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Irgendwann hat alles mal angefangen und das gilt auch für die die sogenannten Grusel-Anthologien, die von den britischen Firmen Hammer und Amicus in den 60ern und 70ern für relativ wenig Geld auf den Markt gebracht wurden.
Natürlich hat das Unheimliche schon vorher seine Geburt in Episodenhandlungen erfahren, so etwa bei dem Klassiker „Das Wachsfigurenkabinett“ von 1923, doch dem britischen „Dead of Night“ kommt dabei noch eine gewisse Sonderstellung zu.

In Großbritannien waren nämlich während des zweiten Weltkrieges Gruselfilme nicht produziert worden, die Moral sollte eher anderweitig gefördert werden, die Budgets anders genutzt – so daß dieser Versuch aus dem letzten Kriegsjahr schon eine Ausnahmeproduktion darstellt.
Gedreht von vier Regisseuren ist er in der ganzen Produktionsgeschichte der Firma „Ealing“, eher verantwortlich für leichte Komödien und Dramen, sowieso schon ein Sonderfall.
Er verknüpft fünf Episoden mit einer elliptischen Rahmenhandlung, die nicht deutlich wie spätere Beispiele auf einen bösartigen Spaß der Marke Rache und Sühne hinaus läuft, sondern sich selbst genügt, während in den Geschichten ein gewisser Aufbruch zur Moderne spürbar wird. „Traum ohne Ende“ (ausnahmsweise ist der deutsche Titel einmal besser als das Original) steht für sich allein.

In der Rahmenhandlung begibt sich ein Architekt zwecks Umbauten zu einem abgelegenen Landhaus, wo ihn eine freundliche Gesellschaft empfängt, sich aber überrascht zeigt, daß dem Gast die ganze Zusammenkunft aus einem Traum schon bekannt vorkommt, er jedoch die Details des Traums nicht benennen kann, nur einzelne verschwommene Aspekte und Begebenheiten, die dann nach und nach auch alle eintreten. Diese Tatsachen werden im Folgenden diskutiert, wobei ein anwesender Psychiater die wissenschaftliche Seite vertritt, während die übrigen einzelne eigene Erlebnisse erzählen, die es zu erfahren, aber vielleicht nicht zu verstehen gilt.

Interessanterweise wirkt „Dead of Night“ so erstmal weniger wie ein Gruselfilm, sondern eher wie eine leichte Komödie mit phantastischen Untertönen – und auch die gelieferten Episoden sind dann gestalterisch und atmosphärisch sehr unterschiedlich. Auch die Länge schwankt extrem.

Die kürzeste Geschichte, in der ein verunglückter Rennfahrer ein Erlebnis mit einem unheimlichen Leichenwagenfahrer hat, ist auch die kürzeste und ihr unheimliches Potential wird dabei nie voll ausgeschöpft. Heute würde man sie zu den urbanen Mythen einordnen.
Die darauf folgende Weihnachtsgeschichte wirkt ebenfalls kaum ausgereift, ein Mädchen begegnet beim weihnachtlichen Versteckspiel dem Geist eines Jungen, der getröstet werden will.
Auch hier werden die übernatürlichen Elemente stark herunter gespielt, ohne das es für die Beteiligten wirkliche Folgen hätte – im Gegenteil, alles wirkt leicht beiläufig und unpointiert.

Mit der dritten Episode nimmt der Film endlich Fahrt auf, die Story über einen alten verfluchten Spiegel, der ein altertümliches Kaminzimmer zeigt und eine unselige Wirkung auf seinen männlichen Betrachter hat, ist schon ein bißchen stärker, leidet aber auch unter seinem offenbar schmalen Budget. Der Plot ist unheimlich, aber ungeschickt erzählt und hätte ein paar gute Wendungen nötig gehabt.
Schon hier wird deutlich wie sehr sich der Film gesellschaftlichen Veränderungen verhaftet, denn auch hier sind Frauen das aktive Element der Geschichte. Zeigte sich beim „Leichenwagen“ eine Krankenschwester als stabiles Element und beim Weihnachtsgeist ein heranwachsendes Mädchen als Verkörperung der beginnenden Reife (sie lehnt eine Knutscherei ab und wird mütterlich), so fällt hier der Ehemann unter den Zwang des Spiegels, während seine (für diese Zeit) moderne Frau den Fluch brechen kann.

Danach wird der Ton wieder leichter, die Story um zwei konkurrierende Golfer, die um eine Frau, in die sich beide verliebt haben, spielen, ist typisches Komödienmaterial, das Anklänge zur damals aktuellen „weißen Serie“ (mit Himmelsthematiken) hörbar macht. Der Verlierer geht ins Wasser und kehrt als Geist zurück, der an seinen Kumpan gebunden ist. Das Ergebnis ist eine flotte Komödie mit ein paar netten Tricks, bei der ebenfalls die Männer als schwaches Element dargestellt werden (mehr an Golf als an der Frau interessiert) und die Frau selbstbewußt über sich abstimmen läßt, ihrer (sexuellen) Rolle gewiß.

Die letzte Episode hat dann eher die Filmgeschichte beeindruckt, die Story eines Bauchredners und seiner Puppe, der nicht mehr bestimmen kann, ob er neben oder nur durch die Puppe lebt. Die Puppe selbst ist ein kleines Meisterstück, ebenso witzig wie gruselig und der Ton endlich einmal angemessen düster.

Im Anschluß schließt sich die Rahmenhandlung und entpuppt sich als Traum, nicht ohne in einer Alptraummontage endlich das Horrorpotential auszuschöpfen, das ohnehin da gewesen wäre. Auf der Flucht vor sich selbst durchläuft der Architekt noch einmal alle Orte der Episoden und sieht sich mit den Darstellern konfrontiert, wofür die Regisseure wirklich beunruhigende Bilder finden.

Alles in allem sicherlich ein außerordentlich stilbildender Film, aber nicht das Meisterwerk, das allgemeine Unkenntnis aus ihm gemacht hat, als Gruselfilm könnte er deutlich stärker sein. Seine Momente, die man nicht so schnell vergißt, hat er aber trotzdem und wirkt wie ein Zäsurmarke in der Geschichte des britischen Films. Was dann folgte, waren Meisterwerke wie „A Matter of Life and Death“ im folgenden Jahr – der Start in die Moderne war geglückt. (7/10)

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