Ein Gefühl der Ungerechtigkeit übermannt den Betrachter, wenn Boris Karloff im Prolog als Verurteilter den Gang zum elektrischen Stuhl antritt. Das Gefühl mag immer noch von seiner Paraderolle herrühren; als Frankensteins Monster hatte er ein knappes Jahrzehnt zuvor schließlich einer Kreatur Leben eingehaucht, die sich dadurch auszeichnete, nicht Herr der eigenen Taten zu sein. Und obwohl Karloff zwischen „Frankenstein“ und „Schwarzer Freitag“ in fast 50 (!) weiteren Produktionen zu sehen war, klingt immer noch das Echo des Mitleids nach, das man einst für die unglückselige Frankenstein-Schöpfung empfand.
Dr. Ernest Sovac (Karloff) jedenfalls, so wird behauptet, soll seinen guten Freund, Professor George Kinsley (Stanley Ridges), ermordet haben. Dem Journalisten einer Zeitung, die als einzige immer neutral über ihn berichtet hatte, drückt der gutmütig wirkende Sovac auf seiner letzten Meile sein Tagebuch in die Hand, dessen Inhalt in der folgenden Stunde zur Filmhandlung ausgebreitet wird, bevor der Epilog schließlich zur Ausgangssituation zurückkehrt. Eine typische Klammergeschichte, in der nichts so ist, wie es anfangs erscheint.
Dabei verrät „Schwarzer Freitag“ seine wahre Natur schon früh. Der Spinning-Newspaper-Effekt ist es, mit dem sich ein Portal in die Dimension der B-Movies öffnet. Die sich drehende Zeitung mit Schlagzeilen, wer kennt sie nicht zumindest als satirisches Konzentrat aus den „Simpsons“, taucht als ein frühes Signal dafür auf, dass wir es nicht mit einem seriös geschriebenen und ruhig inszenierten Dead-Man-Walking-Drama zu tun bekommen werden, sondern mit einer tollkühnen Mischung aus reißerischem Krimi und psychologischem Horrorfilm, deren selten erforschte Überschneidungspunkte sich zum zentralen Merkmal von Arthur Lubins Regiearbeit ausformen werden. Allerhand Genre-Merkmale trägt sie in sich, ist dabei aber alles, nur kein lupenreines Genre-Werk.
Alleine schon zu sehen, wie Bela Lugosi als finster grinsender Gangster in einer kleinen Nebenrolle verschwendet wird, führt zu einem seltsamen Verzerrungseffekt der Hierarchien und Erwartungen, zumal er es ist, der neben Karloff auf dem Plakat als zweite Kraft beworben wird, die Kürze seines Auftritts nach der Umbesetzung völlig ignorierend. Im Karussell des Casting-Prozesses rutschte er aus dem Sattel, als die Besetzung der Figuren für die Befindlichkeiten und Fähigkeiten Karloffs neu rotiert werden musste, so dass wir diesmal leider nicht in den Genuss des direkten Zusammenspiels zweier Horror-Ikonen ihrer Zeit kommen, wie ursprünglich mit den beiden zentralen Figuren Sovac und Kinsley angedacht. Gewissermaßen spiegelt die finale Rollenverteilung damit bereits die damalige Position der beiden Stars in Hollywood sowie ihre Bewertung in der Presse und bei der Kritik, sollte Lugosis von Stolz und Überzeugung gelenktes Spiel doch zunehmend zur Outsider-Kunst geraten, die sich im System am Ende mit ein paar Brocken am Wegesrand zufrieden geben musste, ungeachtet der Verkultung, die ihr lange Zeit später widerfahren würde.
