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CHILDREN OF MEN (CHILDREN OF MEN, England/USA 2006, Regie: Alfonso Cuarón)

CHILDREN OF MEN zeigt eine dystopische Welt im Jahr 2027. Seit dem Jahr 2009 sind keine Kinder mehr geboren worden, die Menschheit ist unfruchtbar und vergreist rapide. Jegliche Hoffnung scheint dahin zu sein und entsprechend formiert sich in der kollektiven Verzweiflung das Chaos. Fremdenhass bestimmt den Alltag auf den britischen Inseln! Um die eigene Bevölkerung genetisch aber auch vor schädlichen Einflüssen sauber zu halten werden illegale Einwanderer von der Regierung deportiert und abgeschoben. Im Untergrund formiert sich dagegen Wiederstand, der vor Terrorismus nicht zurückschreckt. Jedoch scheint Großbritannien global betrachtet noch ein beschauliches Örtchen mit einer Ordnungsmacht zu sein – die Welt ist längst in Terror und Verzweiflung versunken…

In dieser eindrucksvoll und glaubwürdig inszenierten Katastrophe lebt Theo Faron, gespielt von Clive Owen, eher schlecht als recht vor sich hin, betrinkt sich oder schießt sich mit dem Marihuana eines alten Freundes in eine bessere Welt. Warum er noch täglich zur Arbeit geht scheint ihm selbst nicht ganz klar zu sein. Eines Tages wird er von Handlangern seiner Exfrau entführt, die mittlerweile Führerin einer Untergrundorganisation geworden ist. Er soll ihr einen Gefallen tun. Die Ereignisse, die dadurch in Gang gesetzt werden führen Theo allerdings auf eine Odyssee durch ein Land, welches mehr und mehr vor die Hunde geht. Im Chaos kommt ihm die wichtigste Aufgabe der Menschheit zu: Hoffnung erhalten und schützen.

CHILDREN OF MEN erzählt sehr stringent eine ziemlich einfach gestrickte Geschichte (da ist dieser Typ, ein einfacher Angestellter, der dieses Mädchen zu einem Boot bringen soll und dabei langsam über sich hinaus wächst – fertig). Dies geschieht aber in einem derart eindrucksvollen, bedrückenden und glaubwürdigen Setting, dass der Film durchaus gut von seinen Bildern und den damit verknüpften Assoziationen leben kann. Vergleiche zu den Konzentrationslagern der Nazis werden häufig durch die kraftvoll verstörenden Bilder angestrebt, dass Finale scheint sogar dicht am Aufstand im Warschauer Getto orientiert zu sein. Nur dass es hier offenbar kein einseitig zuzuschreibendes gut oder böse gibt. Natürlich, die Ordnungsmächte, vertreten durch Polizei und Militär, bleiben gesichtslos, aber interessant ist auch, dass selbst in den Flüchtlings- und Revolutionsgruppen Verfeindungen aufkeimen, die durch Religionskonflikte und persönliche Interessen angefacht werden. In dieser Welt ist sich jeder selbst der Nächste und kaum einem ist zu trauen. Der Mensch ist sich hier selbst der größte Feind – die Welt, in der Seuchen und Umweltzerstörung die dominante Lebensform in ihrer Fortpflanzungs- und somit Arterhaltungsfähigkeit gehemmt haben, ist nur noch als sprichwörtlicher Tropfen zu werten, der das Fass überlaufen ließ. Die regelmäßigen Gewaltausbrüche formen in ihrer rabiat-destruktiven Konsequenz nur das Bild einer Spezies, die sich durch Brutalität definiert. Die größte menschliche Katastrophe, die globale Unfruchtbarkeit, entriss wohl nur die Maske von Moral und Anstand, von Zivilisation und Kollektivität. Hier wirft der Film regelmäßig die Frage auf, ob denn diese Menschheit die Hoffnung noch verdient hat.

CHILDREN OF MEN weiß aber auch sowohl technisch/handwerklich als auch im Cast zu überzeugen. Michael Caine als Hippie-Opa ist großartig,  denn ein Opa, der sich zur Entspannung Scream-Core reinpfeift ist schon eine Wucht. Clive Owen mimt den wortkargen Einzelgänger gewohnt authentisch und auch die übrige Besetzung ist zumindest kein Fehlgriff. Der ein oder andere Charakter bleibt zwar etwas blass (speziell die häufiger auftretenden Vertreter der Untergrundorganisation seien hierfür exemplarisch angeführt), aber deren Handlungsmotivationen sind zumindest erkenn- und nachvollziehbar. Die Handlung wird so temporeich vorangetrieben und entlädt sich actionreich in atemberaubenden Einstellungen, die teilweise als suggerierter One-Shot über mehrere Minuten schnittfrei durch riesige Sets voller Bewegung und Dramatik gleiten. Die scheinbar am Stück gedrehte Szene im Wald ist auch nach mehrmaliger Sichtung absolut atemberaubend! Ein kleines Kunstwerk, unterlegt mit monotonem Gitarrenklang. Die Sequenzen in der Stadt sind ohnehin in ihrer Intensität kaum beschreibbar. Das muss man gesehen haben! Und prinzipiell lässt sich diese Feststellung auf den gesamten Film anwenden. CHILDREN OF MEN ist ein absolut großartiger Streifen, dessen kleine Mängel den Filmgenuss nicht im Geringsten zu trüben vermögen. 8/10 Punkten

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