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Wenn Danny Trejo im Cast auftaucht, kann es sich eigentlich nur um einen der drei „From dusk till dawn“ Teile oder um einen Knastfilm handeln.
Nichts scheint nahe liegender, als sein markantes Gesicht hinter Gitter zu sehen, zumal er dort auch tatsächlich einen Teil seines Lebens verbracht hat.
Aber er ist nur eine Randfigur, eine glaubwürdige Zutat in Eddie Bunkers Gefängnisdrama, das sich intensiv mit dem Thema Freundschaft und Vertrauen auseinandersetzt.

Im Mittelpunkt stehen die Figuren Ron (Edward Furlong) und Earl (Willem Dafoe).
Der 21jährige Ron wandert wegen Drogenvergehen ins Gefängnis und muss schleunigst Anschluss finden, um nicht unter die Räder zu kommen. Schnell lernt er Earl kennen, der bereits 18 Jahre Knast auf dem Buckel hat und sich selbst als Boss der Anstalt sieht.
Earl hat großen Einfluss, der bis hinauf in die Anstaltsleitung reicht.
Er hilft dem Neuling, wo er nur kann, doch was wird für ihn dabei am Ende herausspringen?

Geschickt spielt Regisseur Buscemi mit der einschlägigen Erwartungshaltung des Zuschauers, der, wenn er bereits einige Knastfilme gesehen hat, irgendwann eine dreckige Wendung erwartet. Haben wir bei „Lock Up“ nicht gelernt: TKA – Trau keinem anderen?
Es scheint fast nicht nachvollziehbar, dass Earl sich so selbstlos für den Neuling einsetzt, für ihn sogar recht lange Zeit in Einzelhaft kommt, sein psychiatrisches Gutachten fälscht und jegliche Bedrohung, die von den bösen Buben ausgeht, von Ron fernhält.
Immer wieder führen sexuelle Anspielungen gegenüber Ron auf die falsche Fährte, ständig erwartet man die 180-Grad-Wendung, den großen Knall.
Ist das wirklich eine aufrechte Freundschaft unter Knastbrüdern, oder steckt mehr dahinter?

Earls Charakterisierung ist allerdings zu subtil ausgefallen, um eine derartige Wandlung zuzulassen und zwischen den Zeilen erfährt man auch den Grund seines Einsatzes für Ron.
So geht Earl bereits nach kurzer Zeit als Sympathieträger hervor, was allein dem grandiosen Spiel Willem Dafoes zu verdanken ist. Kahlrasiert, gut durchtrainiert und mit der etwas befremdlich wirkenden Synchro von Manfred Lehmann ausgestattet, fällt es dem Zuschauer nicht schwer, Zugang zu seiner Person zu finden. Der Mann hat Erfahrung, Fingerspitzengefühl im Umgang mit Konflikten und er hat eine ungeheure Präsenz. Einmal sagt er zu Ron: “Alles was einen Sträfling auszeichnet, ist sein Ruf“.
Und Earls guter Ruf hält fast jegliche Konflikte von Ron fern und beschafft ihm sogar einen guten Job und eine bessere Zelle.
Zuweilen wird das etwas fahrig erzählt, aber Dank der herausragenden Darsteller, kein allzu großer Kritikpunkt.

Wenn man Knastdramen bislang vielleicht nur als eine Fundgrube von Klischees und Schwarz-Weiß-Malerei angesehen hat, wird man mit „Animal Factory“ größtenteils eines Besseren belehrt.
Natürlich bleiben perverse Übergriffe und homosexuelle Anspielungen nicht aus, aber sie zu auszulassen, hieße, die Realität zu verdrehen oder gar schön zu reden.

Weniger nachvollziehbar halte ich hier den reibungslosen Ablauf innerhalb einzelner Cliquen.
Es gibt keine Streitereien, keine Reibereien und jeder kann sich auf den anderen verlassen.
Für so schwere Jungs, die auch alle nach heftigem Kerbholz aussehen, etwas zuviel Gutmensch. Da ist zumindest noch ein regelmäßiger Drogenkonsum feststellbar, immerhin.

Dennoch, Buscemi hat dem Knaststoff eine ansprechende Atmosphäre verpasst, schwelgt vielleicht manchmal etwas zu lange im Alltagsgeschehen, bringt aber eine Authentizität, die durch die hervorragenden Darsteller brillant transportiert wird.
Neben Willem Dafoe ist Furlong zwar fast blass, aber seine zurückhaltende Rolle meistert er dennoch mit Bravour.
Fast nicht zu erkennen, gibt sich Mickey Rourke als Furlongs Zellengenosse die Ehre: Geschminkt als metrosexuelles Etwas mit Muskeln und ständigen, eindeutigen Aussagen.
Die übrigen Knastbrüder, wie Danny Trejo, der an der Seite Dafoes als ausführendes Organ handelt, erfüllen ihre Aufgabe ebenfalls sehr gut.

Man darf bei diesem Gefängnisfilm nicht allzu viel Dramatik erwarten, nicht die üblichen Kloppereien oder rasante Fluchtversuche, auch wenn es gegen Ende einen nicht unspannenden gibt.
Der Unterhaltungswert ergibt sich durch das Zusammenspiel der Charaktere, die zwischen den Zeilen eine Menge Emotionen vermitteln, ohne dabei allzu sehr ins Pathos zu versinken.
Eine Geschichte über tiefe Verbundenheit, Identifikation und im weitesten Sinne Selbstverwirklichung birgt „Animal Factory“.

Kein Stoff, den man nebenher sieht, aber einer, der durchweg anspricht und einem eher ungewöhnlichen Aufenthalt hinter Gittern beschert.
7,5 von 10

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