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„Glauben Sie an Telepathie?“

Die vom britischen Regisseur Alfred Hitchcock zwischen seinen Filmen „Saboteure“ und „Das Rettungsboot“ inszenierte US-Produktion „Im Schatten des Zweifels“ basiert auf einer Geschichte Gordon McDonells und wurde im Jahre 1943 veröffentlicht. Den Mix aus Drama und Thriller mit komödiantischen Anleihen bezeichnete Hitchcocks wiederholt als seinen Lieblingsfilm.

„Das waren noch Zeiten… Nicht so, wie’s heute ist. Da sah die Welt noch anders aus. Nicht so viel Schmutz und Dreck.“

Die beschauliche US-Kleinstadt Santa Rosa scheint kein Wässerchen trüben zu können – bis Onkel Charles (Joseph Cotten, „Citizen Kane“) aus New York seine dort lebende Familie besucht. Die älteste Tochter Charlie (Teresa Wright, „Mrs. Miniver“) ist besonders fasziniert vom charmanten Lebemann aus der Großstadt und pflegt eine enge Verbindung zu ihm. Doch die Idylle bekommt Risse, als Charlie in der Abendzeitung von einem flüchtigen Witwenmörder liest und Charles sich zunehmend ungewöhnlich verhält – besteht ein Zusammenhang…?

„Die ganze Welt ist für mich ein Witz!“

Zu Beginn wird Charles von zwei Männern verfolgt, ohne dass das Filmpublikum wüsste, weshalb. Charles reist daraufhin nach Santa Rosa, wo Charlie schwermütig übers Leben philosophiert und mit ihrer neunmalklugen kleinen Schwester Ann (Edna May Wonacott, „Die Liebe unseres Lebens“) sowie ihrem nerdig-autistischen kleinen Bruder zusammenlebt. Nach dem Prolog wird die Familienidylle inklusive ihrer Spleens komödiantisch überzeichnet, was zunächst einen eher harmlosen Film vermuten lässt. Charles überhäuft seine Familie mit Gastgeschenken und lässt sich von Charlie vergöttern. Der Vater und sein Nachbar Herbie (Hume Crony, „Phantom der Oper“) liefern sich schwarzhumorige Dialoge darüber, wie sie sich gegenseitig ermorden, womit Hitchcock seinen Hang zum Makabren anbringt. Mit der Abendzeitung beginnt Charles‘ verdächtiges Verhalten und der Humoranteil wird zurückgedreht.

„Weißt du, dass die Welt ein Schweinestall ist?!“

Hinzu kommt, dass Charles weiterhin verfolgt wird. Man weiß, dass etwas nicht stimmt, kennt jedoch den genauen Grund noch nicht. Will einen der Film auf eine falsche Fährte locken oder ist Charles tatsächlich ein kaltblütiger Mörder? Charlie durchschaut bald die Verfolger ihres Onkels, woraufhin sich einer von ihnen, Detective Jack Graham (Macdonald Carey, „Liebling, zum Diktat“), ihr erklärt. Bis aus dem Verdacht Gewissheit wird, vergeht einige Zeit, doch beständig wird „Im Schatten des Zweifels“ mehr und mehr zu einem richtiggehend bösen Thriller. Vor den Augen der Zuschauerschaft wandelt sich Charles vom sympathischen, großzügigen und weltgewandten Onkel zum Schurken – und beweist damit, welche Abgründe unter einer hellscheinenden Oberfläche lauern können. Hitchcock inszeniert diesen Wandel derart perfide, dass man es auch als Zuschauerin oder Zuschauer kaum glauben kann und beinahe geneigt ist, als Fürsprecher Charles‘ zu fungieren.

Dadurch schwebt gleichwohl die große Frage über der Handlung, wie weit Charles gehen wird, wann und wie die Lage eskalieren wird. Der Stil entwickelt sich gegen Ende dabei eher in Richtung eines Dramas, ohne seine Wirkung zu verfehlen. Der dramatische Aspekt hängt zudem mit der Entwicklung zusammen, die Sympathieträgerin Charlie durchmacht. Sein Spiel mit Suspense und Spannung beherrscht Hitchcock auch in diesem Film mehr als gut und überträgt es auf den Mikrokosmos einer Familie. Einige Parallelen zu seinem späteren Erfolg „Das Fenster zum Hof“ drängen sich natürlich auf; etwas seltsam mutet hingegen die früh im Film gezeigte Szene einer Art Tanzveranstaltung an, die auch für kurze Zwischenschnitte bei Szenenübergängen genutzt wird. Erinnerungswürdig sind neben der stimmigen Schwarzweißfotografie mit vielen visuellen Details und Symbolen ansonsten das freche und großspurige Auftreten Charlies Vaters in einer Bank, ein starker Monolog Charles gegenüber Charlie in einer Bar und nicht zuletzt die Namensdualität, die auf zwei Seiten einer Medaille verweisen.

Dafür blättere ich gern in 7,5 von 10 Abendzeitungen.

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