So wird also Karloff, trotz der eigentlich mit höherem Aufwand versehenen Rolle von Stanley Ridges, zum alleinigen Star in einem Konstrukt, das eigentlich eine Zwei-PS-Maschine hätte werden sollen, während von seinem Kompagnon aus seligen Horror-Tagen lediglich die eindringlichen Phantombilder weniger Sekunden intensiven Starrens zurückbleiben. Abgesehen von den beiden großen Namen im Cast und ihrer ureigenen Ausstrahlung bildet sich der Horror-Anteil von „Schwarzer Freitag“ vor allem in den abenteuerlichen Ausschweifungen dessen ab, was sich das Drehbuch von Curt Siodmak an medizinischer Vorstellungskraft leisten würde. Einerseits ist das exemplarisch für Universal, das zu jener Zeit einen Nährboden zu legen begann für Filmstoffe, die sich keines noch so hanebüchenen Einfalls schämten, aber doch ist es wieder nicht puristisch und altmodisch genug, um etwa den sensationsgierigen Fortsetzungen und Crossovers der hauseigenen Klassiker zu ähneln. Hier geht es nun um die Transplantation von Gehirnzellen eines Kriminellen in den Kopf eines aufrichtigen Gelehrten. Gehirn- und Körpertausch also, ein Motiv, das uns in den Folgejahrzehnten in den unterschiedlichsten Ausprägungen immer wieder begegnen würde; nicht zufällig schrieb Siodmak zwei Jahre später den Roman „Donovan’s Brain“, der 1953 unter gleichem Namen verfilmt werden sollte.
Eigentlich ist „Schwarzer Freitag“ aber kein typischer Mad-Scientist-Schlock, der in erster Linie niedere Instinkte bedienen will, sondern vielmehr ein dramatischer Gangsterstreifen mit Noir-Anleihen, der immer wieder Zugang zur Psychologie seiner Charaktere sucht, indem er mit den Identitäten seiner Hauptfiguren spielt. Der Gangsterfilm war als Subgenre zu jener Zeit durch die Einführung des Hays Codes in seiner Ausdruckskraft bereits gedrosselt, befand sich aber gerade mit Werken wie „Chicago – Engel mit schmutzigen Gesichtern“ (1938) oder „Die wilden Zwanziger“ (1939) in einer immer noch lautstarken Spätphase. Karloff war in dieser Stilrichtung bei weitem nicht unbewandert, hatte er doch unter anderem in Howard Hawks „Das Strafgesetzbuch“ (1931) bereits einen garstigen Gefängnisinsassen gespielt und in „Scarface“ (1932) einen irischen Gangster. Vor allem aber „Die Rache des Toten“ (1936) von Michael Curtiz weist massive Ähnlichkeiten mit der vorliegenden Mixtur aus Gangster- und Horrorfilm auf, wurden darin doch ebenfalls die Überschneidungspunkte zwischen Monster und Kriminellem gesucht und letztlich in dem Umstand gefunden, dass die Protagonisten in beiden Genres äußeren Umständen ausgeliefert sind, die sich ihrer Kontrolle entziehen.
Auch bei Arthur Lubin ist dies ein zentraler Punkt, denn die klassische Gut-Böse-Verteilung mag in der Anlage der geschriebenen Figuren schlummern, vermischt sich in der laufenden Geschichte aber zu Momenten, die aus ethischer Sicht schwierig einzuordnen sind. Obgleich Karloffs Gesicht manches Mal so dämonisch ausgeleuchtet wird wie in Karl Freunds „Die Mumie“, spielt er letztlich einen Mann auf Abwegen, der sich immer wieder in moralisch uneindeutige Situationen manövriert. Ähnlich ambivalent steht es um seinen Kollegen Stanley Ridges, der als Schauspieler lediglich seinen Körper bereitstellt, um zwei gegensätzlichen Figuren als Hülse zu dienen. Wischt man die naive Faszination des Drehbuchs für den menschlichen Denkapparat einmal beiseite, ergibt sich aus der Prämisse ein durchaus spannender, weil schwer zu be- oder gar verurteilender Ablauf.
Sich „Schwarzer Freitag“ als Duell der Classic-Horror-Giganten vorzustellen, das er hätte werden können, ist sicherlich mindestens so interessant wie das tatsächliche Ergebnis. Bela Lugosi ist in seiner Rolle völlig verschenkt und seine Auftritte verärgern gar, weil sie aufzeigen, um wie viel intensiver das Ergebnis mit ihm in der Position von Stanley Ridges ausgefallen wäre, nicht nur aufgrund der zu erwartenden Dynamik im Zusammenspiel mit Boris Karloff. Dennoch ist Arthur Lubin ohne viel Wirbel und Brimborium ein stellenweise durchaus fesselndes Charakterstück gelungen, dessen psychologische Fragestellungen die volle Stunde bei Laune halten, auch wenn das Drehbuch dem B-Kino nur allzu offensichtlich verpflichtet ist und das fundamentale Grauen einer Mary Shelley längst nicht mehr die Tragfläche bildet, sondern vielmehr die Stilblüten bildende Fantasie endloser Serien von Groschenheften.