„Report any suspicious activity“
Wem denn, wenn ich niemanden mehr trauen kann, außer mir selbst?
Die Vorstellung von „Children of Men“ ist düster, doch allzu weit entfernt ist sie nicht.
Denn das zermürbende Szenario, das sich dem Betrachter hier bietet, ist nur eine Addition, eine Fortführung dessen, was wir täglich in der Zeitung lesen oder im TV mit mittlerweile resignierendem Kopfschütteln entgegen nehmen.
Globaler Terror, Chaos und Isolation des Individuums. Das blühende Leben weicht im Jahre 2027 einer Welt am Abgrund, denn vor 18 Jahren wurde weltweit der letzte Mensch geboren, seither fehlt der Menschheit jegliche Existenzgrundlage.
Warum Frauen keine Kinder mehr gebären können, was kurz zuvor durch immer mehr Fehlgeburten eingeleitet wurde, bleibt unklar, wird vagen Andeutungen und der Fantasie des Zuschauers überlassen. Ebenso die Antwort auf die Frage, warum die illegale Einwanderin Kee im 8. Monat schwanger ist, was in diesem Zusammenhang wie ein biblisches Wunder anmutet.
So wird der ehemalige Aktivist Theo (Clive Owen) von seiner Ex (Julianne Moore) kontaktiert, um ihr bei der risikoreichen Flucht mit Transitpapieren auszuhelfen, um zu der rettenden Untergrundorganisation „Human Project“ zu gelangen.
Doch die Aktion läuft aus dem Ruder und gerät für Theo und die hochschwangere Kee zu einer lebensgefährlichen Odyssee. Denn wer Freund oder Feind, Verbündeter oder Gegner ist, erschließt sich den Flüchtigen oftmals viel zu spät.
Selten zuvor hat man ein Kinderlachen so schmerzlich vermisst wie hier und niemals zuvor hat eine Frau mit einem Frischgeborenen auf dem Arm für so starke Emotionen gesorgt.
Regisseur Cuaron zeichnet sein Zukunftsbild so trist und deprimierend, dass sich der Zuschauer an jede vage Hoffnung klammert, die ihm in Ansätzen geboten wird. Da wirkt eine karge Waldkulisse wie eine Erlösung, um für einen Moment aus dem Schmutz und Abfall Londons herauszukommen.
Da ist der alte Jasper (Michael Caine), der fröhlich Gras konsumiert und konsumieren lässt, wie ein kleiner Hoffnungsschimmer unserer alten Welt.
Denn es wird eine Welt des allgegenwärtigen Terrors gezeichnet, in der illegale Flüchtlinge wie in einem Konzentrationslager behandelt werden, das Militär unkontrolliert handelt und ihrer aggressiven Willkür freien Lauf lässt, aber auch die rebellierenden Untergrundorganisationen schrecken vor Mord nicht zurück.
Innerhalb dieses Endzeitszenarios erkämpft sich unser „Held“ Theo seinen Weg, auch wenn er desillusioniert erscheint und seit dem Tod des eigenen Sohnes nur noch dahinvegetiert, - die Aussicht auf neues Leben verleiht der vagen Hoffnung Motivation zum Handeln, auch in lebensgefährlichen Situationen.
Eindringlich und beklemmend entwirft Cuaron diesen nahezu hoffnungslosen Ausblick, gestaltet die Schauplätze karg und hüllt sie in blasse Blaufilter, lässt die Kamera aus der Distanz menschenleere, mit Abfall übersäte Straßen einfangen, um gegen Ende wie bei einer live Kriegsberichterstattung fast ohne Schnitt auszukommen, die Blutspritzer von Erschossenen bleiben auf der Linse haften, während sich Todes - und Hilfeschreie der Beteiligten von rechts und links in die Ohren der Zuschauer bohren.
Die Steigerung des chaotischen Zustandes erfolgt gemächlich und zu Beginn fast ein wenig gehaltlos, die geheime Unterkunft der Aktivisten auf einer Farm gerät fast zur Belanglosigkeit, da man erst hier erfährt, warum die Flucht von Kee so bedeutend ist.
Von da an jedoch herrschen Tempo und Spannung vor, denn von nun an wird dem Zuschauer ein triftiger Grund zum Mitfiebern geliefert, der im Finale für ungeheuer emotionale Momente sorgt.
Neben der ultradichten Atmosphäre und der schier unausweichlichen Authentizität des Sujets kann der klassisch angelegte Score von John Tavener eine Menge Emotionalität untermauern.
Zudem erklingen ein paar gut gewählte Songs, wie „Ruby Tuesday“, zu dessen Klängen Michael Caine eine stille, aber sehr liebenswerte Szene hat.
Überhaupt, Caine ist hier als einer von vielen überzeugenden Darstellern eine Wucht als sympathischer alter Zausel, aber auch Owen verleiht der Hauptfigur eine Menge Charisma und vermittelt seiner Figur die notwendige Balance zwischen Depressivität und kämpferischer Energie, die nie überzogen heldenhaft dargestellt wird, sondern so nachvollziehbar, wie wir selbst in dieser Situation bestenfalls agieren würden.
Doch das beklemmende Gefühl bleibt eine Weile bestehen, zu intensiv bleiben Bilder einer verlassene Schule hängen, gespenstische Momente eines einsamen Ruderbootes im Nebel, - so undurchsichtig wie sein Schicksal, und am Ende, das Rettungsschiff mit dem Namen „Tomorrow“.
Vielleicht wird morgen irgendetwas verbessert, aber es bleibt die schier erdrückende Vorstellung, dass die gezeigte Zukunft wirklich nicht allzu weit entfernt ist.
Eine Flucht mit dem Kostbarsten, was der Menschheit bleibt.
Eine der sehenswertesten und anspruchsvollsten Zukunftsvisionen der letzten Jahre,
8,5 von 10