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"Children of Men" ist eine düstere Zukunftsvision des Mexikaners Alfonso Cuarón ("Y tu mamá también", "Harry Potter und der Gefangene von Askaban"), die stilistisch zwischen den Dystopien der 70er Jahre, einem Schuss von "Twelve Monkeys" sowie Elementen traditioneller Kriegsfilme und Roadmovies angesiedelt ist. Soviel schon vorweg: Die Kombination des Szenarios selbst und verschiedener technischer und schauspielerischer Elemente könnte ihn zu einem der Klassiker der bisher eher armseligen Science-Fiction-Landschaft der Nullerjahre machen.
Schauplatz des Films ist das England des Jahres 2027, in dem Frauen aus ungeklärten Gründen keine Kinder mehr austragen können. Der jüngste Mensch der Erde ist immerhin schon 18 Jahre alt und wurde, wie man am Anfang gleich erfährt, bei einer Messerstecherei getötet. Die gesamte Welt wird von gewalttätigem Terrorismus heimgesucht, und das noch einigermaßen "funktionierende" England ist Ziel von Massen von Flüchtlingen. Die, wie heute schliesslich auch schon, von den Polizisten und Militärs nicht gerade freundlich behandelt werden. Doch eine der Flüchtlinge birgt einen Schatz von unsagbarem Wert: Es ist eine Schwangere im achten Monat...
Zuerst einmal: Wer denkt, angesichts des Titels verberge sich hinter diesem Film ein sentimentales Gutmenschen-Rührstück, liegt falsch. Children of Men ist voller knallharter Gewalt und in der zweiten Hälfte sehr temporeich. Sein hauptsächlicher Pluspunkt ist der extreme Realismus, die den Zuschauer zwangsweise direkt in die Handlung hereinversetzt. Dadurch wirkt die Action doppelt brutal.
Der Hauptgrund für diesen Realismus ist die exzellente Kameraarbeit, die nicht umsonst mit einer Oscar-Nominierung (warum eigentlich nur das?) bedacht wurde. Schonungslos werden gerade in den spannungsreichsten Momenten die Protagonisten von ganz aus der Nähe und vor allem mit nur seltenen Schnitten gefilmt - eine der Kamerafahrten soll 12 Minuten umfassen! Man taucht dadurch direkt in die Szenerie ein, spürt förmlich, wie einem die Kugeln um die Ohren sausen, und zeitweise sieht man Blutspritzer auf der Leinwand. Außer dem eher schweigsamen und anscheinend relativ abgebrühten Hauptprotagonisten des Films, dem unfreiwillig zum Helden mutierten Regierungsbeamten Theo, geizen die anderen Protagonisten auch nicht mit emotionalen Reaktionen auf das Blutvergießen, die dank guter schauspielerischer Leistungen durchaus glaubhaft und nie kitschig wirken. Auch dadurch wird ein ganz anderes Niveau von Brutalität erzeugt als etwa in den Macho- und Gore-Filmen der 80er und den Coolness-Epen der 90er á la Tarantino.
Der Plot ist trotz seiner Geradlinigkeit mit einigen ungeahnten Wendungen gespickt, auch wenn gegen Ende die Geschichte dann doch etwas vorhersehbarer wird. Ein Pluspunkt sind auch die humoristischen Passagen, die für wenige Minuten etwas Lockerheit in das Actiongewitter hineinbringen, etwa die Diskussionen zwischen Theo und Kee um den Namen des Babys und die Szene mit dem Fluchtauto, das einfach nicht anspringen will. Auch einige der Elemente des Zukunftsszenarios selbst regen zum Schmunzeln an, zum Beispiel die sogenannte "Zen-Musik", oder die Uralt-Motorradrikschas, die im Zentrum von London neben Hightech-Autos herumfahren, die aussehen wie Konzeptstudien der 90er Jahre. Diese Autos geben wohlgemerkt auffällig hochfrequente Motorengeräusche von sich, was auf einen niedrigen Hubraum und wohl sehr sparsame Motoren hinweist - im geschilderten Szenario dürfte Benzin schliesslich ziemlich teuer sein. Schön, das auch so etwas mal richtig durchdacht in einem Sci-Fi-Film vorkommt...
Alles in allem kann Children of Men jedoch hauptsächlich als knallharte Zukunftsvision mit Actionelementen vollkommen überzeugen. Ein paar Logikfehler gegen Ende fallen kaum ins Gewicht, da ist man schliesslich im Genre weit Schlimmeres gewohnt. Der wohl bisher realistischste Science-Fiction-Film des Jahrzehnts, und für mich auch einer der brutalsten, aber "brutal" im positiven Sinn, also emotional direkt und schonungslos auf den Zuschauer einwirkend. Auf keinen Fall also etwas für schwache Nerven, auch wenn Freunde von Ketchupblut-Orgien vielleicht enttäuscht werden könnten.
Noch eine Bemerkung zum Schluss: Einige Kritiker gaben dem Film nur mittelmäßige Noten, weil ihrer Meinung nach ein tiefer Sinn fehle - da nicht erklärt werde, warum die Menschheit steril geworden sei. Gerade diese Komponente des Unwissens gibt ihm jedoch meiner Meinung nach einen besonderen Reiz. Wenn wir wüssten, wo die Sterilität herrührt, würden wir als Zuschauer sicher auch Lösungen erwarten und dem Film somit die Chance geben, sich positiv aufzulösen. Das in "Children of Men" die Protagonisten und wohl fast die gesamte Menschheit - mit Ausnahme vielleicht des ebenfalls geheimnisumwitterten "Human Project" - jedoch gar nicht einmal ansatzweise Bescheid wissen und jeder seine eigene Meinung zu haben scheint, macht den Film um so beklemmender und nicht zuletzt auch die Sache mit dem Terrorismus stimmiger - wenn eine Ursache bekannt wäre, wäre die Lage schliesslich nicht ganz so verzweifelt. Dieses Wegbleiben von Lösungsansätzen, mit Ausnahme des minimalen Hoffnungsschimmers durch das Kind, macht einfach einen Großteil der Stimmung des Filmes aus - eine Erklärung hätter hier eher geschadet als genutzt. Weniger ist eben manchmal doch mehr...
10/10 Punkte

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