Ein Film, der bei Kritikern durch die Bank durch gut abschneidet, ist meistens ein Film, der mir nicht gefällt. Ich bin eigentlich mehr der Fast Food-Konsument in dieser Hinsicht, bzw. ein kleiner Romantiker, dem Kitsch auch ganz gut abgeht. Das letzte negative Beispiel in dieser Hinsicht war "Lord of War" und mittlerweile fällt es mir schwer, von allen Seiten gelobte Filme zu schauen, da ich keine Revolution in der Branche erwarte, sondern einfach nur gut unterhalten/ emotional berührt werden will. Trotzdem schau ich mir meistens die Streifen (mit Zähne knirschen) an, um danach zu sagen :"Toll, mal was neues, aber irgendwie war der trotzdem scheiße!"
Bei "Children of Men" ist dies nicht der Fall, gestern abend war mal wieder ein göttlicher DVD-Abend, der mich die ganze Zeit auf der Nachtschicht beschäfttigte.
Zur Geschichte:
Die Erde im Jahr 2027: Seit 18 Jahren sind aus ungeklärten Gründen alle Frauen dieser Welt unfruchtbar. Dies führte mit den Jahren zu Chaos, der ganze Erdball ist nichts mehr wert und gleicht Schutt und Asche. Lediglich Großbritannien gelingt es noch, dank einem totalen Militär-Staat, zivile Grundzüge für die Menschen aufrecht zu erhalten. Am meisten hat das Militär jedoch mit den Emigranten zu tun, die scheinbar von dem "geregelten Leben" ohne Krieg magisch angezogen werden.
Mittendrin in Großbritannien lebt Theo Faron (Clive Owen), der früher gegen den Militärstaat mit seiner Ex-Frau (Julianne Moore) in einer kriminellen Organisation protestierte. Jahre sind vergangen, Faron hat sich dem System gefügt und sogar einen guten Job ergattert. Jedoch holt ihn die Vergangenheit ein - seine Frau lässt Faron kidnappen und präsentiert ihm eine schwangere Emigrantin (ein Wunder?), die natürlich nicht in die Hände der Royals fallen soll.
Er soll sie an die Küste zu der Organisation „Human Project“ begleiten, da sie die letzte Hoffnung für die Menschheit bedeuten könnte...
Natürlich ist die Unfruchtbarkeit aller Frauen als Auslöser für den Zustand der Erde absoluter Humbug. Es gibt auch keine Erklärung dafür, wie es zu diesen Umständen kam, aber beides braucht der Zuschauer nicht hinterherzufragen. Diese Zukunftsvision ist so erschreckend realistisch geraten und schon heute verdammt nah an der (unausweichlichen) Zukunft des Macht-Lebewesens Mensch dran, dass dieser Zustand genauso gut durch andere Ursachen zu Stande kommen könnte.
Die Menschheit vegetiert vor sich hin, Anarchie, Depressionen und Lethargie stehen an der Tagesordnung, einzig und alleine "Hoffnung" ist der verbliebene Antrieb des Menschen sich nicht selbst zu vernichten.
Die erste Viertelstunde beginnt gemächlich. Zwar ist die negative Grundstimmung schon vorhanden, jedoch versteift sich Regisseur Alfonso Cuaron zuerst ganz allein auf die zivilisierte Welt.
Ich hab mich anfangs desöfteren ertappt, wie ich ohne Bindung zum Film nach technischem Zukunfts-SchnickSchnack Ausschau hielt, wie es in ähnlichen Filmen üblich ist, den optischen Schwerpunkt dieser Kerbe zu widmen. Mit zunehmender Spielzeit wird die Intensität der Bilder stärker (manche Aufnahmen sprechen Bände, ohne dass der Film auf diese groß eingehen muss). Und das ganze ohne Action-Feuerwerk a la Bruckheimer abzufeuern. Es geht in erster Linie um das menschliche Verhalten (bzw. an das mögliche menschliche Verhalten) in verschiedenen Situationen, und zeigt immer, wie skrupellos und eiskalt man agieren kann. Ein Leben ist einfach nichts mehr wert. Die verstoßenen Einwanderer ( hier im Film "Fugees" genannt) werden in Käfige gesperrt - im weiteren Filmverlauf vorhandene (Massen-) Exekutionen stellen Parallelen zu der Judenvernichtung im 2. Weltkrieg dar.
Jeder Einwohner, egal aus was für einer Schicht er kommt, ist sich selbst am nächsten ; ist nicht das, was er zu sein scheint. Moralische Grundwerte scheinen in dieser Welt ausgestorben zu sein.
Der stumme Zuschauer begleitet Clive Owen auf eine Odyssey, die nicht nach Schema F verläuft. Man weiß nie genau, wo man dran ist, was als nächstes passiert. Und wenn man sich mal auf einer Seite ganz sicher fühlt, kommt alles anders und noch viel schlimmer als man es erwartet hat.
Eine sich anbahnende Romanze wird abrupt im Keim erstickt. Sämtliche sympathischen Charaktere (die beispielsweise "etwas" Lebenslust, Anstand und ein "Wir"-Gefühl besitzen) oder Begleiter von Faron sind, ereilt ein grausames Schicksal. Faron verliert praktisch alles - das wenige, was ihn noch am Leben gehalten hat. Doch mit der schwangeren Frau hat er ein Ziel gefunden, das tief schlummernde Energie freisetzt und er dafür sogar sterben würde.
Der Zuschauer leidet mit Faron mit - dementsprechend wird man auch durch die ganzen persönlichen Schicksalschläge runtergezogen - Spätestens nach Filmhälfte 1 hat man die "Hoffnung" auf ein gutes Ende aufgegeben (ich habe schon auf eine Totgeburt oder ein Krebs-Geschwulst getippt). Schön, dass der Regisseur das Ende offen lässt. Ja, es wirkt beinahe schon positiv nach all dem menschlichen Morast, den man über 100 Minuten ertragen musste.
Besonders erwähnenswert sind zwei Szenen, die minutenlang ohne Schnitt auskommen. Ich muss ganz ehrlich sein und diese Szenen als atemberaubend einstufen. Nicht,dass sie Kammerspielchen-Dialoge darstellen - nein, Fluchten und Verfolgungen sollen es sein. In dieser Hinsicht wird "Children of Men" sicherlich neue Refferenzen darstellen. Ich hätte nicht gedacht, dass so eine pefekte Choreographie überhaupt möglich wäre.
Wenn es etwas zu bemängeln gäbe, wäre das der Sondtrack. Manche Songs wirken deplaziert und die orchestrale Begleitmusik ist etwas spärlich ausgefallen. Dies stellt jedoch nur einen Tropfen auf einen ganz heißen Stein dar.
"Children of Men" ist der beste Science Fiction-Beitrag der letzten Jahre. Ein harter und schockierender Beitrag zur Psychoanalyse des Individuums "Mensch". Wir sind näher an dieser Ehrlichkeit dran, als uns lieb ist. Genau der richtige Beitrag für die heutige Spaß-Gesellschaft. Doch diese werden den Film mit "Yo! Motherfucker!" abwinken und lieber bei Mama ins Dachgeschoss Aggro Berlin hören gehen. Egal, moralische Grundwerte interessieren viele heutzutage nicht mehr. Mich schon. So ist das Leben...
10/10