Eine Fabrik, die Tiere herstellt. Ein Ort, den man nur als Gebeutelter, Missbrauchter und Geschundener verlassen kann. Das will Steve Buscemi mit dem Titel seines Films wohl ausdrücken. Der deutsche Zusatz "Die Rache eines Verurteilten" ist eigentlich relativ unpassend, aber dennoch irgendwie auf seine Art und Weise treffend.
Der 21 jährige Ron Decker rächt sich schon an den Gefangenen. Aber mit ausschließlich intelligenten (zumindest fast immer) Mitteln. Verurteilt wegen Drogenhandels wird er in den Knast gesteckt, der der Hölle gleich kommt. Man ist nicht mehr als ein Stück Vieh, zu jeder Sekunde muss man hellwach sein, um nicht abgestochen, malträtiert oder vergewaltigt zu werden. Als Einzelgänger hat man keine Chance, man ist geradezu gezwungen, sich ein paar erfahreneren Häftlingen zu fügen, sich auf diese einlassen. Solch Sträfling ist Earl Copen, der Ron das Überleben lehrt. Denn im Gefängnis herrscht so gut wie jedes Problem, das man sich nur irgendwie denken kann. Es gibt so viel Schwarze wie Weiße, der Rassenhass spielt also eine große Rolle. Es gibt Homosexuelle, die schon mal gern über einen herfallen. Es gibt Bestien, die das Wort Moral nicht annähernd kennen und denen man am besten nie über den wegläuft. Doch auch wenn Earl schon seit 18 Jahren in diesem Knast ist, ihm ist es nicht nur gelungen, zu überleben, sondern auch noch so etwas wie einen gefestigten Charakter und seine Persönlichkeit aufrecht zu erhalten.
Wohl geschunden bis zum Gehtnichtmehr, doch mit einem Durchhaltevermögen, das seinesgleichen sucht, ausgestattet, bringt Earl Ron die Regeln des Knastes bei, ohne aber auf jegliche Art von gängigen Klischees, die fast zwangsweise in solchen Gefängnisfilmen bedient werden, zurückzugreifen. Das ist auch eine große Stärke des Films, inszenziert von Independent-Ikone Steve Buscemi. Trotz knallhartem Alltag, in der jede Sekunde fehlender Aufmerksamkeit mit dem Tod bestraft werden kann, ist Ron so erfrischend anders. Als Häftling. Er sitzt wegen Drogenhandels, lässt aber die Finger von selbigen. Wenn seine Kumpels schon mal die ein oder andere Runde rauchen, fixen oder sich sonst irgendwie zudröhnen, sitzt Ron fast schon brav daneben und weiß es, seine Meinung zu haben. Langsam aber sicher baut sich eine Freundschaft zu Earl auf, dem selbsternannten Boss des Gefängnisses, von jedem akzeptiert und mit Beziehungen zu jedermann ausgestattet, der ihm nur ansatzweise helfen kann. Es ist auf jeden Fall gut, diesen Earl zu kennen. Und er würde Alles für einen tun, wenn man einfach nur nett und aufrichtig zu ihm ist. Somit entwickelt sich nach und nach eine Freundschaft, die man schon als außergewöhnlich bezeichnen kann und in einem Film wohl so noch nicht dagewesen ist.
In einem Alltag voller sexuellen Perversion, Rassenhass und anderer sinnloser Gewalt gibt es da so etwas wie mentale Zuneigung, Vertrauen und sogar Freundschaft. Zunächst ist Ron noch skeptisch, wie nett Earl zu ihm ist, da solch ein soziales Verhalten nicht den harten Richtlinien des Gefängnisses entspricht. Auch wenn er sehr von der Hilfe Earls profitiert, Ron macht sich so seine Gedanken und hat nicht nur einmal Angst, dass Earl nur seine Sympathien will, um ihm irgendwann in den Rücken zu fallen. Diese Theorie wird Ron auch noch von den Gefängnisleitern vor die Nase gehalten, was seine Beunruhigung nur wachsen lässt. Doch mit der Zeit merkt nicht nur Ron, sondern auch der Zuschauer, dass in diesem Knast nicht alles so schlecht und krank ist, wie man am Anfang noch vermutet hat. Wo sonst sinnlose Gewalt herrscht, gibt es auch noch einen Funken Hoffnung. Das mag wohl den meisten Häftlingen nicht auffallen und ist auch im Gesamtbild gesehen vielleicht nur ein Tropfen aus den heißen Stein, doch es ist doch schön zu sehen, was man aus moralischen Werten wie Vertrauen und Aufrichtigkeit alles erreichen kann.
Ich will hier nicht eine Tiefgründigkeit vom Zaun brechen, die in dieser Form gar nicht so extrem existiert, dennoch ist "Animal Factory" nicht nur als Gefängnisfilm anzusehen, sondern irgendwie auch als Art Verbeugung vor der Moral und dem Gewissen. Basierend auf dem Roman von Eddie Bunker, der selber eine kriminelle Vergangenheit hat und auch schon in "Reservoir Dogs" mitwirkte, zeigt der Film nicht nur das knallharte Leben im Knast, gegen das man ab und zu sogar ankämpfen kann, sondern eben auch, was das dementsprechende Verhalten zweier oder mehrerer Menschen alles bewirken kann.
"Animal Factory" macht einen großen Bogen über die doch recht einseitigen Gefängnisfilm-Klischees, greift auf spärliche musikalische Musikuntermalung zurück, die aber umso ergreifender ist und an "Dead Man" erinnert, lässt die beiden Hauptpersonen vollkommen zur Entfaltung kommen und wartet mit einem Ende auf, wie es wohl zufriedenstellender nicht sein könnte. Die Welt ist nicht immer gut. Doch jeder kann seinen Teil dafür tun, ohne größere Probleme zu überstehen. Nicht mehr. Und nicht weniger. Dass der Film nebenbei auch wirklich ein äußerst guter Gefängnisstreifen ist, darf da ruhig erwähnt werden.
8/10 Punkte