Eine abgelegene Insel mit einem von Frauen regierten Dorfgrüppchen im Taumel heidnischer Fruchtbarkeitsrituale, ein traumatisierter Polizist auf der Suche nach Erlösung, ein verschwundenes Kind, das sind eigentlich die Zutaten aus denen man gute Horror-Thriller(-Remakes) dreht.
Und trotzdem gelingt Regisseur Neil LaBute mit seiner amerikanisierten Version des britischen Klassikers „The Wicker Man“ nur ein dramaturgisches Kuddelmuddel, das mehr Löcher aufweist als ein handelsübliches Nudelsieb.
Alles fängt noch recht beeindruckend an, ein furchtbarer Unfall, der einer Mutter mit Kind das Leben kostet und Motorradcop Nicholas Cage um den Nachtschlaf bringt. Dann der Hilferuf einer alten Freundin, deren Tochter verschwunden ist und der Aufbruch ins Unbekannte, wo noch in keinem Film ein Handynetz im entscheidenden Augenblick funktioniert hat.
Es sind interessante Ansätze, die den Zuschauer immer wieder hoffen lassen, dass man es hier mit Qualitätsarbeit zu tun hat. Das Skript erweitert die Sektierer um eine matriarchalische Komponente, degradiert die Männer zu Arbeitsbienen und gruppiert die dominanten Frauen um eine Art Bienenkönigin. Dazu werden prägnante Bilder einer abgeschottet lebenden Gemeinschaft geboten (die auch noch Imkerei betreibt) gereicht, alte Häuser, eine zerfallene Kirche, eine Jesusstatue in einem überfluteten Kryptagewölbe, ein sinistres Zwillingspärchen mit irrem Blick und immer wieder das auftauchende und wieder verschwindende Mädchen.
Doch immer wenn man glaubt, etwas Handfestes greifen zu können, windet sich der Plot und die Spannungskurve bleibt im Regen stehen.
So beruht ein Großteil der Wirkung des Films auf seinem Schlußtwist und der funktioniert wiederum nur verstörend und betroffen machend, wenn man eine gewisse Sympathie zur Hauptfigur aufgebaut hat.
Nur leider lässt es Neil LaBute, dem sowieso nachgesagt wird, dass Frauen in seinen Filmen zu den Unsympathen tendieren, dazu nicht kommen.
Cage spielt seinen Cop so, als ginge es darum einen Antipathiewettbewerb zwischen ihm und den Keltennachfahren zu gewinnen.
Mit der Subtilität und Raffinesse einer Panzerfaust läuft er flipperkugelgleich über die Insel und brüskiert jeden, der nicht schnell genug beim Kornernten ist. Wo gewitztes Hinterfragen, gefühlvolle Aufklärung und kühle Analyse der eh schon bedrohlich abgelegenen Grundsituation nötig wären, provoziert er nach Kräften und vom Drehbuch allein gelassen, so ziemlich jeden Inselbewohner, ob nun nett oder nicht.
Selbige sind schon von der Storyanlage nun nicht gerade die Nettesten und Gefühle ruft erst die Szene kurz vor Schluß hervor, in der Cage seiner Herbergsmutti gepflegt auf die Fresse gibt – nur sind es rohe Reaktionen, die der sonst intelligenten Grundstory zuwider laufen.
Doch nicht nur das: zwischen all den Provokationen verliert der Held hier sein eigentliches Ziel immer wieder aus den Augen, bleiben die offensichtlichsten Fragen ungestellt, gebärdet sich der Cop immer so, als sei er die Allmacht des Universums, wofür es überhaupt keinen Grund gibt.
Daß man das als Auseinandersetzung zwischen den üblichen (Patricharchat) und den Inselgesetzen (Matriarchat) werten kann, ist schon das Einzige, was man hier als Nährwert ausmachen kann.
Und noch viel schlimmer sind all die Logiklöcher, die dem aufmerksamen Zuschauer die Geduld vermiesen. Da kostümiert sich Cage in einem Bärenkostüm, um einer seltsamen Ernteprozession beizuwohnen, obwohl er dem Menschenauflauf bequem im Wald hätte folgen können. Da taucht er in einem Kryptagewölbe herum und wird prompt eine Nacht eingeschlossen, ohne das es dafür einen sinnvollen Grund geben würde. Da werden ihm seine Selbsthilfehörbücher gestohlen, obwohl die in der Handlung gar keine Funktion haben.
Und der Pilot zum Festland wird offensichtlich von den Damen des Bösen gemeuchelt, obwohl ja eigentlich Mord auf der Insel nicht vorkommen soll.
Viele werden den Film auch als Etikettenschwindel aburteilen, da der Trailer eher einen Horrorfilm vermuten lässt, obwohl Übernatürliches nicht Gegenstand der Sache ist.
Um so unverständlicher dünkt da das rätselhafte Verschwinden der Unfallopfer vom Anfang, das anders gar nicht erklärt werden kann, denn die Inselbewohner sind ganz normale Menschen.
Aber offenbar hatten die Macher gerade an dieser Sequenz einen Narren gefressen, präsentieren sie die Unfallszene doch im Filmverlauf ein gutes halbes Dutzend mal aus den verschiedensten Perspektiven als Vision oder Traum, ohne das das zu inhaltlichen Rückschlüssen oder Fortentwicklungen führen würde.
Am Ende ist einem die Hauptfigur herzlich egal geworden und so verfehlt auch der Schlußgag leider fast völlig seine Wirkung – über den angehängten Epilog betten wir mal schleunigst den Mantel des Vergessens.
Die schauspielerischen Leistungen sind eigentlich dabei gar nicht so schlecht, Cage ist weniger hölzern, als das ihm das Skriptwirrwarr gar kein anderes Material anbietet.
Ellen Burstyn ist wie üblich souverän und Leelee Sobieski kann in ihren Szenen auch überzeugen.
Dennoch ist der Gesamteindruck einfach nur enttäuschend, inszeniert von einem Regisseur, der für diese Art von Thriller offenbar ungeeignet, so mechanisch läuft hier vieles ab.
Und die wenigen unheimlichen Bilder, die der Film überhaupt aufbieten kann, sind so rar gesät, das man die manchmal aufkeimende Atmosphäre fast gar nicht mehr spürt.
Ärgerlich, eine verpasste Chance. (3/10)