in greifbare Nähe gerückt und trotzdem kontrollieren Krieg und Terror den Alltag.
Abgeschirmt vom Rest der Welt fristen die Menschen in England ihr Dasein, während die Nationen außerhalb sich im sinnlosen Blutvergießen gegenseitig ausräuchern. Diejenigen die den Weg aufs sichere britische Festland schaffen, werden in Lager abgeschoben und fristen ein menschenunwürdiges Leben.
Es ist eine furchtbare Welt die wir hier erblicken müssen und doch gar nicht so fremd. An der Seite von Theo, ein ehemaliger Aktivist der desillusioniert von einem Tag in den nächsten lebt, werden wir in eine traumatisierte Zivilisation geführt. Schon eine der ersten Szenen sitzt tief, ein Bombenanschlag verfehlt Theo nur knapp und rüttelt gleich ordentlich wach. Theo ist noch benommen von diesem Schock, als ihn Häscher in ein Auto zerren und verschleppen. Als er wieder Tageslicht erblickt sitzt ihm seine Exfrau Julian (Julianne Moore) gegenüber und bietet Geld wenn er Ausreisepapiere beschaffen kann. Er soll ein junges Mädchen namens Kee über die Grenze befördern, doch der Versuch scheitert tragisch als Julianne von Aufständigen niedergeschossen wird. Erst jetzt erfährt Theo worum es geht: Kee ist kein gewöhnlicher Flüchtling, sie trägt ein ungeborenes Kind in ihrem Leib und ist damit die erste werdende Mutter seit 18 Jahren…

Endzeitstimmung soweit das Auge reicht, doch Children of Men will kein unrealistisches Weltuntergangsszenario sein. Im Gegenteil, dieser nahezu postapokalyptische Alptraum nimmt sehr oft Bezug auf unsere Gegenwart und die Zeit in der wir Leben. Beispiele gibt es genug, manche offensichtlich manche weniger. In kurzen Nachrichtenblocks wird immer wieder gezeigt wie es zum gesellschaftlichen Exodus und zum Zerfall aller Wertesysteme kommen konnte. Religiöser Fanatismus, Terrorismus und Rassismus – alles Probleme unserer Zeit.
Doch auch im vermeintlich sicheren England ist leben dem bloßen existieren gewichen. Ohne Glück und Ziele im Leben sind menschliche Gefühle abgestorben. Das zeigt sich besonders deutlich an zahlreichen religiösen Gruppierungen die Menschen scharenweise um sich versammeln oder militante Splittergruppen die gegen die allmächtige Staatsmacht aufbegehren. Parallelen zur europäischen Außenpolitik lassen sich auch im Umgang mit Flüchtlingen ziehen, welche aus Furcht ums Nackte Überleben in Auffanglagern zusammengepfercht werden. Der Vergleich zu Konzentrationslagern wäre aber wohl passender, denn brutale Militärgewalt und Staatsterror sind dort an der Tagesordnung.

Im Mittelpunkt der Handlung steht aber die plötzliche Kinderlosigkeit einer ganzen Gesellschaft. Wie sich dies auf das Sozialleben und die menschliche Gefühlswelt auswirkt ist geradezu erschreckend aber auch nachvollziehbar. Was will ich noch mit meinem Leben wenn ich mein Wissen nicht weitergeben kann, wenn mit jedem Tag der Untergang der Zivilisation näher rückt und es keine Kinder mehr gibt an denen man sich erfreuen kann? Einen Ausweg oder eine Deus Ex Machina die auf wundersame Weise alles zum Guten wendet bietet der Film nicht, genauso wenig wie die Ursachen erklärt werden.
Ist es gefährliche Gammastrahlung der Sonne, ein radioaktiver Unfall oder einfach nur ein genetischer Defekt? Hier ist vielleicht der einzige Kritikpunkt den ich anmerken möchte, denn als Zuschauer bleibt man doch etwas allein mit seinen Interpretationen. Dass hat aber auch etwas gutes, denn es bietet sich umso mehr Stoff der zum Nachdenken anregt – und das ist ja immerhin schon mal was.

Es ist lange her dass man ein solch runtergekommenes Zukunftsbild sehen durfte, kein Vergleich zu den sonst üblichen Glitzerwelten. Das Bild der Städte ist trist und farblos, wie auch die Farbgebung des ganzen Films. Regisseur Alfonso Cuaron gibt sich alle Mühe das fiktive England so authentisch und realistisch wie möglich zu gestalten und das mit Erfolg. Das Tempo des Films beginnt sehr ruhig und konzentriert sich vornehmlich auf seine Figuren. Das ist auch gut so, denn Children of Men funktioniert deshalb weil die Darsteller gut zusammenwirken. Allen voran Clive Owen, der nicht nur als ausgebrannter Ex-Aktivist sondern auch als fürsorglicher Begleiter der schwangeren Kee eine beachtliche Performance abgibt.
Obendrein ist der Film durchaus spannend erzählt und nie sicher ob die beteiligten Personen alle an ihr Ziel kommen. Immer wieder gibt es überraschende Wendungen und Figuren die nicht das sind was sie vorgeben zu sein. Dadurch wird die Flucht zu einer wahren Odyssey, die gegen Ende die Schrecken des Krieges deutlich vor Augen führt. Der Ausflug ins Flüchtlingslager ist ein echter Alptraum, der durch seine sehr realistische und schonungslose Gewaltdarstellung sehr bedrückend vermittelt wird.
Wie richtiger Krieg aussieht zeigt die längere Belagerungsszene eines Ghetto-Wohnhauses. Wirklich herausragend ist dabei die Kameraarbeit, die hier für längere Zeit ohne einen einzigen Schnitt auskommt. Man fühlt dank des ausgefallenen Handkameralooks sich als Zuschauer direkt ins Geschehen versetzt. Hier standen wohl die Embedded Journalists Pate, deren Berichterstattung und Kameraführung in dieser Szene sehr gut nachempfunden wurde.

Fazit:
So kritisch zeigte sich schon lange kein Science Fiction Film mehr und steht damit in bester Gesellschaft bekannter Klassiker wie Soylent Green, 1984 und Der Omega Mann. Anspruchsvolle Kost, die zum nachdenken anregt und durch sein schockierendes Zukunftsszenario ansprechend umgesetzt wurde.

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